Um das Phänomen systematisch zu greifen, wurden „mehr als 3000 Zeichen auf rund 260 Objekten“ untersucht. Darunter eine Mammut-Figurine aus Deutschland, die „sage und schreibe 40.000 Jahre alt sein soll“. Auf ihrer Oberfläche entdeckten Forschende „mehrere Reihen von Kreuzen und Punkten“.

Ein weiteres Beispiel: eine etwa ebenso alte Elfenbeinplatte mit einer anthropomorphen Figur. Dort fanden sich ebenfalls Einkerbungen und Punkte. Der Fund ist als „Adorant“ aus der Geißenklösterle-Höhle bekannt und wird mit rund 40.000 Jahren datiert.

Nicht entschlüsselt – aber messbar

Worum es in der Analyse ging, war nicht die Übersetzung eines „Textes“. Im Zentrum standen andere Fragen: Welche Merkmale sind messbar? Welche Häufigkeitsmuster tauchen auf? Welche Parallelen oder Unterschiede ergeben sich im Vergleich zu anderen Zeichensystemen?

Die Bedeutung der Markierungen blieb dabei ausdrücklich außen vor – und bleibt damit weiterhin im Dunkeln. Trotzdem: Allein die systematische Auswertung der Zeichenfolgen liefert Ergebnisse, die die Einordnung der Funde verändern könnten.

Keine Schrift wie heute – aber auch kein Zufallsgekritzel

Sprachforscher Christian Bentz von der Universität des Saarlandes macht eine klare Abgrenzung. Seine Aussage ist eindeutig:

„Mit unseren Auswertungen können wir zunächst belegen, dass die Zeichensequenzen nichts mit unserer heutigen Schrift gemein haben, die gesprochene Sprachen abbildet und eine hohe Informationsdichte aufweist.“

Entscheidend: Diese Zeichen bilden keine gesprochene Sprache ab, wie moderne Alphabete oder Silbenschriften. Ein weiteres Detail: Auf den Objekten „würden sich die Zeichen häufig wiederholen“. Das spricht für ein System mit wiederkehrenden Elementen, nicht für die Abbildung komplexer gesprochener Sätze.

Und doch kommt dann der Satz, der aufhorchen lässt.

Informationsdichte wie Proto-Keilschrift – 40.000 Jahre später

Bentz legt nach – und die Dimension ist enorm:

„Aber unsere Ergebnisse zeigen ebenso, dass die Jäger und Sammler der Altsteinzeit ein Zeichensystem mit statistisch vergleichbarer Informationsdichte wie die frühesten Proto-Keilschrifttafeln aus dem alten Mesopotamien – ganze 40 Jahrtausende später – entwickelt haben.“

Das ist die überraschende Erkenntnis: Ein Zeichensystem, das statistisch in einer ähnlichen Liga spielt wie die frühesten Proto-Keilschrifttafeln – obwohl zwischen beiden Welten ein gigantischer Zeitraum liegt.

Dabei bleibt es wichtig, die Aussage sauber zu halten: Es geht um „statistisch vergleichbare Informationsdichte“, nicht um dieselbe Funktion, nicht um dieselbe Art von Schrift, nicht um dieselbe gesellschaftliche Nutzung. Aber allein dieser Vergleich rückt die Zeichen aus der Altsteinzeit in eine neue Nähe zu frühen Systemen der Informationsspeicherung.

Was sich (angeblich) kaum verändert hat

Wie Watson berichtete, ergibt sich aus der Einschätzung des Teams noch ein zweiter Punkt: Die Vorform der Schrift könnte „wesentlich älter als bisher angenommen“ sein. Und es steht zudem die Idee im Raum, dass sich „zwischen der Altsteinzeit und der ersten Proto-Keilschrift“ nur wenig geändert habe.

Das ist keine Entschlüsselung – aber eine starke These zur Entwicklung von Zeichensystemen über enorme Zeiträume hinweg.

Handlich, tragbar – und auffällig ähnlich

Ein weiterer Blick geht auf die Objekte selbst. Archäologin Ewa Dutkiewicz beschreibt, was man an vielen Stücken merkt:

„Sie waren geschickte Handwerker. Man merkt, dass sie die Gegenstände mit sich getragen haben. Viele davon liegen sehr gut in der Hand, sind gerade so groß, dass sie in die Handfläche passen. Auch das ist bei den Proto-Keilschrifttafeln ähnlich“.

Damit steht nicht nur die Zeichenfolge im Fokus, sondern auch das Format: klein, handlich, tragbar. Und erneut taucht die Parallele zu Proto-Keilschrift auf – diesmal über Form und Haptik.