Wer Klimapolitik hinterfragt, konservative Familienbilder vertritt oder nicht jedem Medienbericht glaubt, könnte bald unter staatliche Beobachtung fallen. Zumindest wenn es nach dem neuen Kapitel im Verfassungsschutzbericht 2025 geht. Was steckt hinter dem Begriff „Heterodoxer Extremismus” — und was sagen die eigenen Zahlen der Behörde dazu?

„Heterodox" — ein Wort mit Geschichte
Bevor man versteht, was der österreichische Verfassungsschutz unter „Heterodoxem Extremismus” (HEX) versteht, lohnt ein Blick auf das Wort selbst. „Heterodox” kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Abweichung von der herrschenden Lehre. Das theologische Gegenstück zu „orthodox”. Den, der heterodox dachte, nannte die Kirche früher Häretiker — Ketzer. Das Wort mag 2026 aus der Mode gekommen sein. Das Konzept dahinter offenbar nicht.
Im Verfassungsschutzbericht 2025 ist der „Heterodoxe Extremismus” ein eigenständiges Kapitel — gleichrangig neben Rechtsextremismus, islamistischem Terrorismus und Linksextremismus. Eingeführt wurde die Kategorie bereits im VSB 2024. Das Abkürzungsverzeichnis führt ihn schlicht als HEX.
Was die DSN darunter versteht — in eigenen Worten
Die Definition im Bericht:
„Unter ‚Heterodoxem Extremismus’ (HEX) wird eine neuartige, eigenständige und stark heterogene Form von Extremismus verstanden, die sich nicht im Sinne der herkömmlichen politischen Klassifikation unter den Begriffen Links- oder Rechtsextremismus subsumieren lässt. Diese neue Form des Extremismus ist im Zuge des COVID-19-Protestgeschehens entstanden, als es zu engen, personellen Vernetzungen zwischen unterschiedlichsten Akteuren, beispielsweise aus dem staatsfeindlichen Milieu, der Esoterik, aus Sekten, dem Rechtsextremismus, der Impf- und Abtreibungsgegnerschaft, sowie zu einer Vermischung der inhaltlichen Ausrichtungen derselben gekommen ist.”
Das ist bemerkenswert. Die Kategorie existiert, weil Menschen aus unterschiedlichsten politischen Lagern während Corona ein gemeinsames Feindbild entwickelt haben: den Staat in der Ausnahmesituation. Verbindendes Element laut DSN: die „grundsätzliche Ablehnung demokratischer/bestehender staatlicher Strukturen” sowie der Glaube an eine „böse globale Elite”, die einen „geheimen Plan” verfolgt, um die Normalbevölkerung zu versklaven.
Unter HEX subsumiert werden ausdrücklich die früheren Kategorien „Staatsfeindliche Verbindungen (SfV)” und „Corona-Maßnahmen-Gegner (CMG)”. Die Schublade wurde also nicht kleiner — sie wurde nur umbenannt und erweitert.
Das konzeptionelle Problem: Wer bestimmt die Orthodoxie?
Hier liegt der Kern der Kritik. Der Bericht selbst nennt als „wesentlichstes Merkmal” des HEX die „fundamentalistische Ablehnung gesetzlicher Normen, demokratischer und rechtsstaatlicher Einrichtungen und Institutionen”. Das klingt zunächst klar. Wird es aber nicht, wenn man liest, was konkret als Beispiel folgt:
„Die vermeintliche ‚Klimahysterie’ werde als Vorwand benutzt, um die individuelle Transport- und Reisefreiheit einzuschränken, die ‚Systemmedien’ würden dafür sorgen, dass die Bevölkerung ‚staatstreu’ bleibe, und internationale Organisationen (EU, NATO, WHO etc.) sowie westliche Staaten und ihre Geheimdienste würden mit ihrer Kriegstreiberei den Dritten Weltkrieg provozieren, um den Ausgangspunkt des ‚Great Resets’ und damit die Versklavung der Normalbevölkerung zu generieren.”
Dieses Beispiel mixt echte Verschwörungsideologie (Great Reset, Weltkrieg als Masterplan) mit Positionen, die weit über die extremistische Szene hinaus verbreitet sind. Die Skepsis gegenüber Klimapolitik und deren Eingriffen in Freiheitsrechte ist keine Randposition — sie findet sich von der FPÖ bis zu bürgerlich-libertären Kreisen. Die Kritik an unkritischer Medienberichterstattung ist journalistisches Handwerk. Wann genau wird Skepsis zur Extremismusvorform? Der Bericht gibt darauf keine Antwort.
„Man wird ja noch Fragen stellen dürfen” — laut Verfassungsschutzbericht 2025 eine typische Phrase heterodox-extremistischer Medien.
Fragen unerwünscht
Die Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) schreibt, Alternativmedien verpackten ihre Narrative in Phrasen wie „Man wird ja noch Fragen stellen dürfen” oder „Schon seltsam, dass…” Damit werden Fragestellungen selbst unter Verdacht gestellt. Das ist eine bemerkenswerte Logik: Wer öffentlich Skepsis äußert, macht das offenbar nach Lesart der Behörde in einer Form, die bereits als Indikator für ein extremistisches Milieu gilt.
Der Bericht geht noch weiter. Im Abschnitt zur aktuellen Lage heißt es, Alternativmedien würden „in erster Linie Verschwörungsnarrative und (russische) Desinformation” verbreiten. Außerdem hätten sie sich „im Wahljahr 2024 als verlängerter Arm des russischen Staates erwiesen” und seien generell „Einfallstor für verdeckte Einflussnahme durch Drittstaaten”.
Das sind harte Anschuldigungen. Russische Steuerung, Staatsfeindlichkeit. Und überhaupt: wann ist man „pro-russisch”? Offenbar dann, wenn man nicht dezidiert pro-ukrainische Positionen vertritt — was in einer neutralen Republik wie Österreich eine eigentümliche Maßzahl für Extremismus wäre.
Tradwives und die Manosphere — jetzt auch Extremismus?
Eine Passage verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie exemplarisch zeigt, wie weit die Kategorie gezogen wird:
„Online-Trends wie jene der Tradwives oder der Manosphere und die damit verbreiteten Narrative von klassisch-patriarchalen Geschlechterrollen, Selbstversorgung und einem konservativ-fundamentalistischen Lebensentwurf machen die heterodox-extremistische Ideologie auch attraktiv für junge Menschen.”
Tradwives — also Frauen, die auf Instagram und TikTok ein klassisch-häusliches Lebensmodell zeigen — gelten hier als Einfallstor für Extremismus da sie “Narrative von klassisch-patriarchalen Geschlechterrollen, Selbstversorgung und einem konservativ-fundamentalistischen Lebensentwurf” transportieren. Das ist, mit Verlaub, absurd. Tradwife-Content ist ein Massenphänomen auf Social Media, das Millionen junger Frauen konsumieren, ohne dabei staatliche Institutionen abzulehnen. Die Gleichsetzung eines konservativen Familienideals mit einer Vorstufe zu verfassungsfeindlichem Extremismus ist eine Kategorienverwechslung — und eine, die viel über die zugrundeliegenden Wertvorstellungen der Berichtsverfasser verrät.
Was die Zahlen sagen
Das eigentliche Korrektiv liefert der Bericht selbst: die Statistik. Im Abschnitt 2.2.5 (Zahlen/Daten/Fakten) sind die Anzeigen im HEX-Bereich für 2024 und 2025 aufgelistet.

Einleitend beschreibt der Bericht die „Gewaltbereitschaft und Drang zu politischer Subversion”. als die ausgehende Gefahr dieser Gruppe.
Durch die Darstellung sieht man gleich, dass es eine schwere Körperverletzung und zwei gefährliche Drohungen gab. Das sind die gesamten Gewaltdelikte im HEX-Bereich für 2025. Die Gesamtzahl aller Anzeigen sinkt dabei von 64 auf 46, ein Rückgang von fast 30 Prozent. Den mit Abstand größten Posten macht § 247a StGB aus — „Staatsfeindliche Bewegung”, ein Tatbestand, der erst 2021 eingeführt wurde und im Wesentlichen das Leugnen staatlicher Autorität unter Strafe stellt.
Zum Vergleich: Im selben Bericht werden für den islamistischen Extremismus 306 Tathandlungen ausgewiesen, für den Rechtsextremismus knapp 2.000. Wenn Gewaltbereitschaft der zentrale Gefaktor des HEX sein soll — die Zahlen zeigen das Gegenteil. Was die Statistik stattdessen zeigt: Menschen, die staatliche Strukturen verbal ablehnen. Das ist unangenehm aber auch ein wichtiger Teil für eine florierende Demokratie

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