Für Yasir Qadhi ist die Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York mehr als ein gewöhnlicher politischer Erfolg. In seiner Rede bezeichnet er sie als historischen Einschnitt. „Die Wahl von jemandem wie Mamdani ist ein Wendepunkt. Wir brauchen jemanden wie Mamdani als Bürgermeister von New York. Und das ist ein Sieg für die Ummah.“

Qadhi versteht diesen Erfolg als Beleg dafür, dass Muslime in westlichen Demokratien nicht nur Teil des politischen Systems sind, sondern es aktiv mitgestalten können – sofern sie ihre Möglichkeiten nutzen.

Kritik nach innen: „Wer das nicht versteht, versteht keine Stärke“

Der Imam richtet seine Worte jedoch nicht nur nach außen, sondern vor allem nach innen. Deutlich kritisiert er Teile der eigenen Community, die sich aus seiner Sicht in abstrakten Debatten verlieren. „Wenn du das nicht verstehst – wenn du das wirklich nicht verstehst –, dann musst du dein Verständnis von zivilisatorischer Stärke grundlegend überdenken.“

Jeder habe eine Rolle zu spielen, sagt Qadhi: Geistliche ebenso wie Politiker. Politische Freiheiten seien keine Bedrohung, sondern eine der größten Stärken muslimischer Gemeinschaften in westlichen Gesellschaften. Besonders scharf fällt Qadhis Abrechnung mit religiösen Grundsatzdiskussionen über politische Beteiligung aus. Ohne Engagement, so Qadhi, wären Projekte und selbst Moscheen gefährdet gewesen.

Mamdanis Sieg sei ein „Wendpunkt“ für die Ummah.APA/AFP/Angelina Katsanis

Demografie als Machtfaktor

Neben politischem Einfluss rückt Qadhi einen zweiten Aspekt in den Mittelpunkt: die Bevölkerungsentwicklung. Die größte Schwäche der Muslime in den USA sei der geringe Anteil von Muslimen – offizielle Schätzungen gehen von einem Prozent aus. Qadhi sieht die muslimische Gemeinschaft in den USA wegen ihrer geringen Größe „benachteiligt“ – wie er in einer anderen Rede unterstreicht.

Doch genau das ändere sich in anderen westlichen Ländern. „Im gesamten westlichen Raum steigen die Prozentsätze – bis zu einem Punkt, der ihnen Angst macht.“ Anschließend nennt er mehrere Beispiele aus Europa und darüber hinaus.

Wien im Fokus: „Die Osmanen scheiterten – die Demografie nicht“

Dabei hebt Qadhi auch extra Wien hervor: „Die Osmanen haben es 200 Jahre lang versucht und nichts erreicht. Und dennoch ist Wien heute zu 10 Prozent muslimisch.“

Der Imam zieht damit einen historischen Vergleich zwischen den beiden gescheiterten osmanischen Belagerungen Wiens und heutigen demografischen Entwicklungen. Gesellschaftlicher Wandel werde nicht durch militärische Eroberung, sondern durch langfristige Faktoren wie Migration, Geburtenraten und politische Teilhabe bestimmt.

Qadhis Zahlenkaskade zu Europa

Demographie und politische Macht zählen zu den Lieblingsthemen Qadhis. In einer weiteren, ausführlicheren Rede präzisiert Qadhi seine Darstellung und behauptet, er sei „in diesem Jahr auch in Wien gewesen“. Der muslimische Bevölkerungsanteil liege dort „fast bei 10 Prozent“, konkret bei etwa 9 Prozent. Wien nennt er in einer Reihe mit Oslo (10 Prozent) und London (rund 10 Prozent).

Besonders zugespitzt spricht er über Paris: Offiziell werde dort von 17 Prozent Muslimen gesprochen, „inoffiziell“ seien es 20 bis 25 Prozent – möglicherweise „jeder Fünfte“. Weitere Beispiele: Toronto liege bei etwa 10 Prozent, Mississauga bei 15 Prozent. In Australien hätten sich die Anteile seit den frühen 2000er-Jahren stark erhöht; Stadtteile wie Lakemba in Sydney beschreibt Qadhi mit bis zu 60 Prozent muslimischer Bevölkerung. Für Malmö prognostiziert er innerhalb von zwei Jahrzehnten einen Anteil von nahe 50 Prozent.

Im Kontrast dazu stellt Qadhi die USA dar: Dort seien Muslime unter einem Prozent der Bevölkerung – eine Schwäche. Gleichzeitig sieht er gerade in den Vereinigten Staaten wegen politischer Freiheiten, Kapitals und Institutionen das größte strategische Potenzial, die Ummah langfristig zu prägen. Entscheidend sei Denken in Generationen: Was in den nächsten 30 Jahren aufgebaut werde, entscheide über die nächsten 300 Jahre.

„Gemeinsamen Feind“ im Nahen Osten „beseitigen“

Die Aussagen zu Wien und Demografie stehen bei Qadhi nicht isoliert. In anderen Reden formuliert er sein Denken grundsätzlicher – teils religiös aufgeladen, teils als konkrete Strategie.

In einer geopolitischen Passage erklärt Qadhi, er sei theologisch und politisch nicht mit dem Iran einverstanden, unterscheide jedoch zwischen „Iman“ (Glauben, auch mit Fehlern) und einem Gegner, den er als „offenen, unverhohlenen Kufr“ (Ungläubigen) beschreibt – ja als „pharaonischen Kufr“. Vermutlich meint er Israel, das er nicht namentlich nennt. Daraus leitet er ab, innerislamische Differenzen vorübergehend zurückzustellen. Beschwerden solle man nicht ignorieren, aber beiseite schieben, „nachdem wir gemeinsam den gemeinsamen Feind beseitigt haben“; erst danach könne man sich wieder internen Konflikten widmen. User auf X sehen darin den unverhohlenen Wunsch nach Auslöschung Israels und , gemeinsam mit dem Mullah-Regime.

Stadtplanung als Strategie

Sehr konkret wird Qadhi beim Aufbau von Strukturen. In einer Rede wirbt er für das Projekt „EPIC City“ in Texas und spricht davon, „eine ganze Stadt“ zu planen: „Nicht hundert Häuser. Tausend Häuser.“ Das sei ein „Gamechanger“ für Muslime in Amerika – mit Moschee, Schulen und kompletter Infrastruktur. Kritiker sehen darin ein ambitioniertes, politisch sensibles Vorhaben, Befürworter ein Modell für institutionellen Aufbau über Generationen hinweg.

Einer der „500 einflussreichsten Muslime“

Yasir Qadhi (geb. 1975) zählt zu den bekanntesten sunnitischen Gelehrten der USA. Der in Houston geborene Sohn pakistanischer Eltern wuchs teilweise in Saudi-Arabien auf, studierte Islamwissenschaften in Medina und promovierte an der Yale University über den mittelalterlichen Gelehrten Ibn Taymiyyah – ein Vorbild vieler Salafisten und Extremisten.

Qadhi ist Resident Scholar am East Plano Islamic Center (EPIC), Dekan des Islamic Seminary of America und Vorsitzender des Fiqh Council of North America. Mit Vorträgen und seinem YouTube-Kanal erreicht er ein großes Publikum und wird regelmäßig unter den „500 einflussreichsten Muslimen“ gelistet. Zugleich sorgt er immer wieder mit umstrittenen Aussagen zu religiösen und gesellschaftlichen Fragen für Kritik, distanzierte sich gleichzeitig von Terrororganisationen wie dem IS und tritt für interreligiösen Dialog ein.

Redaktioneller Hinweis

Der Artikel gibt Aussagen und Einschätzungen aus Reden von Yasir Qadhi wieder. Zitate, Vergleiche und Deutungen spiegeln die Sicht des Sprechers wider. Qadhi behauptet in einer Rede, im laufenden Jahr in Wien gewesen zu sein; eine Anfrage von exxpress.at an das Innenministerium (BMI) blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.