Die EU hat Anfang Jänner ein Hilfspaket in Höhe von 620 Millionen Euro für Syrien für die Jahre 2026 und 2027 angekündigt. Gleichzeitig wächst das Interesse ausländischer Investoren an dem Land, insbesondere aus Saudi-Arabien, Katar, der Türkei und den USA. Ungeachtet dieser Entwicklungen bleibt die wirtschaftliche Lage Syriens nach mehr als 13 Jahren Bürgerkrieg jedoch prekär.

US-amerikanische Firmen zeigen besonderes Interesse an Projekten in den Bereichen Infrastruktur, Öl und Gas, erklärte Yusuf Tayara im Gespräch mit der APA. Tayara ist Gründer von Oxford Levant Advisory und berät unter anderem Unternehmen beim Markteintritt in Syrien. Europäische Firmen seien im Vergleich “viel, viel langsamer in diesem Spiel”.

Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa betonte im Oktober 2025, man habe “die Investitionsgesetze Syriens geändert, damit sie zu den besten der Welt gehören, und innerhalb der ersten sechs Monate hat das Land Investitionen im Wert von 28 Milliarden US Dollar angezogen”. Sharaa steht an der Spitze einer Übergangsregierung, die nach dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad im Dezember 2024 an die Macht kam. Insgesamt seien seitdem 50 Niederlassungen ausländischer Unternehmen sowie 40 externe Agenturen registriert worden.

Zur Vereinfachung von Investitionsprozessen wurde eine Investitionsbehörde eingerichtet. Zudem habe man Partnerschaften mit Saudi-Arabien, Katar, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeschlossen, auch US-Unternehmen seien an Investitionen beteiligt, ergänzte Sharaa.

Positiv bewertete Tayara den Fokus der neu geschaffenen Investitionsbehörde auf Transparenz. “Es ist ziemlich erfrischend – jemand hat mir gesagt, er sei es nicht gewohnt, in Syrien zu arbeiten, ohne Schmiergeld zahlen zu müssen.” Zudem gebe es seit dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad wieder Meinungsfreiheit und ein politisches Mitspracherecht der Bevölkerung, so Tayara. Zwar sei es noch zu früh, um zu beurteilen, ob die Übergangsregierung die Forderungen der Bevölkerung tatsächlich umsetze. “Aber zumindest wissen wir, dass sie zuhört.”

Sukzessiver Abbau von Subventionen

Allerdings habe die Übergangsregierung bisher mehr unternommen, um Investoren anzulocken, als für das “Wohl der Menschen” zu sorgen, räumte Tayara ein. Seit der Machtübernahme wurden Subventionen für Brot und Strom gestrichen. “Das hat dazu geführt, dass die Syrer mit astronomischen Strompreisen zu kämpfen haben”, sagte Tayara. Zudem sei die Stromversorgung für weite Teile der Bevölkerung unzureichend. Selbst wohlhabende Haushalte verfügten häufig nur über zwei bis drei Stunden Strom pro Tag, wie die APA bei einem Lokalaugenschein Ende Jänner berichtete.

Der Abbau von Subventionen ist keine neue Entwicklung in Syrien. Bereits 2007 begann das Assad-Regime, staatliche Zuschüsse unter Verweis auf steigende Kosten schrittweise zurückzufahren. Dennoch machte das Subventionssystem im Jahr 2021 noch rund 40 Prozent der Staatsausgaben aus, wie aus einem Bericht des UNO-Kinderhilfswerks von Juli 2022 hervorgeht. Auch 2023 kürzte die Assad-Regierung staatliche Subventionen für Treibstoff und Düngemittel.

"99 Prozent der Bevölkerung" vernachlässigt

Der Nahost-Experte Joseph Daher vom Bonn International Centre for Conflict Studies fordert von der Übergangsregierung nun einen klaren Bruch mit der Vergangenheit. Im Gespräch kritisierte er den Aufbau eines Wirtschaftssystems, das vor allem der neuen Elite und ausländischen Investoren zugutekomme. Die Regierung werbe nun mit niedrigen Lohnkosten um ausländisches Kapital, während lokale Industrien – etwa in den Bereichen Textil und Lebensmittel – kaum vor Konkurrenz aus der Türkei oder China geschützt seien.

Damit vernachlässige man “die Interessen von 99 Prozent der Bevölkerung”. Viele Menschen könnten von ihren geringen Einkommen kaum leben, so Daher. In Damaskus lägen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für eine fünfköpfige Familie bei rund 1.000 US-Dollar (847,89 Euro) pro Monat, während der monatliche Mindestlohn im öffentlichen Sektor etwa 70 US-Dollar betrage. Ausländisches Kapital bringe kaum wirtschaftliche Besserung, da es vor allem in nicht-produktive Sektoren wie Finanzen, Tourismus und Immobilien fließe.

Mehr als 13 Jahre Bürgerkrieg haben weite Teile der Infrastruktur Syriens zerstört. Nach Angaben der Weltbank von Juni 2025 wurde mehr als die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung im Laufe des Konflikts vertrieben, der zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um über 50 Prozent führte. Jede vierte Person lebt in extremer Armut. Die Staatsverschuldung belief sich Ende 2024 auf etwa 27 Milliarden US-Dollar (22,89 Mrd. Euro), was rund 128 Prozent des BIP entspricht. Auslandsschulden mit erheblichen Zahlungsrückständen – insbesondere gegenüber dem Iran – machten 104 Prozent des BIP aus.