Die Entscheidung, dies zu befürworten, wurde zuvor im Rahmen des von der SPD-Stadtverwaltung organisierten „Runden Tisches der Religionen“ erläutert. An diesem waren Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde in Göttingen beteiligt. Kritik an dem Vorgehen kommt vor allem aus konservativen Kreisen.

„Wir werden uns von Rechtsradikalen nicht einschüchtern lassen“, wird die Göttinger SPD-Oberbürgermeisterin Petra Broistedt vom Göttinger Tageblatt zitiert. Sie bezieht sich dabei auf die Entscheidung der Stadt, den islamischen Muezzin-Ruf zum Fastenbrechen im Ramadan am Dienstag in der umstrittenen Ditib-Moschee in Göttingen zu unterstützen. Auf Instagram teilte die Oberbürgermeisterin ein Video des Muezzin-Rufs und bezeichnete das Vorgehen als einen „lang ersehnten Wunsch“ für die muslimische Gemeinde sowie als einen „wirklich bewegenden Augenblick“.

Bürger durften nicht mitentscheiden

Zustande kam die Idee, den Muezzin-Ruf in Göttingen am Dienstag ertönen zu lassen beim „Runden Tisch der Religionen“, der von der Stadtverwaltung Göttingen unter SPD-Bürgermeisterin Petra Broistedt organisiert wird. Beteiligt am Runden Tisch waren unter anderem der Superintendent der evangelischen Kirche, Dr. Frank Uhlhorn, Dechant Wigbert Schwarze von der Katholischen Kirche in Göttingen und Jaqueline Jürgenliemk, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen. Begründet wurde die Entscheidung mit der im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit, die laut der SPD-Oberbürgermeisterin „nicht nur die innere Überzeugung, sondern auch die sicht- und hörbare Ausübung von Religion“ schützen würde. Laut einer Pressemitteilung der Stadt Göttingen soll die Entscheidung zudem dem Schutz der „gemeinsamen Freiheit“ dienen.

Auf NIUS-Nachfrage, ob die Bürger zum Muezzin-Ruf mitentscheiden konnten, heißt es von Oberbürgermeisterin Petra Broistedt: „Einer behördlichen Genehmigung bzw. Erlaubnis zum einmaligen Muezzin-Ruf als singuläres Ereignis bedurfte es mit Blick auf die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit gar nicht.“ Zum „Runden Tisch der Religionen“ sagt Broistedt zudem, dass das Format dem „Austausch zwischen den Religionsvertreter*innen“ dienen und „kein Bürger*innen-Forum“ sei.

Muezzin-Ruf kommt von islamistischer Erdoğan-Organisation

Der Muezzin-Ruf am Dienstag erklang aus der Ditib-Moschee am Königsstieg in Göttingen. Ditib, kurz für „Diyanet İşleri Türk İslam Birliği“, ist die größte islamische Religionsvereinigung Deutschlands und ein direkter Ableger des türkischen Religionsministeriums Diyanet und der türkischen Regierung des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan unterstellt. Immer wieder fällt die Organisation durch antisemitische und islamistische Äußerungen auf – auch in der knapp 135.000-Einwohner-Stadt Göttingen.

2021 musste der damalige Vorsitzende Mustafa Keskin zurücktreten, nachdem er in sozialen Medien diverse antisemitische Inhalte verbreitet hatte. In mehreren Beiträgen behauptete er unter anderem, Juden seien verflucht und würden die Weltpolitik beherrschen, zudem bezeichnete er Armenier als „Bastardhunde“.

Auf seinem Facebook-Profil war darüber hinaus eine Pistole mit Munition als Profilbild zu sehen. Wiederholt teilte Keskin Inhalte, die als Gewaltaufrufe verstanden werden konnten. Auch eine Collage, die Papst Franziskus mit dem türkischen Rechtsextremisten Mehmet Ali Ağca zeigte, jener Mann, der 1981 ein Attentat auf Johannes Paul II. verübte, veröffentlichte er. Laut WELT wurde darin sinngemäß erklärt, man müsse sich über einen Kopfschuss nicht wundern, wenn man den Völkermord an den Armeniern als historische Realität anerkenne, was Papst Franziskus getan hatte.

Über die Jahre hinweg wurde Keskins Verhalten ignoriert. Mehr noch, das Göttinger Tageblatt sowie das Stadtradio Göttingen boten dem Extremisten immer wieder eine Plattform. Erst nachdem die linke Jugendorganisation „Die Falken” die Vorgänge öffentlich gemacht hatte, legte Keskin auf Aufforderung hin den Vorsitz der Göttinger Ditib-Gemeinde nieder.

Muezzin-Ruf ist „keine politische Erklärung und keine Missionierung“

In der Pressemitteilung der Stadt Göttingen zum Muezzin-Ruf heißt es zudem, dass dieser „keine politische Erklärung und keine Missionierung“ sei, sondern „Teil religiöser Praxis, wie sie durch Artikel 4 des Grundgesetzes geschützt ist“.

Der Muezzin-Ruf ist eine islamische Praktik, bei der ein Gebetsrufer (der sogenannte Muezzin) Muslime lautstark von einem Minarett, einem hohen Turm an der Moschee, traditionell täglich fünf Mal am Tag zum Gebet ruft. Dabei ruft der Muezzin in der Regel bestimmte religiöse Formeln wie „Allahu Akbar!“ (Anm. d. Redaktion: arabisch für Gott ist groß/größer) oder die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, mit dem bezeugt wird, dass der Prophet Muhammad über allem Weltlichen steht.

Darüber, ob der Muezzin-Ruf durchaus politisch zu verstehen sei, wird im öffentlichen Diskurs immer wieder gestritten. Während Politiker wie Hendrik Wüst (CDU) den Muezzin-Ruf als „Beitrag zur Integration“ loben, warnen Islamexperten wie Ahmad Mansour vor dem Muezzin-Ruf als „Machtdemonstration des politischen Islam“.

Stadt Göttingen wehrt Kritik ab

Die Stadt Göttingen hat seit Kurzem eine Frage-und-Antwort-Seite zum Muezzin-Ruf eingerichtet. Dort werden Fragen wie „Ist der Muezzin-Ruf eine unzumutbare Lärmbelästigung?“, „Verlässt die Stadt hier nicht die staatliche Neutralität?“, „Ist der Muezzin-Ruf nicht reine Provokation?“, „Könnten Menschen, die aus muslimischen Ländern geflohen sind, den Ruf nicht als belastend erleben?“ oder „Ist das nicht eine Missionierung im öffentlichen Raum?“ hervorgehoben, und allesamt verneint.

Woher die Kompetenz für diese Antworten stammt und warum auf der Seite keine Kritik am Muezzin-Ruf aufgeführt ist, bleibt unklar.

Junge Union Göttingen spricht sich gegen islamischen Gebetsruf aus

Öffentliche Kritik an der Entscheidung der Stadt gibt es vor allem von der Jungen Union Göttingen. In einem Instagram-Beitrag positioniert sich der Stadtverband klar gegen die Entscheidung der Stadt und argumentiert unter anderem: „Dass die Oberbürgermeisterin diese Entscheidung im absoluten Alleingang und gegen den Konsens der Stadtpolitik getroffen hat, werten wir als echten Affront.“ Die Junge Union Göttingen sieht den „vermeintlichen Testlauf“ als Vorstufe für eine dauerhafte Regelung, die die Gesellschaft spalten und radikale Ränder stärken würde.

Ditib-Moschee will regelmäßigen Muezzin-Ruf

Auf NIUS-Anfrage erläutert die Oberbürgermeisterin Göttingens, dass die Ditib-Gemeinde in Göttingen „in den nächsten Wochen den Dialog mit der Nachbarschaft im Quartier und mit der interessierten Stadtgesellschaft“ suche, um „einen regelmäßigen, einmal im Monat am Freitagmittag ertönenden Ruf abzuwägen“. Damit dies geschehen könne, müsse zunächst ein Lärmgutachten erstellt werden. Broistedt betont zudem, dass es sich dabei nicht um ein Sondergutachten handle, „sondern um ein genehmigungspflichtiges Verfahren mit Auflagen wie bei anderen Schallquellen auch.“

Entscheidend seien dabei Aspekte wie die Lautstärke nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, die Dauer und die Uhrzeit. Würde der von Ditib verfolgte regelmäßige Muezzin-Ruf genehmigt, wäre das Verfahren laut Broistedt „kontrolliert, überprüfbar und widerrufbar“.

Die Gespräche will die umstrittene Moschee am Dienstag, den 17. März 2026, von 17 bis 18 Uhr im Weststadtzentrum in der Pfalz-Grona-Breite 84 in Göttingen abhalten. Zudem soll am Donnerstag, den 26. März 2026, von 18 bis 19 Uhr ein Tag der offenen Moschee in der Gemeinde stattfinden, bei dem ebenfalls die Möglichkeit für Fragen bestehen soll.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.