„Riesiger Andrang“ auf allen 17 Märkten. „Besucherzahl verdoppelt! Voller Erfolg“ – so feierte die Stadt Wien am 2. September 2023 ihre zweite „Lange Nacht der Wiener Märkte“ in einer Aussendung.
162.000 Menschen seien am Vorabend auf die Märkte geströmt. Im Jahr zuvor waren es laut Stadt noch rund 82.000 gewesen. Die damalige Märktestadträtin Ulli Sima sprach von einer „beeindruckenden Bilanz“. NEOS-Marktsprecher Markus Ornig freute sich über eine neue jährliche Tradition.
Wie die Besucherzahl zustande kam, erklärte die Jubelaussendung nicht. Nun liegt dem exxpress ein Foto vor, das neue Fragen aufwirft.

Das Blatt endet mit der Summe 162.465
Zu sehen ist ein handschriftlich ausgefülltes Formular mit dem Logo der MA 59. Aufgeführt sind die Wiener Märkte sowie vier Spalten: „Summe“, „Multiplikator“, „+ Schwund“ und „Frequenz“. Nach Angaben anonymer Hinweisgeber wurde das Blatt zur Ermittlung der Besucherfrequenz am 1. September 2023 verwendet.
Wer das Formular ausfüllte und wozu es intern genau diente, belegt das Foto nicht. Es zeigt weder einen Namen noch eine Unterschrift. Auch die Echtheit und die tatsächliche Verwendung konnten bislang nicht unabhängig bestätigt werden.
Bei der Stadt Wien wollte man gegenüber dem exxpress weder das Dokument noch seine Verwendung kommentieren. Sichtbar ist jedoch eine konkrete Rechnung.
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Erst multipliziert, dann zehn Prozent dazu
Was man erkennen kann: Die eingetragenen Ausgangswerte werden mit unterschiedlichen Faktoren vervielfacht. Danach kommen weitere zehn Prozent hinzu. Am unteren Rand des Blattes steht die Formel: „Summe × Multiplikator + davon 10 % = Frequenz“
Aus einer Ausgangssumme von 1000 werden mit Faktor zwei zunächst 2000. Weitere 200 werden addiert. Das Ergebnis: 2200.
Auch beim Volkertmarkt lässt sich die Rechnung nachvollziehen. Aus dem Ausgangswert 1080 werden durch den Multiplikator zwei zunächst 2160. Nach dem Zehn-Prozent-Zuschlag stehen dort 2376.
Warum welcher Markt mit welchem Faktor multipliziert wurde, geht aus dem Blatt nicht hervor.
Was bedeutet „Schwund“?
Erklärungsbedürftig ist auch die Spaltenüberschrift „+ Schwund“. Normalerweise bezeichnet Schwund einen Verlust oder eine Verringerung. Auf dem Formular bewirkt der Posten das Gegenteil: Die bereits multiplizierte Frequenz steigt nochmals um zehn Prozent.
Möglicherweise sollten damit Personen berücksichtigt werden, die bei einer Ausgangszählung nicht erfasst wurden. Ob das tatsächlich die Erklärung ist und worauf der pauschale Zuschlag beruht, bleibt offen.
Zwei Zahlen, ein Rätsel
Am Ende des Formulars steht die handschriftliche Gesamtsumme: 162.465. Unmittelbar nach der Veranstaltung kommunizierte die Stadt gerundet 162.000 Besucher.
Zwei Jahre später wurde die Angabe plötzlich auf die einzelne Person genau. In einer offiziellen Rückschau führte das Marktamt für das Jahr 2023 exakt 162.465 Besucher an. Genau jene Zahl, bei der auch das zugespielte Rechenblatt endet.
Besucher oder Marktbesuche?
Offen ist auch, was die Endsumme tatsächlich abbildet. Das Formular addiert offenbar die errechneten Frequenzen der einzelnen Märkte. Gleichzeitig wurden die Gäste ausdrücklich dazu animiert, mehrere Märkte zu besuchen.
Wer bis 21.30 Uhr zwei abgestempelte Märkte vorweisen konnte, durfte an einer Verlosung teilnehmen. Damit könnte dieselbe Person bei mehreren Marktbesuchen auch mehrmals in den jeweiligen Frequenzen aufgeschienen sein.
Ob solche Mehrfachbesuche aus der Gesamtsumme herausgerechnet wurden, ist nicht ersichtlich. Öffentlich sprach die Stadt von 162.000 „Besucher*innen“ – nicht von Zutritten oder Marktbesuchen.
Pikant: Hengl war der Medienkontakt
Unter der Erfolgsaussendung von 2023 war Alexander Hengl als Rückfragekontakt für Medien angeführt. Er ist Mediensprecher und stellvertretender Leiter des Marktamtes.
Wer damals Fragen zur Jubelmeldung hatte, wurde von der Stadt somit an Hengl verwiesen. Der exxpress konfrontierte ihn nun mit dem zugespielten Rechenblatt. Bis Redaktionsschluss antwortete er nicht.
In einem anonymen Schreiben, das dem exxpress vorliegt, wird Hengl zudem eine zentrale Rolle bei der Zahlenkommunikation der MA 59 zugeschrieben. Das beweist nicht, dass er das Formular ausfüllte, die Faktoren festlegte oder das Ergebnis freigab. Gerade als damaliger Medienkontakt hätte er jedoch zur Klärung der Berechnung beitragen können.
Stadt antwortet – aber nicht zur Rechnung
Der exxpress übermittelte Hengl am Donnerstag um 12.41 Uhr das Foto des Rechenblattes und sechs konkrete Fragen. Die Anfrage ging auch an die Magistratsdirektion und das Büro der zuständigen Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling.
Die Redaktion wollte wissen, ob die offiziell genannten Besucherzahlen auf dieser Rechnung beruhten, wie die Ausgangswerte erhoben wurden und nach welchen Kriterien die unterschiedlichen Multiplikatoren festgelegt worden waren. Auch nach dem Zehn-Prozent-Aufschlag und der Bezeichnung „Schwund“ wurde gefragt.
Eine inhaltliche Antwort kam nicht. Stattdessen verwies die Sprecherin des Magistratsdirektors auf eine neue Presseaussendung: Marktamtsleiter Andreas Kutheil habe ersucht, aus persönlichen Gründen mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion enthoben zu werden. Der exxpress berichtete.
Einen Zusammenhang zwischen Kutheils Rückzug, den Vorwürfen und der exxpress-Anfrage stellt die Stadt nicht her. Zugleich kündigte die Magistratsdirektion an: „Die Magistratsdirektion der Stadt Wien wird in dieser Causa bis auf Weiteres keine Stellungnahmen abgeben.“ Damit bleiben sämtliche Fragen zur Berechnung unbeantwortet.
Das Zahlenrätsel bleibt
Eine Hochrechnung wäre noch keine Manipulation. Das Blatt beweist weder eine falsche Zahl noch eine bewusste Täuschung.
Doch solange die Stadt Ausgangswerte, Faktoren und den Zehn-Prozent-Aufschlag nicht erklärt, bleibt offen, wie belastbar die 162.465 Besucher tatsächlich sind. Der Rückzug des Marktamtschefs ändert daran nichts.

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