Die Transparente sind eindeutig. „Die Kürzungen von heute sind die Krisen von morgen“, „No Budget, no Brains“, „Cutting Budget, cutting Future“. Rund 21.000 Menschen zogen Mittwoch Mittag vom Hauptgebäude der Universität Wien über den Ring zum Bundeskanzleramt. Die Stimmung: aufgeheizt. Der Protest: organisiert. Die Botschaft: mehr Geld für die Hochschulen, sofort.
Am Donnerstag sollen die Proteste in allen Bundesländern fortgesetzt werden.
Doch zeitgleich meldete sich ein Akteur zu Wort, der das Bild erheblich verkompliziert.
Der Forschungsrat rechnet nach – und kommt zu anderen Schlüssen
Der Österreichische Wissenschaftsrat Forwit präsentierte gestern seinen neuen FTI-Monitor. Das Fazit ist für die Demonstranten wenig schmeichelhaft: Österreichs Hochschulen werden gut finanziert. Ihr Output im internationalen Vergleich ist dennoch vergleichsweise schwach. „Finanzierung ist nur ein Teil der Rechnung: Es kommt auch darauf an, wie treffsicher die öffentlichen Mittel eingesetzt werden“, sagt Forwit-Vorsitzender Thomas Henzinger.
Der Befund ist nicht neu. Er gilt seit Jahren. Und er wird durch mehr Geld allein nicht verschwinden.
Die Grafik, die Österreich kennen sollte
Agenda-Austria-Chef Franz Schellhorn postete eine Grafik, die sofort viral ging. Sie zeigt die Entwicklung des Uni-Budgets in Dreijahresperioden: von 8,2 Milliarden Euro (2010–2012) auf 12,3 Milliarden (2022–2024) auf 16,1 Milliarden (2025–2027). Der geplante Wert für 2028–2030: 15,5 Milliarden.
Schellhorns Schlussfolgerung: Die Unis bekommen 26 Prozent mehr als zuletzt. Warum soll da nicht gespart werden können?
Die entscheidende Frage: Womit vergleicht man?
Ganz so einfach ist die Sache nicht. Die Universitäten vergleichen nicht mit der Periode 2022–2024, sondern mit der laufenden Periode 2025–2027. Und gegenüber diesen 16,1 Milliarden sind 15,5 Milliarden tatsächlich ein Rückgang.
Dazu kommt ein oft übersehenes Detail: Der sprunghafte Anstieg auf 16,1 Milliarden ist zu einem guten Teil buchhalterischer Natur. Die Gehälter der Ärzte an Unikliniken wurden neu zugerechnet. Das ist kein frisches Geld für Lehre und Forschung – es ändert nur, wer auf dem Papier zahlt. Und schließlich frisst die Inflation jeden nominalen Zuwachs zumindest teilweise auf.
Beide Seiten haben Argumente. Aber das alles ändert nichts an den Grundproblemen, über die Politik und Unis zurzeit schweigen.
Uni Demo 21 000 Protestierer Legen Wiener Innenstadt Lahm
Zu viele Hochschulen, falsche Anreize, schwache Karrierewege
Der Forwit geht weiter als eine bloße Budget-Debatte. Er benennt strukturelle Defizite, die seit Jahren bekannt sind – und seit Jahren ignoriert werden.
Österreich betreibt 23 öffentliche Hochschulen. Für ein Land mit knapp neun Millionen Einwohnern ist das eine außergewöhnlich hohe Dichte. Statt einer nüchternen Debatte über Profile und Schwerpunkte dominiert der Verteilungskampf. Jede Institution kämpft um ihren Anteil. Die Frage nach der Systemleistung bleibt dabei auf der Strecke.
Forwit-Vize Theresia Vogel bringt es auf den Punkt: Ein „Weiter wie bisher“ werde den demografischen, technologischen und geopolitischen Herausforderungen schlicht nicht gerecht.
Internationale Studenten – Ausbildung auf Steuerzahlerkosten
Besonders heikel: der Punkt mit den internationalen Studenten.
Österreich finanziert deren Ausbildung auf Kosten der Steuerzahler – und hält sie anschließend mit bürokratischen Hürden vom heimischen Arbeitsmarkt fern. Das ist aus Sicht des Forschungsrats ein doppeltes Verlustgeschäft: Das Land zahlt die Ausbildung, andere Volkswirtschaften ernten die Fachkräfte.
Das ist wirklich hochproblematisch – vor allem in Zeiten von Fachkräftemangel und angespannten Staatsfinanzen: Soll Österreich weiter großzügig Studienplätze finanzieren, wenn ein relevanter Teil der Absolventen nicht zur österreichischen Wertschöpfung beiträgt?
Studienrecht, Abschlussquoten, Karrierewege
Auch intern sieht der Forwit schwere Baustellen.
Das österreichische Studienrecht ist im internationalen Vergleich einzigartig unverbindlich. Die Folge: niedrige Abschlussquoten, verschwendete Ressourcen – und ein System, das Studenten aus weniger privilegierten Verhältnissen besonders hart trifft. Wer sich endlose Studienumwege nicht leisten kann, verlässt das System ohne Abschluss.
Dazu kommen starre Karrierestrukturen, die Prekarität und Hierarchien einzementieren, statt internationale wissenschaftliche Leistung zu belohnen. Und eine Versäulung, bei der Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen eher gegeneinander als füreinander arbeiten.
Ministerin Holzleitner: Einfrieren jetzt, verhandeln später
Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) versuchte Dienstagabend in der ZIB 2 zu beschwichtigen. Das Budget für 2028 werde im Doppelbudget 2027/28 zunächst eingefroren. In den Verhandlungen zur Leistungsvereinbarung 2028–2030 im Herbst wolle sie eine Erhöhung anstreben.
Die Aussage, Wissenschaft sei kein Schwerpunkt der Bundesregierung, habe sie „in dieser Diktion“ nicht getätigt.
Die ÖH ließ das nicht gelten. Eine Vertagung löse keine Probleme. Die Unsicherheit für Uni-Personal und Studenten bleibe bestehen.
Mehr Geld oder zuerst Reformen?
Die Universitäten sagen: Ohne ausreichende Finanzierung droht ein Schaden für Forschung, Lehre, Medizin und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Schellhorn und der Forschungsrat liefern den Gegenpunkt: Die Budgets sind langfristig gestiegen, doch Österreich holt aus seinem Hochschulsystem zu wenig heraus. Die bequeme Erzählung vom reinen Sparangriff greift zu kurz.
Theresia Vogelm, stellvertretende Vorsitzende des Forwit, warnt eindringlich: „Nichts wäre so gefährlich wie eine Verwahrlosung der Hochschulen durch die Politik.“ Das stimmt. Aber das bedeutet nicht automatisch: immer mehr Geld bei unveränderten Strukturen. Mehr Mittel in ein ineffizientes System zu pumpen, löst die Probleme nicht. Es konserviert sie. Weiter wie bisher ist keine Option
Welche Hochschulen braucht Österreich eigentlich – und was sollen sie leisten? Auf diese Frage müsste man einmal eine Antwort finden.

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