Vor den 1.100 versammelten Mitarbeitern gesteht Schausten: Das KI-Video wurde wissentlich verwendet. US-Korrespondent Elmar Theveßen findet dennoch: Kein einziges Wort des Beitrags sei falsch gewesen. Er behauptet: Wir haben uns nichts vorzuwerfen und bilden die Realität ab. Doch einzelne Mitarbeiter äußern schwere Vorwürfe. Die Rede ist von einem „Relotius-Moment“ und davon, dass die ZDF-Nachrichten sich zunehmend in „Weltbild-Bestätigungs-Sendungen“ verwandelt hätten.

Beitrag über die Einsätze der US-Abschiebepolizei ICE

Am 15. Februar hatte das Heute-Journal einen Beitrag über die Einsätze der US-Abschiebepolizei ICE gesendet, in dem ein KI-Video und ein vier Jahre altes, aus dem Kontext gerissenes Video gezeigt wurden, um das vermeintlich brutale Vorgehen von ICE gegen Kinder zu illustrieren. Erst zwei Tage später entschuldigte sich der Sender, kündigte die Abberufung der Studioleiterin in New York, Nicola Albrecht, an, von der der Beitrag stammte. Zuvor hatte sich der Sender in Widersprüche und Lügen verstrickt und für den Fehler „technische Gründe“ geltend gemacht. Besondere Brisanz bekommt die Affäre, weil der Intendant des ZDF, Norbert Himmler, in weniger als einem Monat wiedergewählt werden will.

ZDF-Chefredakteurin Bettina SchaustenIMAGO/dts Nachrichtenagentur

Der Fall dürfte nun noch an Brisanz gewinnen, denn Schausten gibt in der Betriebsversammlung zu, dass das KI-Video „bewusst“ verwendet worden sei: „Es ist fahrlässig passiert. Es gab keine Absicht, es ist wissentlich (geschehen). Und dann hat sie (Nicola Albrecht) sich selber gesagt: Ach, das geht ja, wenn ich es kennzeichne. Sie wollte es noch nicht mal verheimlichen, dass es KI ist.“ Das gehe so einfach nicht, so Schausten.

Auch an anderer Stelle betont Schausten: „Es war eine Szene, die KI-generiert war, die an dieser Stelle eingeschnitten wurde und eben leider auch wissentlich eingeschnitten wurde. Die Überprüfung des Materials hat nicht nochmal stattgefunden. Und dabei wäre, davon kann man ausgehen, das aufgefallen, weil das bekannte Falschszenen aus dem Netz waren.“ Nicola Albrecht sei aufgefallen, dass (die Szene) KI-generiert war. Das ist in einem Beitrag, der sich eben nicht ausdrücklich mit KI beschäftigt, sondern einfach faktisch ein Thema beschreibt, nicht zulässig. Das ist ein Verstoß gegen journalistische Standards.

„Kein einziges Wort war falsch“

Als es in der Versammlung um die Fehlerkultur im Sender geht, meldet sich US-Korrespondent Theveßen zu Wort. Schausten spricht von „schweren Fehlern im Umgang mit Bildmaterial“. Sie erklärt: „Wir sitzen nicht in der Wagenburg und sagen: ‚Oh, die Rechten, die beschimpfen uns wieder.‘ Und ich mache das jetzt hier auch nicht, weil wir irgendwelche merkwürdigen Kritiker ruhig stellen wollen, sondern wir müssen uns um unsere Qualität kümmern.“ Theveßen hakt ein: „Bettina, darf ich dazu was aus Washington sagen?“

Er erklärt: „Ich will nur eines sehr klar machen: Kein einziges Wort an den Beiträgen von Nicola war falsch.“ Dann führt er aus, dass die Zahl der von ICE inhaftierten Kinder unter Trump deutlich höher liege als unter Obama. Derzeit würden Kinder „bei Operationen von ICE in Wohngebieten, in Restaurants, in Schulen auf offener Straße eingesackt“. Das Ergebnis dieser Politik sei „Angst unter den Menschen in diesen Städten. Genau das hat Nicola absolut richtig abgebildet. Und ich finde es schade, wenn im Grunde das Geraune von NIUS und anderen übernommen wird bei uns, wenn wir uns doch tatsächlich in unserer Berichterstattung in dieser Sache wirklich nichts vorzuwerfen haben, sondern die Realität abbilden.“

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Die Realität mit KI abzubilden, das scheint sogar Schausten zu weit zu gehen. Die Chefredakteurin wendet ein: „Nur, dass eben dann auch die Realität abgebildet werden muss und nicht die Realität, wie sie sein könnte, durch KI.“

Auch an ihrer Kollegin Hayali übt Schausten Kritik. Es habe einen erkennbaren Versuch gegeben, die Fehler an Hayali aufzuhängen. Doch die Moderatorin habe nicht gewusst, dass KI in dem Beitrag sei. Hayali habe die Information bekommen, dass es sich bei dem Beitrag um ein gekürztes Stück aus dem Mittagsmagazin handle, wo der Beitrag in einer anderen Fassung (ohne KI-Inhalte) zuvor gelaufen war. Schausten halte diese Erklärung für sehr überzeugend“, fügt jedoch an: „Es wäre schön gewesen, sie hätte sich die Sachen auch nochmal angeguckt, dann hätte sie gesehen, dass es nicht nur gekürzt ist, sondern verändert. Vielleicht hätte sie sogar das Wasserzeichen erkannt.“ Demnach sah sich Hayali den Beitrag, den sie selbst anmoderierte, vor Ausstrahlung nicht mehr an.

Eine totale Zuspitzung auf das Narrativ

In der Diskussion hatte sich gerade an der Person Hayali Kritik entzündet. Ein ZDF-Journalist kritisierte die Arbeitsweise des Senders ganz grundsätzlich: Er sprach von einem „Kampf- und Verteidigungsmodus ‚Wir gegen die da draußen‘“, mit dem man nicht weiterkomme. Man müsse prüfen, was an den Vorwürfen von außen dran sei. „Ich war an dem Mittwoch, als das Stück das erste Mal laufen sollte, selber da.“ Schon der Titelentwurf „Kinder in Angst vor ICE“ habe ein Störgefühl bei ihm ausgelöst: „Ich habe gleich gesagt, das ist mir zu schwarz-weiß. Das klingt wie eine totale Schwarz-Weiß-Geschichte.“

Er führt aus, dass es auch unter Obama viele Abschiebungen gegeben habe, ebenso Todesfälle durch ICE-Einsätze. „Das gehört alles zum Gesamtbild dazu. Und dieses Stück reduziert das jetzt auf diese eine krasse Geschichte unschuldiger armer Einwandererkinder in Angst vor dem bösen Trump. Eine totale Zuspitzung auf das Narrativ, das wir seit neun Jahren bedienen: Trump bringen wir nur fertig in negativen Konnotationen zu bringen. Wer würde noch wagen, irgendwas Positives über den Mann zu verlieren?“

Der Mitarbeiter fragt: „Ist das vielleicht ein Relotius-Moment des ZDF? Also wollen wir etwas so sehr, dass wir dann auch vielleicht die Gründlichkeit vermissen lassen, die ganze Geschichte zu hinterfragen? Ich erinnere nur daran: Das ist nicht das erste Mal. Letztes Jahr, auch Heute-Journal, der Versuch, die rechte Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf dergestalt darzustellen, dass man da nachweist, dass Fake News und Hetze im Spiel sind, und der Beitrag hat diese Beweisführung gar nicht so geliefert. Hat übrigens auch Dunja anmoderiert.“

Auch die Berichterstattung zum ermordeten konservativen Bürgerrechtler Charlie Kirk, den Hayali und Theveßen nach der Tat diffamiert hatten, moniert der ZDF-Mann: „Die ganze Kirk-Geschichte, auch fehlerhaft gelaufen. Vor zwei Jahren sind wir auf Correctiv aufgesprungen, mehr oder weniger eins zu eins haben wir das übernommen, da mussten wir auch juristisch zurückrudern. Das ist ja jetzt nicht das allererste Mal, dass wir in solche Fallen geraten.“

Die Rede von dem Relotius-Moment

Dann wird er noch grundsätzlicher: „Ich erlebe viel zu oft, dass wir um 19 Uhr und um 21.45 (Sendezeiten von Heute und Heute-Journal; Anm. d. Red.) Weltbild-Bestätigungs-Sendungen machen. Sind wir noch in der Lage, in alle Richtungen des politischen Spektrums unvoreingenommen zu blicken, oder unterlassen wir alles, um den Falschen bloß nicht recht zu geben?“

Er ist nicht der einzige, der sich kritisch äußert. Auch eine weitere ZDF-Mitarbeiterin spricht von einem „unfassbar gravierenden Fehler. Einer, der uns geschadet hat. Und wir können uns jetzt zu Hause intern die Wunden lecken, was wir extern dadurch ausstehen müssen und was für Konsequenzen das noch vielleicht auf Monate, wenn nicht Jahre hinweg hat.“ Sie führt aus: „Hier verliert niemand seinen Job. Hier ist niemand in seiner Existenz gefährdet. Aber Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung und im Übrigen auch eine besondere Vergütung, die das auch ausgleicht.“

Dann wendet sie sich direkt an die Kollegen des Heute-Journals: „Wenn ihr euch jetzt mal ein paar Tage verunsichert fühlt, dann finde ich das gar nicht so schlecht. Oft war euer Umgang mit der Kritik, die wir in den Schalten oder sonst wie geübt haben, von mehr Selbstbewusstsein als Selbstkritik geprägt.“ Sie fordert von den Kollegen, „mal einen Moment innezuhalten und zu sagen: ‚Diese Wurstigkeit kann nicht mehr weitergehen. Wir müssen uns fokussieren.‘“

Dann spielt sie auf die erfundenen Reportagen des ehemaligen Spiegel-Journalisten Claas Relotius an: „Unseren Relotius-Moment, den haben wir sehr wohl. Und zwar nicht von Seiten von Nicola (Albrecht). Dass Relotius gefälscht hat, das war die eine Seite. Dass der Spiegel alle seine Reportagen so toll fand, dass die ganze Medienwelt ihn dafür ausgezeichnet hat – das war die andere Seite. Ich war in der Schalte dabei, als der Beitrag von Nicola besprochen wurde. Und nicht wenige haben gesagt, was für ein emotionales Bild. Wie sehr hat das das doch noch mal verstärkt.“

„Das können wir uns nicht nochmal erlauben“

Schausten sieht das anders: „Ich glaube, vor einem müssen wir uns wirklich hüten: Dass wir alles in einen Topf werfen, was uns irgendwie zum Thema passend erscheint, und dann umrühren und sagen: Relotius-Moment. Dieses war kein Relotius-Moment. Herr Relotius hat getäuscht und hat was Falsches geschrieben und hat sich die Wirklichkeit ausgedacht. Das ist hier nicht der Fall. Es gab nicht diese Absicht zu täuschen, sondern sie wollte noch nicht einmal verschleiern, dass sie ein KI-generiertes Bild verwendet hat, sie hätte es nur nicht verwenden dürfen.“

Kritisch äußert sich Schausten auch zur Kommunikation des ZDF im Zusammenhang mit dem KI-Skandal: „Das können wir uns so nicht noch mal erlauben. Und das ist mit ein Großteil auch der öffentlichen Wirkung, weil wir einfach den Leuten nicht die Wahrheit gesagt haben.“ Auf den Einwand eines Diskussionsteilnehmers, dass man es nicht besser gewusst habe, entgegnet Schausten: „Man hätte es schon früher besser wissen können und dann auch entsprechend reagieren müssen.“

Dennoch stellt sie sich auch gegen Kritiker des Senders: „Ihr wisst selber, unsere Arbeit wird so grell ausgeleuchtet und jeder Fehler wird ins Schaufenster gestellt, das ist längst nicht so bei allen anderen. Aber es macht keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wir beziehen Beiträge von allen. Und deshalb sind wir auch Rechenschaft schuldig. Deshalb müssen wir transparent mit Fehlern umgehen. Das tun wir, wir geben sie auch zu, und wir korrigieren sie. Aber da, wo uns natürlich jeder kleinste Fehler in einer skandalisierten Weise vorgeworfen wird, als Beleg dafür, dass wir total unfähig sind und inkompetent sind, da müssen wir uns dagegen mit aller Kraft wehren. Und was in diesem Zusammenhang im Moment sozusagen bei bestimmten Plattformen los ist, ist infam und ist böswillig.“

Die Kritik auf den Plattformen dürfte nach diesen Äußerungen noch zunehmen. Dass der KI-Beitrag wissentlich in den Beitrag geschnitten wurde, die Chefredaktion aber dennoch nicht von einer Täuschungs-Absicht sprechen will, dürfte die Beitragszahler alles andere als versöhnlich stimmen und wird die Debatte um die journalistische Sorgfaltspflicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – und seines Intendanten Himmler – weiter anfachen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NIUS erschienen.