Rekordtief bei Geburten: Glaubt Österreich nicht mehr an die Zukunft?
Demografie-Schock: 2025 bringt Österreichs Geburtenrate ein Rekordtief. Und die Stimmung? Sank ebenfalls tief ins Minus. Glaubt das Land noch an morgen?
In Zeiten allgemeiner Unsicherheit wird die Entscheidung für ein Kind oft aufgeschoben, vor allem, wenn es das erste ist.APA/HELMUT FOHRINGER/EXXPRESS
So wenige Kinder wie noch nie: Mit 1,29 Kindern pro Frau ist die Geburtenrate 2025 in Österreich auf ein historisches Tief gefallen. Seit Beginn der Aufzeichnungen lag der Wert nie niedriger. Zum Vergleich: Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung wären rund 2,1 Kinder pro Frau nötig.
Noch 2021 lag die Rate bei 1,48. Dann kam der Absturz: auf 1,32, dann auf 1,31, und 2024 auf 1,29: innerhalb weniger Jahre ein Einbruch um fast 0,2 Punkte. Das ist kein langsames Ausgleiten, sondern ein scharfer Knick. Das ist nicht nur eine Zahl – das ist ein Signal: Familien verschieben Zukunft.
Österreich folgt einem europäischen Trend – aber besonders stark
Österreich ist nicht allein: In der EU rutschten die Geburten nach einem kurzen Corona-Zwischenhoch ab 2022 fast überall deutlich ab. In Deutschland sank die Fertilität von 1,58 (2021) auf 1,39 (2023), in Frankreich im selben Zeitraum von 1,84 auf 1,66, und in der EU insgesamt von 1,53 auf 1,38.
Doch in Österreich fällt die Dynamik besonders ins Auge: Der Absturz seit 2021 ist stärker als in vielen vergleichbaren Ländern. Im vergangenen Jahr kamen nur 75.718 Kinder zur Welt – ein historischer Tiefstand.
Geburten reagieren empfindlich auf Unsicherheit
Ein Blick in andere Länder zeigt: Krisen drücken Geburten. Das Phänomen ist nicht neu.
Spanien – der Crash nach der Finanzkrise
Zwischen 2007 und 2013 explodierte die Arbeitslosigkeit von 8 auf über 26 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg zeitweise auf über 55 Prozent. Parallel fiel die Geburtenrate von 1,45 auf 1,27 – und rutschte später weiter ab.
Italien – Unsicherheit als Geburtenbremse
Während der Euro-Schuldenkrise 2011/12 sank das Konsumentenvertrauen massiv. Studien zeigen: Allein der mediale Unsicherheitsschock rund um die „Spread“-Krise schlug messbar auf die Geburten durch.
Südkorea – strukturelle Dauerkrise
Seit Jahren steckt Südkorea in einer strukturellen Dauerkrise. Mit 0,72 Kindern pro Frau hat das Land die niedrigste Geburtenrate der Welt. Hohe Wohnkosten, Leistungsdruck und Zukunftssorgen gelten als zentrale Ursachen.
Die Lehre aus all diesen Beispielen: Geburten reagieren empfindlich auf Unsicherheit – besonders Erstgeburten werden verschoben.
Wie ist die Stimmung in Österreich?
Parallel zum Geburteneinbruch ist in Österreich auch die Stimmung gekippt. Das Konsumentenvertrauen – ein internationaler Indikator für Zukunftserwartungen – zeigt es deutlich:
2017: +3,8 (netto optimistisch)
2022: −29,0 (extremes Tief)
2023: −17,8
2024: −19,1
2025: −16,0
Seit der Pandemie befindet sich Österreich durchgehend im pessimistischen Bereich.
Noch deutlicher: Die direkte Zukunftsfrage
Das Stimmungstief belegt auch eine internationale Jahresend-Umfrage von Gallup International („End of Year Survey“). Die Frage lautet: „Glauben Sie, dass das kommende Jahr besser, gleich oder schlechter wird?“ Das Ergebnis wird als Netto-Wert angegeben – ganz einfach berechnet: Netto = Anteil „besser“ minus Anteil „schlechter“. (Wer „gleich“ sagt, wird nicht mitgerechnet.)
Ein negativer Netto-Wert bedeutet also: Mehr Menschen erwarten eine Verschlechterung als eine Verbesserung. Für Österreich fiel dieser „Zukunfts-Glaube“-Wert zuletzt tief ins Minus:
Ende 2022: Netto −31
Ende 2024: Netto −35
Ende 2025: Netto −26
Das Ergebnis ist eindeutig: Jahr für Jahr rechnen deutlich mehr Österreicher mit einem schlechteren Jahr als mit einem besseren.
Warum das für Geburten relevant ist
Demografische Forschung spricht vom „Wert des Wartens“: Wenn Einkommen, Jobs, Inflation, Energiepreise oder politische Stabilität unsicher erscheinen, steigt die Neigung, große Lebensentscheidungen aufzuschieben. Und Kinder sind die größte Zukunftsentscheidung überhaupt.
Auffällig ist die Gleichzeitigkeit in Österreich: Inflationsschock, Energiekrise, Krieg in Europa, politische Unsicherheit, ungelöste Migrationskrise, sowie Rekordpessimismus und ein Rekordtief bei Geburten. Das bedeutet nicht, dass „schlechte Stimmung“ allein verantwortlich ist. Wohnkosten, Vereinbarkeit mit dem Beruf oder spätere Familiengründung spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Daten legen nahe: Zukunftserwartungen sind ein relevanter Teil der Erklärung.
Phase – oder Stimmungsbruch?
Historisch waren Geburten oft prozyklisch: Bessere Konjunktur bedeutete mehr Zuversicht – und mehr Kinder. Doch wenn sich Pessimismus verfestigt, kann aus einem Aufschub ein dauerhafter Trend werden.
Österreich folgt einem europäischen Muster. Doch die Kombination aus historisch niedrigem Zukunftsoptimismus und historisch niedriger Geburtenrate sticht dennoch hervor. Seit Jahren steckt Österreich in einem Stimmungstief. Verliert es nur vorübergehend den Mut – oder dauerhaft den Glauben an eine bessere Zukunft?
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