Ein Raum im dritten Stock des Parlaments, Lokal 7 – gleich neben dem Café Kelsen. Durch die Glasfronten fällt der Blick auf die Nationalbibliothek. Ein schöner Ort, beinahe ruhig. Doch an diesem Abend geht es um ein Thema, das viele im Raum bewegen wird. Vor allem Frauen sind gekommen – von junge Studentinnen bis zu Pensionistinnen, es waren alle Altersklassen vertreten.

Auf Einladung von ÖVP-Abgeordneter Gudrun Kugler sprechen die Autorin und Sprecherin der Casablanca Deklaration Olivia Maurel, die ehemalige Nationalratsabgeordnete der Grünen und Direktorin des Athena Forums Faika El-Nagashi und das Publikum über Leihmutterschaft, Menschenwürde und einen global wachsenden Markt rund um Fortpflanzung.

Oliva Maurel wurde selbst durch einer Leihmutter geboren. An jenem Abend war der exxpress live dabei um ihrer Sicht zuzuhören und der anschließen Diskussion beizuwohnen.

Die Einladung zu der Veranstaltung.Gudrun Kugler/

Zwischen Kinderwunsch und Milliardenmarkt

Leihmutterschaft ist in Österreich verboten. International jedoch hat sich in den vergangenen Jahren ein rasant wachsender Markt entwickelt. Vermittlungsagenturen, medizinische Kliniken und spezialisierte Dienstleister organisieren Schwangerschaften über Ländergrenzen hinweg. Auftraggeber reisen in Staaten, in denen Leihmutterschaft erlaubt ist oder in rechtlichen Grauzonen stattfindet. Dabei geht es nicht nur um medizinische Verfahren, sondern häufig um komplexe Verträge. Besonders problematisch daran ist, dass Schwangerschaft zu einer Dienstleistung wird, und Kinder (kriegen) zum Ergebnis eines Vertrags – leitete Gudrun Kugler den Abend ein.

In einigen Kinderwunschkliniken ist es möglich, dass genetische Eigenschaften eines Kindes ausgewählt werden können. Ein selbstkreiertes Produkt in Große, Farbe und Form ganz wie es sich die zukünftigen Eltern wünschen.

Das Lokal 7 im Parlament. Hier fand die Veranstaltung statt.Gudrun Kugler/

Besonders drastisch ist es wenn bestellte Kinder doch nicht gewollt werden, weil bereits während der Schwangerschaft auffällt, dass sie krank oder behindert sind. Die Leihmutter wird dann gezwungen dieses Abzutreiben – natürlich Vertraglich geregelt und oftmals gegen ihren Willen.

Auch die Frage der Bindung zwischen Mutter und Kind wird diskutiert. Studien zeigen, dass bereits während der Schwangerschaft eine Beziehung entsteht – durch Stimme, Herzschlag und Bewegung. Die unmittelbare Trennung nach der Geburt kann daher für beide Seiten belastend sein. Dazu schilderte auch Olivia Maurel ihre persönlichen Erlebnisse.

Einige Kritikpunkte die an jenem Abend zur Sprache kamen.Gudrunkugler.at/Screenshot

Die Stimme der Kinder: Olivia Maurel

Der emotional eindringlichste Moment des Abends gehört Olivia Maurel. Sie wurde selbst durch Leihmutterschaft geboren und engagiert sich heute international gegen diese Praxis. Ihr Anliegen sei es vor allem, sagt sie, den Kindern eine Stimme zu geben, die in dieser Debatte oft gar nicht vorkommen. „Kinder sind natürliche Detektive“, erklärt sie. „Sie merken, wenn etwas nicht zusammenpasst.“

Schon als Kind habe sie selbst gespürt, dass etwas nicht stimmt. Sie sah ihrer Mutter äußerlich kaum ähnlich, stellte Fragen – und lebte lange mit einem Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. „Ich lebte mit einem Schmerz, den ich nicht benennen konnte. Mein Inneres sagte mir, dass etwas nicht stimmte.“ Erst mit 17 Jahren begann sie selbst zu recherchieren. Dabei stieß sie erstmals auf den Begriff Leihmutterschaft. Später bestätigte ein DNA-Test ihre Vermutung: Die Frau, die sie geboren hatte, war nicht die Frau, die sie großgezogen hatte.

Heute beschreibt sie ihre Erfahrung in drastischen Worten: „Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind zu sein, lässt mich fühlen wie ein Produkt – mit einem Vertrag und einem Zweck. Ich fühle mich maßgeschneidert. Es gibt kein Recht auf ein Kind.“

Maurel betont jedoch, dass ihre Geschichte nur ein Beispiel von vielen sei. Sie spricht besonders für jene Kinder, die nie eine Stimme bekommen haben. Während der Corona-Pandemie etwa konnten manche Auftraggeber ihre Kinder nicht abholen. Einige dieser Babys leben heute in Waisenhäusern. Für Maurel ist das der Punkt, an dem die Debatte eine andere Perspektive bekommen müsse. „Ich spreche für die Kinder, die heute bestellt werden – und vielleicht nie abgeholt werden.“

Doch ihr Ziel sei es vor allem, dass diese Erfahrungen künftig nicht mehr gemacht werden müssen. Denn, so ihr zentrales Argument: „Es gibt kein Recht auf ein Kind.“

Ein weiterer Kampf um Begriffe

In der anschließenden Diskussion greift auch Faika El-Nagashi zentrale Aspekte der internationalen Debatte auf. Sie betont, dass Fragen wie diese in einem offenen und transparenten demokratischen Prozess verhandelt werden müssten. Nur so werde sichtbar, welche Interessen, wirtschaftlichen Strukturen und gesellschaftlichen Folgen tatsächlich hinter dem Thema stehen.

El-Nagashi warnt zudem davor, dass Leihmutterschaft häufig über andere politische Debatten legitimiert werde. Sie zitiert eine öffentliche Stellungnahme von Amnesty International, in der betont wird, dass reproduktive und körperliche Autonomie auch das Recht einschließen könne, sich freiwillig für eine Leihmutterschaft zu entscheiden. Gestationelle Leihmutterschaft, heißt es darin, sei für viele Menschen eine Möglichkeit der Familiengründung und dürfe nicht grundsätzlich mit Gewalt gegen Frauen oder Kinderhandel gleichgesetzt werden. Diese Positionierung unterschiedet sich von jener der Diskutantinnen an diesem Abend.

Begriffe wie „Reproductive Justice“ spielen dabei eine zentrale Rolle. Dahinter steht die Idee, reproduktionsmedizinische Möglichkeiten breiter zugänglich zu machen und sie nicht nur Wohlhabenden vorzubehalten. Doch auch hier stellt sich die Frage, auf wessen Kosten diese Form der „Gerechtigkeit“ entsteht – und welchen Sinn solche Schlagwörter in der konkreten Debatte tatsächlich haben. Gerade in Kreisen, die Leihmutterschaft befürworten und sich für einen noch breiteren Zugang einsetzen, ist „Reproductive Justice“ längst zu einem politischen Totschlagargument geworden.

Am Ende der Veranstaltung unterzeichneten Gudrun Kugler und Faika El-Nagashi die Casablanca-Deklaration.Gudrun Kugler/

Zwischen Kinderwunsch und globalem Markt

Was nach diesem Abend im Parlament deutlich wurde: Die Debatte über Leihmutterschaft wird noch immer erstaunlich selten in ihrer ganzen Komplexität geführt. Zu oft bleibt sie bei Schlagworten stehen – bei Kinderwunsch, Fortschritt oder reproduktiver Freiheit.

Begriffe wie „Reproductive Justice“ versprechen Zugang und Gerechtigkeit für alle. Auf den ersten Blick klingt das nach einem überzeugenden Ziel. Doch die Diskussion endet nicht bei der Frage, wer ein Kind bekommen möchte. Sie beginnt vielmehr dort, wo gefragt werden muss, unter welchen Bedingungen Schwangerschaft stattfindet – und wer am Ende den Preis dafür bezahlt. Denn wenn Fortpflanzung Teil eines globalen Marktes wird, geraten gerade jene Frauen in den Blick, die aus wirtschaftlicher Not heraus ihren Körper zur Verfügung stellen. Und jene Kinder die das Produkt einer Wunschliste und Teil eines Vertrags geworden sind.

Am Ende bleibt eine unbequeme Frage: Feiern wir längst Dinge als Fortschritt, die in Wahrheit neue Formen der Ausbeutung sind – und ist die Debatte dieses Abends vielleicht selbst Ausdruck einer verwahrlosten Gesellschaft, die ihre ethischen und moralischen Grenzen immer unbeirrter überschreitet?

Die Casablanca Dekoration 2023. Diese wurde von G. Kugler und F. El-Nagashi unterschrieben.Casablanca Declaration 2023/Screenshot