Viele Pro-Palästina-Demonstrationen in Berlin geben sich als spontane humanitäre Proteste. Doch eine neue Untersuchung zeichnet ein völlig anderes Bild: Laut einem umfangreichen Dossier operiert hinter Teilen der Gaza-Proteste ein europaweites islamistisches Netzwerk – mit ideologischen, organisatorischen und finanziellen Verbindungen zur Terrororganisation Hamas.

Die Analyse stammt vom Berliner Rechercheverein democ.

Hinter der Protestkulisse: Ein islamistisches Jugendnetzwerk

Im Zentrum steht die Organisation Avrupa Gençlik Derneği (AGD) – der europäische Ableger einer türkischen Bewegung aus dem Umfeld der islamistischen Millî-Görüş-Ideologie.

Sicherheitsbehörden ordnen solche Strukturen dem legalistischen Islamismus zu: öffentlich moderat, langfristig jedoch auf gesellschaftliche Transformation im Sinne religiös-politischer Ideologie ausgerichtet.

Während die Mutterorganisation in der Türkei offen politisch auftritt, agiert der europäische Ableger deutlich vorsichtiger – offenbar bewusst unterhalb staatlicher Aufmerksamkeitsschwellen.

Palästinensische und türkische Flaggen bei einer Berlin-Demo: Laut Dossier spielen transnationale Strukturen bei der Mobilisierung eine wachsende Rolle.APA/AFP/John MACDOUGALL

„Neue Welt“ statt Westen

Unter dem Motto „YeniBirDünya“ („Eine neue Welt“) propagiert das Netzwerk laut Dossier eine Abkehr von westlichen Gesellschaftsmodellen. Die ideologische Grundlage geht auf Millî-Görüş-Gründer Necmettin Erbakan zurück.

Sein Denken verbindet radikalen Antizionismus mit antisemitischen Verschwörungsnarrativen – Israel erscheint darin nicht als Staat unter Kritik, sondern als grundsätzlich illegitim.

Einfluss aus Ankara bis nach Berlin

Die Berliner AGD-Struktur wurde 2019 registriert, organisatorisch jedoch über die europäische Zentrale in Wien aufgebaut. Aktivitäten reichen laut Bericht mittlerweile weit über Berlin hinaus – nach Köln, Hamburg, Bremen und Gießen. Mobilisiert wird vor allem über Telegram- und WhatsApp-Netzwerke. 2025 wurden zusätzlich Vereinsräume in Berlin-Neukölln ausgebaut.

Besonders brisant: AGD-Chef Salih Turhan trat persönlich bei Ideologieschulungen der Berliner Sektion auf – ein Hinweis auf direkte politische Steuerung aus der Türkei.

Demonstranten mit rot bemalten Händen – das Symbol gilt als Anspielung auf den Lynchmord an israelischen Soldaten in Ramallah 2000.APA/AFP/John MACDOUGALL

Hamas-Funktionäre auf AGD-Bühnen

Mehrfach traten laut Dossier hochrangige Hamas-Vertreter wie Fathi Hamad und Suhail al-Hindi bei Veranstaltungen der Organisation auf. Hamas-Führer wurden dort öffentlich als „Märtyrer“ geehrt.

Ein verbreitetes Propagandavideo endet mit einer brennenden Israelflagge und dem Hashtag: #yıkılsınisrail – „Möge Israel zerstört werden“.

Gaza-Proteste als Rekrutierungsmaschine

Der wohl brisanteste Befund der Studie: Teile der Gaza-Protestbewegung fungieren laut Analyse als Rekrutierungs- und Propagandaplattform für Hamas-nahe Ideologien. Unter humanitärer Rhetorik könnten islamistische Akteure neue Unterstützer gewinnen und radikale Narrative schrittweise gesellschaftsfähig machen.

Gaza-Demonstrationen vereinen laut Analyse Aktivisten, NGOs und politische Netzwerke mit sehr unterschiedlichen Agenden.APA/AFP/Stephane LELARGE

Islamisten, Aktivisten – und Rechtsextreme

Im Berliner Bündnis Justice48 trafen laut Bericht islamistische Gruppen, linke Aktivisten und türkische Nationalisten aufeinander.

Bei Autokorsos wurden Wolfsgrüße der rechtsextremen Grauen Wölfe gezeigt. Plakate zeigten Kinder vor Kriegsinfernos sowie dämonisierte Darstellungen Israels Premier Benjamin Netanjahu. Influencer verbreiteten israelfeindliche Desinformation. Redner wie Ahmad Tamim riefen laut Dossier muslimische Staaten sogar zum militärischen Angriff auf Israel auf.

Hamas-Verbindungen reichen bis nach Europa

Eine zentrale Figur ist der Berliner Aktivist Ali C., aktiv im Umfeld der European Palestinians Conference, die Sicherheitsanalysen mit Hamas-nahen Strukturen verbinden. Er trat gemeinsam mit dem untergetauchten Hamas-Netzwerker Majed al-Zeer auf und erklärte öffentlich den bewaffneten Widerstand gegen Israel für legitim.

Zehntausende demonstrierten in Berlin für Gaza.APA/AFP/RALF HIRSCHBERGER

Spenden für Gaza – und offene Fragen

Besonders sensibel sind die Finanzstrukturen. Über die AGD-nahe Organisation AGD AID wurden umfangreiche Gaza-Spenden gesammelt – darunter eine Gala mit angeblich über 76.000 Euro Einnahmen. Nachvollziehbare Nachweise über Verwendung oder Transport fehlen laut Bericht. Teilweise wurden Unterstützer aufgefordert, Geld auf private PayPal-Konten zu überweisen.

Die Studie warnt vor dem Risiko möglicher Weiterleitungen an Hamas-nahe Strukturen.

Flottille als kalkulierte Eskalation?

Auch die Global Sumud Flotilla soll laut Dossier organisatorisch und finanziell unterstützt worden sein. Ein Teilnehmer erklärte später offen: Das Erreichen Gazas sei nie das eigentliche Ziel gewesen – vielmehr habe man Israel bewusst zu einer militärischen Reaktion provozieren wollen.

Nach dem Scheitern kam es zu Protesten am Berliner Alexanderplatz, bei denen Demonstranten Straßenbahngleise blockierten, bevor die Polizei einschritt.

Die entscheidende Frage

Die Schlussfolgerung der Studie ist eindeutig: Was wie spontane Solidarität wirkt, könnte Teil einer langfristigen Mobilisierungsstrategie islamistischer Netzwerke sein. Damit stellt sich eine zunehmend brisante Frage: Wie stark Hamas-nahe Strukturen tatsächlich hinter den Gaza-Protesten in Europas Hauptstädten stehen.