Die Kosmologie steht erneut vor einem möglichen Umbruch: Ein internationales Forschungsteam liefert brisante neue Hinweise darauf, dass sich unser Universum in der unmittelbaren Nachbarschaft deutlich langsamer ausdehnt als bislang angenommen. Damit bekommt eines der größten Rätsel der modernen Physik – die sogenannte Hubble-Spannung – neue Dynamik.

Zwei Messungen, ein Problem

Wie Münchner Merkur berichtete, sorgt seit Jahren ein Widerspruch für Kopfzerbrechen:

– Messungen aus dem frühen Universum ergeben eine Expansionsrate von rund 68 km/s pro Megaparsec

– Beobachtungen im heutigen Universum kommen hingegen auf etwa 73 km/s/Mpc

Diese Differenz dürfte es eigentlich nicht geben – und doch ist sie real. Die Folge: Zweifel am bisherigen Verständnis von Kosmos, Physik und sogar der Entstehungsgeschichte des Universums.

Neue Methode, überraschendes Ergebnis

Forscher um David Benisty vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam haben nun einen anderen Ansatz gewählt: Statt explodierende Sterne zu analysieren, untersuchten sie die Bewegung ganzer Galaxiengruppen.

Das Ergebnis ist ein Paukenschlag: Die berechnete Hubble-Konstante liegt bei nur etwa 64 km/s/Mpc

Das ist nicht nur deutlich niedriger als viele bisherige Messungen – sondern auch näher am Wert des frühen Universums. Ein möglicher Hinweis darauf, dass Messmethoden selbst Teil des Problems sein könnten.

Blick auf unsere kosmische Nachbarschaft

Im Fokus der Studie standen zwei bekannte Galaxiengruppen:

– Centaurus-A-Gruppe: Entpuppte sich überraschend als Binärsystem – nicht als einseitig dominierte Struktur

– M81-Gruppe: Zeigt trotz turbulenter Dynamik eine erstaunlich geordnete, großräumige Struktur

Besonders spannend: Die Bewegungen der Galaxien lassen sich vollständig durch das Zusammenspiel von Gravitation und kosmischer Expansion erklären.

Weniger Dunkle Materie nötig?

Das könnte weitreichende Folgen haben: In beiden untersuchten Gruppen scheint weniger (oder sogar keine zusätzliche) Dunkle Materie nötig zu sein, um die beobachteten Bewegungen zu erklären.

Das widerspricht bisherigen Standardmodellen, die Galaxien zwingend in massive Dunkle-Materie-Halos einbetten.

Ist die Kosmologie „kaputt“?

Die neuen Ergebnisse lösen das Rätsel nicht – aber sie verschieben die Fronten:

– Die Hubble-Spannung bleibt bestehen

– Doch ein Teil der Diskrepanz könnte auf lokale Effekte und Eigenbewegungen von Galaxien zurückgehen

– Oder auf systematische Fehler in bisherigen Methoden

Die Forscher wollen ihre Methode nun auf größere kosmische Entfernungen ausweiten. Neue Daten – etwa vom Großteleskop 4MOST – könnten bald weitere Antworten liefern.

Bis dahin gilt: Das Universum gibt seine Geheimnisse nur zögerlich preis – und jede neue Messung könnte das Bild grundlegend verändern.