Energie-Alarm: Wetter entscheidet – erst Industrie-Aus, dann Strommangel
Kein russisches Gas mehr, keine Atomkraft – und nun droht ein langer, kalter Winter: Im exxpressTV-Interview warnt der Physiker und Energieökonom Björn Peters vor einer Eskalationskette: Gasknappheit, Produktionsstopps, Strommangel. Deutschland hat seine Energieversorgung vom Wetter abhängig gemacht.
Kein russisches Gas, keine Atomkraft. Björn Peters warnt: Wetterabhängige Energien“ machen Deutschland verwundbar.EXXPRESS/EXXPRESS
Der Befund des deutschen Energieexperten Björn Peters ist eindeutig: Deutschland hat sich freiwillig gleich zweier stabiler Energiequellen beraubt – und macht seine Versorgung damit extrem wetterabhängig.
„Vor 20 Jahren haben wir nie über das Wetter geredet“, sagt Peters auf exxpressTV. Kernkraftwerke sorgten für Stabilität – unabhängig von Kälte, Wind oder Sonne. Heute sei das anders: „Mit der Abschaltung der Kernkraftwerke zittern wir um den Wetterbericht.“
Gasspeicher unter Druck
Besonders brisant ist der Blick auf die Gasspeicher. Der Füllstand lag zuletzt bei rund 31 Prozent. Täglich werden 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte entnommen. Peters rechnet vor: Noch vor Monatsende droht die 20-Prozent-Marke – ab dort können technische Probleme bei der Gasentnahme auftreten.
Gas wird doppelt gebraucht – und fehlt dann überall
Das Problem ist strukturell: Gas wird heute gleichzeitig zum Heizen und als Notanker im Stromsystem benötigt. Seit dem Atomausstieg muss Gas zusätzlich die Schwankungen von Wind- und Solarstrom ausgleichen. „Wenn wir von der Kernkraft weggehen, wird dieser Konflikt drastisch“, sagt Peters.
Paradox sei, dass die Politik gleichzeitig den Bau neuer Gaskraftwerke plane. Die entscheidende Frage bleibe unbeantwortet: Woher soll das Gas kommen?
Worst Case: Erst Industrie-Aus, dann Strommangel
Bei einem langen, kalten Winter sei die Reihenfolge klar: „Zuerst wird die Industrie abgeschaltet.“ Das bedeute massive wirtschaftliche Schäden. Danach folge der nächste Schritt: „Dann rutschen wir in eine Strommangellage.“
Gerade Kälteperioden sind gefährlich, weil sie oft mit Windstille und stabilen Hochdrucklagen einhergehen: wenig Wind, wenig Sonne, nachts gar nichts. Fehlen dann die Gaskraftwerke als Backup, wird das System instabil.
Peters’ Fazit ist unmissverständlich: „Diese Wette auf wetterabhängige Energien ist ein zivilisatorischer Rückschritt.“
Abhängigkeit vom Ausland – ohne Verlass
Auf Basis realer Daten warnt Peters vor Extremszenarien: Deutschland könnte künftig gezwungen sein, bis zu 70 Gigawatt Strom aus dem Ausland zu importieren. Doch die Leitungen dafür reichen nicht aus.
Noch problematischer: Ob Nachbarländer im Ernstfall liefern würden, sei offen. „In einem kalten Winter wird auch dort der Strom knapp.“ EU-Verträge seien kein Schutzschild: „Corona hat gezeigt, wie schnell sie Makulatur werden.“
Teure Energie, verlorene Jobs
Knappheit treibt Preise – daran gebe es nichts zu diskutieren. „Jeder Bäcker versteht das.“ Mit dem Atomausstieg gingen 170 Terawattstunden Stromproduktion verloren, allein die letzten sechs AKW lieferten noch 64 Terawattstunden pro Jahr. Dass die Preise zuletzt gesunken sind, erklärt Peters bitter: Die Industrie sucht das Weite. „Wir exportieren keine Güter mehr – wir exportieren Industriearbeitsplätze.“
Auch Nachbarländer zahlen den Preis. In Skandinavien explodierten zeitweise die Stromkosten. Die schwedische Energieministerin konnte sich einen spitzen Kommentar nicht verkneifen: „Auch Robert Habeck steht nicht über der Physik.“
LNG und Nord Stream: viel Hoffnung, wenig Sicherheit
LNG könne russisches Gas theoretisch ersetzen. Praktisch sei Europa jedoch von einer begrenzten Tankerflotte abhängig. Lieferungen kämen nur, wenn sie verfügbar seien. „Leitungsgebundene Energie ist deutlich verlässlicher“, sagt Peters.
Umso unverständlicher sei die Entscheidung, nie wieder russisches Gas kaufen zu wollen. „Ich verstehe diese Logik nicht.“ Die Sanktionen hätten nicht wie erwartet funktioniert. Russland bleibe ein Nachbar – auch nach einem möglichen Frieden. Nord Stream könnte helfen, werde aber politisch blockiert.
Die Krise begann vor dem Ukrainekrieg
Bereits 2021 – lange vor dem Krieg – hätten sich die Gaspreise verdreifacht. Ursache: Windflauten in Europa, Trockenheit in Brasilien, steigende Nachfrage. Politik und Markt reagierten zu spät.
Heute importiert Deutschland zwar weiterhin große Mengen Gas, doch die Speicher leeren sich trotzdem. „Die Endlichkeit des Systems rückt gefährlich nahe.“
Atomkraft: möglich, aber politisch unerwünscht
Kernenergie könnte Gas im Stromsektor eins zu eins ersetzen. Deutschland produzierte früher mit 29 Kernkraftwerken rund 170 Terawattstunden. Laut Peters könnten bis zu elf Anlagen technisch reaktiviert werden. Teuer – aber machbar. „Wenn es scheitert, dann nicht an der Technik, sondern an der Politik.“
Sein Kernsatz: Atomkraft oder verlässliches Gas – eines von beiden hätte gereicht. Dass Deutschland auf beides verzichtet, sei „eines zu viel“.
Nur drei Energiequellen – und Deutschland streicht zwei
Physikalisch gibt es nur drei Energiequellen: Umgebungsenergien, fossile Energieträger und Kernenergie. Deutschland ist Björn Peters zufolge das einzige Land, das beschlossen hat, zwei davon gleichzeitig aufzugeben – und fast alles auf wetterabhängige Energien zu setzen. Die Folge: gigantischer Netzausbau, Speicherzwang, teure Backups und Subventionen.
Am Ende droht das, was Peters offen ausspricht: eine schleichende Planwirtschaft im Stromsektor, denn unter Bedingungen des freien Marktes funktioniere ein Energiesystem, das fast ausschließlich auf wetterabhängigen Quellen basiert, nicht.
Was Deutschland somit droht, ist kein Naturereignis. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Ein Energiesystem, das vom Wetter abhängt, auf Nachbarn hofft und bewährte Technik ausschließt. Ob der Winter glimpflich verläuft, ist offen. Dass das Risiko hausgemacht ist, nicht.
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