Vor einem Jahr sorgte der Auftritt des Islam-Influencers Issam Bayan im Islamischen Kulturzentrum Graz (IKZ) für politischen Wirbel. Nun ziehen die österreichischen Behörden Konsequenzen: Gegen den reichweitenstarken Social-Media-Akteur wurde ein unbefristetes Einreise- und Aufenthaltsverbot verhängt. Bayan hat das selbst bestätigt – in einer aktuellen Video-Botschaft.

„Israel ist ein Kindermörder“ – Bayans eigene Worte

In dem Video reagiert Bayan auf den Bescheid des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl mit drastischen Aussagen – und wiederholt seine Attacken auf Israel. Wörtlich sagt er: „Israel ist ein Kindermörder. Israel ist ein Frauenmörder. Israel ist ein Völkermörder.“ Und weiter: „Keep smiling – aber nicht für Zionisten.“

Damit bestätigt er viele der Vorwürfe, die ihm seit Jahren gemacht werden.

Was die Behörden beanstanden

In dem von Bayan selbst zitierten Bescheid heißt es, sein Gedankengut habe das Potenzial, „Jugendliche und junge Erwachsene zu radikalisieren“ und im Extremfall sogar „eine Rekrutierung durch Terrororganisationen wie Al-Qaida oder den sogenannten Islamischen Staat zu begünstigen“. Seine „fundamental-muslimische sowie anti-israelische Einstellung“ sei „in keiner Weise mit den Rechts- sowie Gesellschaftsnormen der Republik Österreich vereinbar“ und berge eine „massive Gefahr für die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit“.

Bayans Gedankengut drohe „Jugendliche und junge Erwachsene zu radikalisieren“, warnt das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl.X/@Issam_Bayan

Bayan weist diese Einschätzung empört zurück – verschärft in demselben Video jedoch genau jene Feindbild-Rhetorik, die ihm seit Jahren vorgeworfen wird und nun offenbar als sicherheitsrelevant eingestuft wird.

Der Hintergrund: Bayan ist kein Randphänomen. Der Social-Media-Akteur mit deutschem Wohnsitz und palästinensischen Wurzeln erreicht auf TikTok, Instagram, Facebook, YouTube und X teils sechs- bis siebenstellige Reichweiten – vor allem bei jungen Menschen.

Issam Bayan kann über Social-Media mittlerweile eine großes Stammpublikum erreichen.IMAGO/Funke Foto Services

Warum das Verbot keine Strafe ist

Bayan argumentiert, ein Verbot sei sinnlos, weil er Österreicher weiterhin „übers Internet“ erreiche. Zudem verweist er darauf, dass es in Deutschland keine Ermittlungen gegen ihn gebe. Beides ist rechtlich unerheblich: Sicherheitsbehörden entscheiden national. Dabei geht es um physische Präsenz – Auftritte, Moscheen, Veranstaltungen und persönliche Mobilisierung.

Ein unbefristetes Aufenthaltsverbot ist überdies kein Strafurteil, sondern eine präventive Maßnahme. Der Staat muss nicht abwarten, bis eine Straftat vorliegt. Er darf eingreifen, wenn Wirkung und Mobilisierungspotenzial als Gefahr für die öffentliche Ordnung eingeschätzt werden.

Rückblende: Graz als frühes Warnsignal

Bereits im März 2025 sorgte Bayans Auftritt im Islamischen Kulturzentrum Graz (IKZ) für politische Kontroversen – die Kleine Zeitung berichtete. Bayan war zweimal zu Gast: als Stargast beim Jugend-Fastenbrechen und am Folgetag mit einem Vortrag zu „Social Media und Islam“.

Das sorgte für Kritik. In den Fokus rückten schon damals verschiedene Aussagen von Bayan, etwa: Homosexuelle Handlungen seien im Islam „mindestens so eine schwere Sünde wie Menschen zu töten“ – manche Gelehrte würden sogar sagen, sie seien „noch schlimmer“.

ÖVP-Kritik und Förderdebatte

Die Grazer ÖVP reagierte scharf. Gemeinderätin Claudia Unger erklärte, Graz sei eine Stadt der Menschenrechte, hier dürften „radikale und menschenverachtende Personen keinen Platz haben“, insbesondere dann nicht, wenn Veranstaltungen indirekt durch öffentliche Förderungen ermöglicht würden.

Claudia Unger (ÖVP) übte scharfe Kritik an der Moschee-Veranstaltung. Das Islamische Kulturzentrum Graz reagierte darauf mit Islamophobie-Vorwürfen.APA/ERWIN SCHERIAU

Vertreter des Islamischen Kulturzentrums wiesen die Vorwürfe zurück und warfen der ÖVP Islamophobie vor. Nach einem Krisengespräch im Rathaus zog die Stadt dennoch Konsequenzen: Integrationsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ) erklärte gegenüber der Kleinen Zeitung, der Auftritt Bayans bei der Jugend-Iftar werde „nicht gefördert“ und „in Abzug gebracht“. Die Jahresförderung für das Islamische Kulturzentrum werde deshalb von 11.000 auf 10.000 Euro reduziert. Zudem wurde ein Dialog mit dem LGBTQ-Verein Rosalila PantherInnen vereinbart – inklusive Besuch in der Moschee.

Moschee-Obmann bekennt sich zu Rechtsstaat, vermeidet aber Abgrenzung

Nach Bekanntwerden des Einreiseverbots erklärte IKZ-Obmann Mahdi Mekic auf Anfrage gegenüber dem exxpress, Personen mit Einreiseverbot würden „selbstverständlich nicht eingeladen“, allerdings solle „man abwarten, bis die zuständigen Instanzen den Sachverhalt abschließend bewertet haben.“

Die Finanzierung des aufwändigen Moschee-Baus warf Fragen auf und sorgte mehrmals für öffentliche Debatten.APA/KARL HEINZ PUTZ

Gleichzeitig hielt er fest: „Herr Bayan ist, wie jeder andere Gast in unserem Haus, selbst für seine Aussagen verantwortlich.“ In ihrer Moschee dürfe aber nicht Hass verbreitet, Gewalt gegenüber Andersdenkenden befürwortet oder der Rechtsstaat infrage gestellt werden.

Eine klare inhaltliche Distanzierung von Bayans Aussagen erfolgte nicht. Die Fragen des exxpress, wie man zu Bayans Aussagen über homosexuelle Handlungen, und zu der Bezeichnung Israels als „Kinder-, Frauen- und Völkermörder“ stehe, blieben unbeantwortet.

Fachliche Einordnung

IKZ-Obmann Mahdi Mekic sagte im Vorjahr, es könne „keine Rede davon sein“, dass Issam Bayan unter Islamismus-Verdacht stehe. Doch deutsche Fachstellen waren da längst weiter: Die Analyse des Kompetenznetzwerks „Islamistischer Extremismus“ (2023) sieht Bayan in der Peripherie religiös begründeten Extremismus – nicht als „klassischen Extremisten“, aber als Influencer, der regelmäßig in Richtung Abgrenzung und Feindbilder zuspitzt, etwa mit Sirene Aussagen über homosexuelle Handlungen.

Er attackiert überdies nur „die anderen“: Bayan ging auch Muslime an, die Alkohol verkaufen – als „Drecksmuslime“ und „Drecksmenschen“. Gemeint waren etwa Döner-Verkäufer, die Bier anbieten. Wer nicht „rein“ genug lebt, wird öffentlich markiert, bemerkte die Analyse. Bayan selbst gibt seiner Rolle zusätzlich Gewicht: „Trotzdem repräsentiere ich für viele Jugendliche ein bisschen auch den Islam, so wie er dargestellt werden sollte.“

Das Kompetenznetzwerk ist ein von deutschen Bundesministerien unterstützter Verbund aus Forschung und Prävention, der islamistische Strömungen und Radikalisierung bewertet – nicht als Strafgericht, aber als Frühwarnsystem.

Israel-Rhetorik und NS-Vergleich

Bayan bezeichnete Israel wiederholt als „Verbrecherstaat“, sprach von „Apartheid“ und einer „illegalen Gründung“ – und erklärte öffentlich, er erkenne die Existenz Israels nicht an. Dabei greift er zu NS-Framing: Er nannte Israel „einen Staat, der Methoden aus der Nazizeit anwendet“. Solche Vergleiche gelten als rote Linie, weil sie NS-Verbrechen relativieren.

Der „Apartheid“-Vorwurf wird in antiisraelischen Kampagnen seit Jahrzehnten als Delegitimierungsformel eingesetzt, verbreitet wurde er zunächst von der Sowjet-Propaganda. Die Gleichsetzung Israels mit dem Dritten Reich war in der ehemaligen DDR ein besonders gängiges Muster.

Bayan kann das unbefristete Einreise- und Aufenthaltsverbot rechtlich bekämpfen. Sein Video, in dem er den Bescheid attackiert und zugleich nachlegt, dürfte die österreichischen Behörden allerdings kaum umstimmen.

Moschee im Fokus:
Geldflüsse, Jugendarbeit und salafistische Prediger

Das Islamische Kulturzentrum Graz (IKZ) zählt zu den größten Moscheegemeinden Österreichs. Laut der Islam-Landkarte, einem wissenschaftlichen Online-Projekt der Universität Wien, gehören dem Zentrum rund 800 muslimische Familien an. Der Standort in der Grazer Laubgasse ist ein groß dimensionierter Komplex mit Moschee, Jugendzentrum, Kindergarten und Veranstaltungsräumen – und damit ein zentraler Ort muslimischer Jugendarbeit in der Steiermark.

Auch die Finanzierung des IKZ stand wiederholt im Fokus von Medienberichten. Demnach flossen in den vergangenen Jahren größere Spenden aus dem Ausland, unter anderem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait. Laut der Islam-Landkarte bestehen zudem enge Verbindungen zur Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ); in der Vergangenheit habe die Moschee überdies häufig Besuch von bekannten SPÖ- und Grün-Politikern erhalten.

Öffentlich thematisiert wurden auch Vorwürfe zu Auftritten salafistischer Prediger. Der bekannte Islamismus-Aussteiger Irfan Peci forderte in einem Interview die damalige Grünen-Politikerin Alma Zadić kurz vor ihrer Angelobung als Justizministerin auf, sich von ihrem Besuch der Moschee im September 2019 zu distanzieren. Peci erklärte, im IKZ hätten wiederholt radikale Salafisten gepredigt, darunter der bekannte Prediger Adnan Mrkonjić, der „schon öfter eingeladen war“ und bei seinen Auftritten unter anderem über weibliche „Sklavinnen“ gesprochen habe. Wörtlich sagte Peci: „Dort werden minderjährige Mädchen verhüllt, Koran-Wettbewerbe für Kinder aus Graz organisiert und gepredigt, dass der Feminismus nicht mit der Scharia vereinbar ist. Alles ganz offen, nicht geheim.“