Asyl wackelt: Nachzug läuft! exxpress deckt auf: So brisant ist das VfGH-Urteil
Ein umstrittenes VfGH-Urteil zum Familiennachzug zeigt jetzt Wirkung. Syrer in Aberkennungsverfahren holen Angehörige nach Österreich – obwohl ihr Asylstatus wackelt. Der exxpress kennt konkrete Fälle. Kritiker warnen vor hohen Kosten, einer Nachzug-Welle und der Frage, wie man später ganze Familien abschieben will.
Nachzug trotz Aberkennungsverfahren – politisch hoch brisant. (Symbolbild)APA/HELMUT FOHRINGER/EXXPRESS
Ein umstrittenes Urteil des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) zum Familiennachzug entfaltet nun konkrete Folgen – und die sind hochbrisant. Nach exxpress-Informationen berufen sich immer mehr Syrer in laufenden Asyl-Aberkennungsverfahren auf die Entscheidung vom Dezember 2025, um ihre Familien nach Österreich zu holen, obwohl ihr Asylstatus auf der Kippe steht.
Familie in Abu Dhabi, Nachzug nach Österreich
Einer dieser Fälle betrifft etwa einen syrischen Staatsangehörigen, der seit 2021 in Österreich lebt. Gegen ihn läuft derzeit ein Verfahren zur Aberkennung seines Asylstatus. Der Grund: Mit dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad sind nach Einschätzung der Behörden die maßgeblichen Asylgründe – insbesondere politische Verfolgung – weggefallen. Juristen halten eine Aberkennung in diesem Fall für so gut wie sicher.
Ehefrau und Kinder des Mannes halten sich aktuell in Abu Dhabi auf – also in einem sicheren Drittstaat. Dennoch beantragte der Syrer nun den Familiennachzug nach Österreich. Seine Begründung: Ein laufendes Aberkennungsverfahren dürfe den Familiennachzug nicht mehr automatisch blockieren. Genau das hat der VfGH im Dezember 2025 entschieden.
Juristisch ist dieser Schritt möglich. Politisch ist er hoch brisant.
Was der VfGH entschieden hat
Der VfGH stellte klar: Ein bloß offenes Aberkennungsverfahren darf den Familiennachzug nicht automatisch stoppen. Behörden und Gerichte müssen künftig im Einzelfall prüfen, ob eine Aberkennung überhaupt realistisch ist, und darüber hinaus wie lange das Verfahren dauert – und wer für mögliche Verzögerungen verantwortlich ist.
Der Gerichtshof hat damit nicht gesagt, dass Familiennachzug immer zu gewähren ist. Er hat aber die bisherige Praxis gekippt, die pauschal blockierte.
Juristen warnen: „Das entfaltet jetzt Sprengkraft“
Mit dem Asylrecht vertraute Juristen, die anonym bleiben wollen, warnen vor weitreichenden Folgen. Jeder betroffene Syrer könne nun mehrere Familienangehörige nach Österreich holen, obwohl sie später – theoretisch – wieder ausreisen müssten. „Solange das Aberkennungsverfahren nicht abgeschlossen ist, kann der Familiennachzug rechtlich durchgesetzt werden“, sagt ein Anwalt.
Ein anderer verweist auf die schiere Masse der Verfahren: „Das kostet Geld, Zeit und Personal – und kann sich über Jahre ziehen. Faktisch entsteht so ein Nachzugsrecht auf Zeit.“
Kosten, Verfahren, Abschiebungen – die offene Rechnung
Kritiker sehen mehrere ungelöste Probleme: Hohe Kosten durch Unterbringung, Sozialleistungen und Verfahren; Nachzugs-Wellen, obwohl der Aufenthalt der Bezugsperson unsicher ist; Abschiebungen ganzer Familien in der Zukunft, die politisch und praktisch kaum durchsetzbar sind.
Besonders heikel: In Fällen wie jenem mit Abu Dhabi stellt sich die Frage, warum der Familiennachzug ausgerechnet nach Österreich erfolgen muss – und nicht in jenen Staat, in dem sich die Familie bereits sicher aufhält.
Kein Einzelfall – tausendfache Dimension
Nach exxpress-Recherchen ist der geschilderte Fall kein Einzelfall. Zahlreiche Syrer sollen derzeit mit Unterstützung von NGOs Anträge auf Familienzusammenführung vorbereiten oder bereits eingebracht haben. Weitere Berichte werden folgen.
Die Dimension zeigt sich auch in den offiziellen Zahlen: Nach Angaben des Innenministeriums waren mit Anfang Jänner 2026 mehr als 8.900 Aberkennungsverfahren gegen syrische Staatsangehörige anhängig. Allein im Jahr 2025 wurden 1.676 Aberkennungsentscheidungen erlassen.
Jeder einzelne dieser Fälle kann – gestützt auf das VfGH-Erkenntnis – neue Anträge auf Familiennachzug auslösen. Juristen erwarten, dass sich diese Praxis weiter ausbreitet, solange die Verfahren nicht rasch abgeschlossen werden.
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