Schul-Schock: 79 % der Kinder ohne deutsche Erstsprache scheitern beim Schreiben
Neue Bildungsdaten schlagen Alarm: Fast die Hälfte der Volksschüler mit deutscher Erstsprache erreicht den Schreibstandard nicht. Bei Kindern ohne Deutsch als Erstsprache verfehlen ihn sogar 79 Prozent.
Besonders groß ist der Abstand zwischen Kindern mit und ohne Deutsch als Erstsprache.APA/dpa/Philipp von Ditfurth
Neue Daten zur Lage der österreichischen Volksschulen sorgen für Alarmstimmung: Fast die Hälfte der Kinder mit Deutsch als Erstsprache erreicht den Bildungsstandard im Schreiben nicht vollständig – bei Kindern ohne Deutsch als Erstsprache sind es sogar 79 Prozent.
Das zeigen aktuelle Ergebnisse der nationalen Kompetenzmessung des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQS). Besonders problematisch: Das Schreiben ist der größte Schwachpunkt der Volksschule.
Nur 43 % erreichen den Schreib-Standard
Die Untersuchung zeigt deutliche Defizite bei zentralen Grundkompetenzen.
Schreiben: nur 43 % erreichen den Bildungsstandard
Lesen: etwa 59 %
Zuhören: rund 65 %
Mathematik: etwa 84 %
Damit wird klar: Während Mathematik vergleichsweise stabil bleibt, ist Deutsch – insbesondere das Schreiben – das größte Problemfach.
Massive Unterschiede nach Erstsprache
Besonders groß ist der Abstand zwischen Schülern mit und ohne Deutsch als Erstsprache. Bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache verfehlen fast 50 % den Schreib-Standard zumindest teilweise. Bei Kindern ohne Deutsch als Erstsprache sind es laut Auswertung 79 %.
Damit wird ein strukturelles Problem sichtbar: Sprache entscheidet zunehmend über Bildungserfolg.
Schulen in schwierigen Milieus besonders betroffen
Die IQS-Daten zeigen außerdem einen starken Zusammenhang zwischen Leistung und sozialem Hintergrund der Schulen. Schüler an Standorten mit sozial schwächeren Familien erreichen die Bildungsstandards deutlich seltener. Zwischen Schulen mit privilegierten und benachteiligten Milieus entstehen dadurch immer größere Leistungsunterschiede.
Agenda Austria fordert frühe Sprachtests
Der Wiener Thinktank Agenda Austria sieht in den Zahlen ein Warnsignal für das Bildungssystem. „Sinnerfassendes Lesen und das Verfassen von deutschen Texten ist und bleibt entscheidend“, unterstreicht er. „Deshalb sollten Sprachdefizite schon vor Schuleintritt erhoben und dementsprechend angegangen werden – unabhängig von der Erstsprache.“
Mit anderen Worten: Die Probleme beginnen nicht erst in der Schule, sondern oft bereits davor.
Frühförderung wird zur Systemfrage
Tatsächlich zeigt auch das Bildungsministerium, wie groß das Problem mittlerweile ist: Mehr als 23 Prozent der Kinder brauchen bereits in der ersten Klasse Volksschule intensive Deutschförderung.
Für Experten ist klar: Ohne frühere Sprachtests und gezielte Förderung im Kindergarten drohen sich die Defizite weiter zu vergrößern. Denn wer nicht gut lesen und schreiben kann, hat im Bildungssystem kaum eine Chance.
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