Belege für Massaker nach Iran-Blackout: Spital-Razzien und „Leichengeld“
Nach wochenlanger Internet-Abschaltung im Iran sickern forensische Recherchen, Videos und Zeugenaussagen durch. Berichte sprechen von Spital-Razzien, „Leichengeld“ – und einer neuen Welle geheimer Massenverhaftungen durch das Mullah-Regime.
Auf den Auslöser des Protests – die wirtschaftliche Misere – hat das iranische Regime keine Antwort.X/Foto
Die landesweite Netzabschaltung Anfang Jänner kappte den Informationsfluss aus dem Iran fast vollständig. Nun, mit wiederhergestellten Verbindungen, verdichten sich die Hinweise auf das Ausmaß des Vorgehens.
Der Crackdown richtete sich demnach nicht nur gegen Demonstranten auf der Straße, sondern systematisch auch gegen Verwundete, Helfer, Familien – und gegen Menschen, die später über das Geschehen sprechen wollten.
UN-Expertin: Spitalszugriffe und „Leichengeld“
Es häufen sich Hinweise aus mehreren Provinzen, dass Sicherheitskräfte Krankenhäuser durchsucht und dort behandelte Demonstranten festgenommen haben, berichtet UN-Sonderberichterstatterin Mai Sato.
Reuters beruft sich auf anonymisierte Ärzte und Pflegekräfte: Patienten mit Schussverletzungen seien teils nach Operationen abgeholt worden. In Teheran hätten Sicherheitskräfte zudem Krankenakten überprüft, um zuvor behandelte Verletzte später festzunehmen.
Sato spricht außerdem von Fällen, in denen Angehörige mehrere tausend Dollar zahlen müssten, um Leichen zurückzubekommen. Die Praxis kombiniert Trauer mit finanzieller Erpressung.
Ärzte im Visier, Helfer unter Druck
Der Guardian berichtet überdies von einer gezielten „Rachekampagne“ gegen Ärzte und medizinische Helfer. Demnach wurden Mediziner festgenommen, weil sie verletzte Demonstranten behandelt haben – teils auch in improvisierten Notstationen.
In mindestens einem Fall droht nach entsprechender Anklage die Todesstrafe. Internationale Stellen forderten öffentlich die Freilassung inhaftierter medizinischer Helfer.
NEW VIDEO FROM OCCUPIED IRAN:
— dahlia kurtz ✡︎ דליה קורץ (@DahliaKurtz) January 21, 2026
An Iranian managed to get a few minutes of Internet to send this protest recorded on January 8.
How much of this revolution have you seen shared by "news" outlets?
📍Gisha, Tehran pic.twitter.com/RrJFFGm00P
Nach dem Blutbad: neue Verhaftungswelle
Eine weitere Reuters-Recherche zeichnet ein besonders bedrückendes Bild nach dem Niederschlagen der Proteste. Demnach läuft landesweit eine Kampagne aus Massenverhaftungen und Einschüchterung durch Sicherheitskräfte in Zivil – begleitet von Checkpoints und verstärkter Präsenz im öffentlichen Raum.
Aktivisten, Anwälte, Mediziner, Zeugen und weitere Insiderquellen sprechen von tausenden Festnahmen binnen weniger Tage.
Razzien, Drohungen, geheime Haftorte
Erwähnt werden Razzien in Wohnungen, beschlagnahmte Handys und Laptops sowie Drohungen gegen Familien. Viele Festgenommene werden demnach in inoffiziellen Haftorten festgehalten – darunter Lagerhallen und improvisierte Einrichtungen.
Zudem ist die Rede von Schnellverfahren mit hohem Risiko unfairer Prozesse und Misshandlung. Das UN-Menschenrechtsbüro äußerte die Sorge wegen sehr hoher Häftlingszahlen sowie des Risikos von Folter und unfairen Verfahren.
Auch ehemalige Protestteilnehmer im Visier
Besonders brisant: Teils werden auch Personen festgenommen, die bereits bei früheren Protesten registriert waren – selbst wenn sie diesmal nicht aktiv gewesen sind. In manchen Fällen sind auch Angehörige von der Verhaftungswelle betroffen.
Forensik zum Basar-Blutbad von Rasht
Besonders erschütternd sind die Details aus einer Visual-Forensics-Recherche der Washington Post. Sie zeigt, wie der Blackout detaillierte Rekonstruktionen zunächst verhinderte – und warum sie jetzt möglich werden. Im Fokus steht die Stadt Rasht am Kaspischen Meer. Laut mehreren Zeugenaussagen haben Sicherheitskräfte Dutzende Protestierende erschossen, als diese aus einem brennenden Basar fliehen wollten.
Die Washington Post rekonstruierte den Ablauf anhand von mehr als 40 Fotos und Videos sowie mehreren Zeugenaussagen, die von Sicherheitskräften mit Sturmgewehren, von Schüssen auf fliehende Menschen und von bewaffneten Einheiten auf Motorrädern handeln. Zwei Zeugen sagten zudem, Einsatzkräfte hätten das Eingreifen der Feuerwehr zunächst blockiert oder verzögert. Mehr als 30 Geschäfte wurden zerstört.
Mehr als 80 Tote in zwei Spitälern?
Nach Angaben, die medizinisches Personal aus Rasht über Mittelsmänner übermittelte, sollen allein in zwei Krankenhäusern mehr als 80 Tote in den beiden Spitzen-Gewalttagen registriert worden sein. Die Menschenrechtsgruppe HRANA dokumentierte sogar Hunderte Tote in Rasht im selben Zeitraum.
Familien wurden unter Druck gesetzt, nicht über Todesfälle zu sprechen, berichten Zeugen. Manche hätten Tote aus Angst vor staatlichem Zugriff nicht in die Krankenhäuser gebracht, sondern privat begraben.
Diaspora-Berichte deckungsgleich
Parallel zirkulieren auch in iranischen Diaspora-Netzwerken zahlreiche Schilderungen über Spitalszugriffe, verschwundene Verwundete, überfüllte Leichenhallen, Geldforderungen für die Herausgabe von Toten sowie geheime Haftorte und Drohungen gegen Familien. Sie berufen sich auf Verwandte und Bekannte im Land.
Der exxpress kann diese Berichte nicht unabhängig überprüfen. Auffällig ist jedoch: Zentrale Motive – Spitalsrazzien, Druck auf medizinisches Personal, „Leichengeld“, geheime Haftorte und Einschüchterung – tauchen in ähnlicher Form auch in internationalen Recherchen und UN-nahen Aussagen auf.
Was nach dem Blackout sichtbar wird, ist ein Muster. Je mehr Material nach außen dringt, desto klarer wird: Der Blackout verdeckte nicht nur Proteste – sondern auch, was mit Verletzten, Flüchtenden und später Festgenommenen geschah.
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