In der Türkei werden solche Gruppen auch als „Gen-Z-Mafia“ bezeichnet. Besonders im Fokus: die Gruppe „Daltons“.

Recherchen des ARD-Magazins Kontraste zeigen: Der mutmaßliche Boss der Bande lebt offenbar in Russland – und soll von dort aus weiterhin die Fäden ziehen.

Brutal, jung – und öffentlich im Netz

Die Gruppen tragen Namen, die eher an Comics erinnern: „Daltonlar“, „Casperlar“, „Red Kits“ oder „Şirinler“ – inspiriert von Figuren aus „Lucky Luke“ oder „Die Schlümpfe“. Doch hinter den harmlosen Namen steckt brutale Gewalt.

In der Türkei gelten diese Banden als Teil einer „Mafia der neuen Generation“. Allein in Istanbul sollen sie in den vergangenen fünf Jahren mehrere Dutzend Menschen ermordet haben.

Der türkische Investigativjournalist Osman Çaklı beobachtet die Szene seit Jahren. Er beschreibt ein perfides Muster:

„Sie teilen Videos, in denen sie ankündigen, dass sie jemanden töten werden. Und wenn sie getötet haben, veröffentlichen sie auch das.“

Teenager als Auftragskiller

Die Rekrutierung erfolgt vor allem über soziale Medien. Dort präsentieren sich die Gruppen mit Luxusautos, Waffen und Geld. Nach Angaben von Çaklı greifen die Banden gezielt auf Jugendliche zurück – teilweise extrem junge.

„Wir sehen, dass es nicht wenige Jugendliche gibt, die bereits mit 15 Jahren als Killer arbeiten.“

Videos zeigen Teenager, die von Motorrädern oder aus Autos auf Rivalen schießen. Dabei kommen laut Ermittlern häufig schwere Waffen wie Kalaschnikows zum Einsatz.

Flucht nach Europa

In den vergangenen Jahren ging die türkische Justiz verstärkt gegen die Gruppen vor. Gegen zahlreiche Mitglieder wurden Haftbefehle erlassen. Die Folge: Viele führende Köpfe flohen ins Ausland.

„Danach begannen wir, auch in Europa verschiedene Morde und Anschläge zu sehen“, erklärt Çaklı.

Die Gruppierungen sind inzwischen auch verstärkt in Deutschland aktiv. Das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigt das.

Schwerpunkte seien:

– Bedrohung und Erpressung von Geschäftsleuten

– illegaler Waffenhandel

Vor allem in Berlin zeigt sich die Eskalation der Gewalt. In den vergangenen Monaten wurde mehrfach auf Fahrschulen, Supermärkte und Lokale geschossen. Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg beschreibt die Situation deutlich:

„Sie werden unter Druck gesetzt, eingeschüchtert, zum Teil werden Waffen eingesetzt.“

Häufig treffe es Geschäftsleute aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis. Ein besonders drastischer Fall: Ein Supermarktbetreiber erhielt einen Anruf von einem Mann, der sich als „Ahmet von den ‚Daltons‘“ vorstellte. Die Forderung: 250.000 Euro Schutzgeld – sonst würden seine Läden gesprengt. Kurz darauf wurde tatsächlich auf zwei Filialen geschossen.

Der Täter wurde gefasst und zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Laut Gerichtsurteil war er als Minderjähriger nach Deutschland gekommen und in einem Flüchtlingsheim von einem Dalton-Mitglied angeworben worden.

Spezial-Einheiten gegen Mafia-Gewalt

Die Berliner Polizei reagierte mit einer neuen Sondereinheit: „Ferrum“ (lateinisch für Eisen). Ihre Aufgabe: Schusswaffen aus dem Verkehr ziehen und weitere Anschläge verhindern. Parallel arbeitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft die Spezialeinheit „Telum“ (lateinisch für Waffe). Dort sind mittlerweile mehr als 200 Ermittlungsverfahren anhängig.

Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel betont, dass die Ermittlungen häufig internationale Dimensionen haben: „Es wird agiert in verschiedenen europäischen Staaten, es wird auch aus dem nicht-europäischen Ausland heraus agiert und gesteuert und rekrutiert.“ Die Behörden arbeiten deshalb auch mit Europol zusammen.

Der Boss – und seine Russland-Verbindung

Im Zentrum vieler Ermittlungen steht Berat Can Gökdemir, der mutmaßliche Chef der „Daltons“. In der Türkei drohen ihm massive Strafen: 1.281 Jahre Haft plus zweimal lebenslänglich. Die Vorwürfe reichen von Mord über Anstiftung zum Mord bis zu bewaffneten Angriffen, Raub sowie Waffen- und Drogenhandel.

Doch Gökdemir sitzt nicht im Gefängnis. Er hält sich offenbar in Russland auf – und wurde trotz eines Auslieferungsgesuchs nicht an die Türkei übergeben.

Ein Mann, der sich im Gespräch mit Kontraste als Sprecher der „Daltons“ ausgab, behauptet sogar, Gökdemir lebe in einem von der russischen Regierung bereitgestellten „Safe House“ und steuere die Gruppe weiterhin per Handy und Laptop.