Als der exxpress im November 2025 beim MCC Summit zur globalen Drogenepidemie in Budapest mit internationalen Forschern, Medizinern und Suchtexperten sprach, waren die Warnungen deutlich: Cannabis sei längst nicht mehr jene vergleichsweise milde Substanz, als die es in Teilen der politischen und gesellschaftlichen Debatte dargestellt werde.
Steigende Wirkstoffkonzentrationen, eine zunehmende Kommerzialisierung und die kulturelle Verharmlosung des Konsums könnten eine Entwicklung in Gang setzen, deren gesundheitliche Folgen erst nach Jahren vollständig sichtbar werden. Neue Daten aus Deutschland verleihen diesen Warnungen nun zusätzliche Brisanz.

Mehr Vergiftungen und cannabisbedingte Psychosen

Wie der exxpress bereits gestern berichtete, zeigen neue deutsche Klinikdaten nach der Teil-Legalisierung einen Anstieg cannabisbezogener Krankenhausaufnahmen. Besonders deutlich fiel der Zuwachs bei akuten Vergiftungen und cannabisinduzierten Psychosen aus. Insgesamt wurden im ersten Jahr rund 1.400 zusätzliche Fälle bei Erwachsenen registriert.

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Wovor Sylvester Vizi in Budapest warnte

Der ungarische Arzt, Neurowissenschaftler und Pharmakologe Sylvester Vizi hatte beim MCC Summit einen grundlegenden Irrtum der öffentlichen Debatte angesprochen: Cannabis werde weiterhin anhand eines überholten Bildes beurteilt.

„Cannabis ist keine Soft-Drug – wir haben die Evidenz“, erklärte Vizi gegenüber dem exxpress. Die Wirkungen auf das Gehirn würden häufig verharmlost, während Cannabis in Filmen, Musik und sozialen Milieus als kreatives oder entspannendes Lifestyleprodukt dargestellt werde.
Im Gespräch mit dem exxpress betonte er vor allem den kulturellen Faktor: „Es ist kulturell gewachsen, dass man Drogen in Bars oder sozialen Räumen verharmlost. Diese Normalisierung müssen wir stoppen.“

Sein entscheidender Satz lautete damals: „Die Drogen werden immer schlechter, immer gefährlicher.“ Die neuen deutschen Klinikdaten lassen Vizis Warnung zumindest in einem Punkt aktueller erscheinen: Nicht allein die Zahl der Konsumenten ist entscheidend. Ebenso wichtig ist, welche Produkte konsumiert werden und wie hoch deren Wirkstoffkonzentration ist.

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Der verdeckte kommerzielle Markt

Die Autoren der deutschen Krankenhausstudie halten es für möglich, dass nicht primär mehr Menschen mit Cannabis begonnen haben, sondern dass sich ein Teil der Konsumenten hochpotenteren Produkten zugewandt hat.

Im Mittelpunkt steht dabei ausgerechnet medizinisches Cannabis. Dieses kann über telemedizinische Angebote und Online-Apotheken vergleichsweise einfach bezogen werden. Der durchschnittliche THC-Gehalt soll dort bei rund 24 Prozent liegen, während Cannabis aus dem illegalen Straßenhandel im Durchschnitt etwa 15 Prozent erreicht.
Eine weitere Untersuchung von Manthey und Kollegen analysierte über zwölf Monate das Angebot einer deutschen Online-Apotheke. Zwischen Dezember 2024 und November 2025 stieg die Zahl der dort angebotenen Cannabisblüten-Produkte von 266 auf 401.

Produkte mit einem THC-Gehalt zwischen 20 und knapp 30 Prozent machten mehr als zwei Drittel der gemessenen Nachfrage aus. Je höher der THC-Gehalt und je niedriger der Preis, desto stärker war die Nachfrage. Die Forscher sprechen deshalb von einem dynamischen kommerziellen Markt für medizinisches Cannabis, dessen Entwicklung nicht ausreichend an gesundheitspolitischen Prinzipien ausgerichtet sei.

Damit entsteht eine paradoxe Situation: Deutschland hat keinen klassischen legalen Einzelhandelsmarkt für Freizeit-Cannabis geschaffen. Über den medizinischen Bereich könnte sich dennoch ein Markt entwickelt haben, der in Teilen nach kommerziellen Kriterien funktioniert.

Warnung vor Cannabis-Geschäft aus den USA

Genau diesen Mechanismus stellte Kevin Sabet beim MCC Summit in den Mittelpunkt. Der Präsident von Smart Approaches to Marijuana und ehemalige Berater mehrerer US-Regierungen warnte davor, die heutige Cannabisindustrie mit dem Konsum früherer Jahrzehnte gleichzusetzen. Cannabis sei heute keine unveränderte Naturpflanze mehr, sondern ein industrialisiertes und auf maximale Wirkung optimiertes Produkt.

Sabet zog dabei einen Vergleich mit der Tabakindustrie: Nicht die ursprüngliche Pflanze allein habe die gesundheitliche Katastrophe ausgelöst, sondern deren industrielle Verarbeitung, Vermarktung und massenhafte Verfügbarkeit. „Seit 100 Jahren sind Zigaretten tödlich, weil sie von der Tabakbranche kommerzialisiert wurden. Genau das passiert jetzt bei Cannabis“, sagte er im exxpress-Interview.

Sobald Produzenten, Händler und Plattformen wirtschaftlich davon profitieren, möglichst viel und möglichst starkes Cannabis zu verkaufen, entstehe ein grundlegender Interessenkonflikt. Gesundheitspolitische Zurückhaltung stehe dann gegen Wachstumsziele, Marktanteile und Gewinne.

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Nicht jede Legalisierung führt zu denselben Folgen

Eine im Juni veröffentlichte internationale Übersichtsarbeit im Fachjournal „The Lancet Psychiatry“ bestätigt Teile dieser Argumentation – widerspricht aber der pauschalen Annahme, jede Lockerung der Cannabispolitik führe automatisch zu mehr Konsum und psychischen Erkrankungen. Das Team um Tom Freeman von der Universität Bath analysierte politische Veränderungen in zahlreichen Ländern zwischen 2000 und 2025. Bei bloßer Entkriminalisierung oder streng regulierten Modellen fanden die Forscher kaum Hinweise auf einen deutlichen Anstieg des Konsums.

Anders entwickelte sich die Lage in Kanada und Teilen der USA, wo gewinnorientierte Märkte mit vielen Verkaufsstellen, Werbung und hochpotenten Produkten entstanden. Dort nahmen Konsum, Abhängigkeitserkrankungen und Wirkstoffkonzentrationen zu. Auch Krankenhausaufnahmen wegen Psychosen sowie psychotische Erkrankungen im Zusammenhang mit Cannabisabhängigkeit wurden häufiger beobachtet. Einen klaren Anstieg der allgemeinen Häufigkeit psychotischer Erkrankungen konnten die Forscher jedoch nicht durchgehend nachweisen.

Die Frage lautet daher nicht nur, ob Cannabis legalisiert wird, sondern wie: ob ein Staat lediglich entkriminalisiert oder zugleich einen Markt schafft, in dem wirtschaftliche Interessen steigenden Konsum und stärkere Produkte begünstigen.

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Wenn Normalisierung auf wirtschaftliche Interessen trifft

Der Soziologe Carlton Brick beschrieb beim MCC Summit eine weitere Ebene dieses Problems. Moderne Staaten würden Sucht zunehmend nicht mehr als Ausnahmezustand behandeln, aus dem Menschen herausgeführt werden sollten. Stattdessen werde Abhängigkeit verwaltet und sprachlich normalisiert.

Im exxpress-Interview ging Brick noch einen Schritt weiter: Diese Entwicklung sei nicht nur eine Folge medizinischer oder sozialpolitischer Überlegungen, sondern auch Ausdruck eines kulturellen Wandels, in dem Risiken bewusst relativiert würden. Wenn Politik und Gesellschaft beginnen, Sucht primär als dauerhaft zu begleitenden Zustand zu definieren, verliere das Ziel der Abstinenz an Bedeutung – und damit auch der Druck, problematische Entwicklungen frühzeitig zu korrigieren.

Brick kritisierte damit nicht medizinische Hilfe oder akute Schadensbegrenzung an sich. Sein Vorwurf lautete vielmehr, dass aus vorübergehender Unterstützung ein politischer Dauerzustand werden könne, bei dem der Ausstieg aus der Abhängigkeit in den Hintergrund tritt.

Bei Cannabis kommt ein kultureller Faktor hinzu: Wird die Substanz als gewöhnliches Genuss-, Wellness- oder Lifestyleprodukt dargestellt, sinkt möglicherweise nicht nur die Hemmschwelle zum Konsum. Auch Warnungen vor psychischen Risiken erscheinen schneller als übertrieben oder moralistisch.

Die neuen Zahlen aus Deutschland belegen noch keine langfristige gesellschaftliche Entwicklung. Dafür ist der Zeitraum seit April 2024 zu kurz. Sie zeigen aber, dass die frühe Bilanz keineswegs nur aus entfallenen Strafverfahren und legal angebauten Pflanzen besteht.

Im Gespräch mit dem exxpress verwiesen mehrere Experten zudem darauf, dass gerade die Kombination aus gesellschaftlicher Normalisierung und wachsender Verfügbarkeit hochpotenter Produkte ein besonderes Risiko darstellt. Während die öffentliche Debatte häufig auf Strafrecht und individuelle Freiheit fokussiere, würden Fragen nach Wirkstoffgehalt, Konsumintensität und psychischen Langzeitfolgen oft in den Hintergrund treten.

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Deutschland versucht bereits nachzubessern

Die deutsche Bundesregierung hat die Entwicklung auf dem Markt für medizinisches Cannabis inzwischen selbst als „Fehlentwicklung“ bezeichnet. Ein Gesetzentwurf sieht vor, Cannabisblüten grundsätzlich nur noch nach einem persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient zu verschreiben. Auch der Versand von medizinischen Cannabisblüten soll eingeschränkt werden.

Das Gesetzgebungsverfahren war zuletzt jedoch noch nicht abgeschlossen.
Damit bestätigt sich zumindest ein Teil jener Warnungen, die beim MCC Summit in Budapest ausgesprochen wurden: Die gesundheitlichen Folgen hängen nicht ausschließlich davon ab, ob Cannabis formal verboten oder erlaubt ist.
Sie hängen auch davon ab, wie leicht hochpotente Produkte erhältlich sind, welche wirtschaftlichen Interessen den Markt bestimmen und welches Bild die Gesellschaft von der Droge vermittelt.

Die deutsche Entwicklung ist noch keine abschließende Bilanz der Teil-Legalisierung. Sie ist aber ein frühes Warnsignal dafür, dass Liberalisierung ohne konsequente Kontrolle der Potenz, der Vermarktung und der Zugangswege neue Risiken schaffen kann.