Ex-General: US-Schlag gegen Iran kaum zu vermeiden – Warnung vor Chaos danach
Ein direkter US-Schlag gegen Iran rückt näher. Der ehemaliger israelische General Amir Avivi hält ein Zurückweichen für ausgeschlossen. Zugleich warnt der langjährige Iran-Experte Harold Rhode vor Chaos, Machtvakuum und neuen Diktaturen. Entscheidend sei nicht nur der Angriff – sondern der Tag danach.
Showdown der Machtzentren: Washington erhöht den Druck auf Teheran. Ist die Eskalation unausweichlich?
Der Iran steht aus Sicht mehrerer Sicherheitsexperten vor einem tiefgreifenden Umbruch. Zwei aktuelle Briefings aus dem Umfeld israelischer Thinktanks zeichnen dabei ein spannungsreiches Bild: militärischer Handlungsdruck auf der einen Seite – eindringliche Warnungen vor den Folgen danach auf der anderen.
Der ehemalige israelische Brigadegeneral Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), sieht einen klaren militärisch-strategischen Wendepunkt erreicht. Demgegenüber warnt der langjährige US-Iran-Experte Dr. Harold Rhode in einem separaten IDSF-Briefing vor den Risiken eines unkontrollierten Regimebruchs.
Die zentrale Erkenntnis beider Analysen: Nicht so sehr das „Ob“, als vielmehr das „Wie“ eines Umbruchs bestimmt zurzeit die Debatten – und womöglich die Zukunft der Region.
Amir Avivi (IDSF): „Es gibt kein Zurück mehr“
Im Interview mit dem israelisch-amerikanischen Publizisten Yishai Fleisher spricht Amir Avivi von einem historischen Moment. Aus seiner Sicht ist ein Punkt erreicht, an dem ein Rückzug kaum noch möglich wäre.
USA und Glaubwürdigkeit: „Ein Rückzug würde alles zerstören“
Avivi argumentiert, dass die USA – und mit ihnen Israel – ihre globale Abschreckung verspielen würden, sollten sie nun vor einem harten Vorgehen gegen Iran zurückweichen. „Wenn Amerika jetzt zurückweicht, bricht die gesamte globale Abschreckung zusammen.“
Er verweist auf westliche Signale an die iranische Bevölkerung, sich gegen das Regime zu erheben, und auf die anschließende brutale Repression durch Teheran. „Nach öffentlichen Appellen an das iranische Volk wurden Zehntausende Menschen getötet. Wenn man jetzt nicht handelt, ist jede Zusage wertlos.“ Sein Fazit ist eindeutig: „Es gibt kein Zurück mehr vom Angriff auf Iran und vom Versuch, dieses Regime zu verändern.“
Irans Antwort: Drohung mit Mehrfrontenkrieg
Teheran droht offen mit Eskalation. Avivi nimmt diese Drohungen ernst: „Die Iraner sagen klar: Wenn wir angegriffen werden, wird das kein begrenzter Konflikt. Alle unsere Stellvertreter werden aktiv.“ Genannt werden: die Hisbollah im Libanon, die Houthis im Jemen, schiitische Milizen im Irak, die Hamas im Gazastreifen.
Zugleich betont Avivi, dass diese Kräfte bereits deutlich geschwächt seien: „Sie sind nicht mehr so stark wie früher – aber sie bleiben gefährlich.“ Unmissverständlich stellt er fest: „In jedem Szenario wird Israel angegriffen. Am Ende dieses Krieges werden Raketen eine zentrale Rolle spielen.“
Das gefährlichste Zeitfenster: Wer schlägt zuerst zu?
Besonders kritisch bewertet Avivi die aktuelle Übergangsphase zwischen politischer Entscheidung und militärischer Umsetzung. „Israel kann schnell entscheiden. Die USA sind ein riesiger Apparat – von der Entscheidung bis zur Aktion vergeht viel Zeit.“ Genau dieses Zeitfenster sei hochriskant: „Die entscheidende Frage ist, wer zuerst angreift.“
Ein iranischer Präventivschlag dürfe nicht zugelassen werden: „Das darf keine Option sein – selbst wenn Israel früher handeln müsste.“
„Wie der Pharao“: Avivis Iran-Analyse
Avivi beschreibt die iranische Führung als trotzig und irrational: „Dieses Regime verhält sich wie der Pharao. Sein Herz ist verhärtet.“ Statt Deeskalation beobachte er Eskalation: „Sie fühlen sich gedemütigt, wollen Rache und reagieren mit Aufrüstung.“
Konkret nennt Avivi: den Ausbau ballistischer Raketen, die Wiederbelebung des Atomprogramms. Sein Urteil: „Sie tun genau das Gegenteil von gesundem Menschenverstand.“
„Kopf der Schlange“: Warum Avivi auf Teheran fokussiert
Avivi lehnt es ab, ausschließlich gegen einzelne Terrororganisationen vorzugehen: „Man muss den Kopf der Schlange treffen.“ Iran sei Finanzier, Ausbilder und strategischer Lenker der Stellvertreter: „Hamas wird von Iran finanziert, geführt und bewaffnet.“ Ein Regimewechsel hätte aus seiner Sicht systemische Wirkung: „Wenn dieses Regime fällt, brechen die Stellvertreter zusammen. Es wäre ein Dominoeffekt.“
Dr. Harold Rhode: Warnung vor dem „Tag danach“
Einen deutlich anderen Akzent setzt Dr. Harold Rhode in einem YouTube-Briefing des IDSF, dessen Vorsitzender Avivi ist. Rhode ist ein US-Nahost- und Iran-Experte, der 28 Jahre für das Pentagon tätig war. Über Jahrzehnte hinweg stand er in direktem Kontakt zu iranischen Eliten und Oppositionellen, er kennt die gesellschaftlichen Dynamiken des Irans aus eigener Erfahrung.
„Iran ist kein künstlicher Staat“
Rhode warnt eindringlich vor westlichen Ideen, Iran nach einem Regimewechsel ethnisch aufzuteilen: „Wer Iran entlang ethnischer Linien zerlegt, provoziert Bürgerkrieg.“ Die Folgen seien absehbar: ein Machtvakuum, Gewalt zwischen Gruppen, der Aufstieg eines neuen starken Mannes. „Chaos endet nicht in Demokratie, sondern in Tyrannei.“
Warnung vor ethnischer Zerschlagung
Rhodes zentrale These: „Iran ist kein zusammengebastelter Nationalstaat, sondern ein Zivilisationsraum.“ Iran sei eine historisch gewachsene Vielvölkerstruktur mit einer übergeordneten Identität: „Azeri, Kurde oder Araber – zuerst sind sie Iraner.“
Sein Schlüsselbegriff: „Iran Zamin“ – die Loyalität zum Land Iran.
Skepsis gegenüber Demokratie-Export
Rhode hält es für naiv, an eine rasche Umwandlung des Irans in eine westliche Demokratie zu glauben. „Politische Identität ist hier gruppenbasiert, nicht individualistisch.“ Er zitiert den Nahost-Historiker Bernard Lewis: „Ein Mensch, eine Stimme, ein einziges Mal.“ Demokratie vergleicht Rhode mit Medizin: „Wenn man die ganze Dosis auf einmal nimmt, tötet man den Patienten.“
Regimewechsel wahrscheinlich – entscheidend ist das Danach
Rhode hält einen Umbruch für absehbar. Das Regime in Teheran habe das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich schwer beschädigt: „Strom, Wasser, internationale Isolation, Verlust von Würde und Reisefreiheit.“ Doch entscheidend sei: „Nicht ob das Regime fällt, sondern was danach kommt.“
Seine Warnung: „Das Ergebnis könnte für Israel und den Westen gefährlicher sein als der Status quo.“
Reza Pahlavi als mögliche „Klammer“
Brisant ist Rhodes Einschätzung zur Exilfigur Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs: „Er ist der einzige Name, den jeder im Iran kennt.“ Viele Iraner riefen wieder „Lang lebe der Schah“ – weniger aus Monarchismus als aus Sehnsucht nach Stabilität. Rhode sieht Pahlavi nicht zwingend als Monarchen, sondern als mögliche Integrationsfigur für eine Übergangsphase.
Rolle von USA und Israel: Hilfe – aber im Hintergrund
Rhode plädiert für Zurückhaltung: „Unterstützung ja – aber keine offenen Interventionen und keine gesellschaftlichen Großexperimente.“ Anders als 1979 habe das heutige Regime kein Problem damit, auf die eigene Bevölkerung schießen zu lassen.
Beide Analysen gehen von einem möglichen Umbruch in Iran aus – sehen aber hohe Risiken. Avivi sieht den militärisch-strategischen Handlungsdruck und warnt vor einem gefährlichen Zeitfenster. Rhode warnt davor, den „Tag danach“ zu unterschätzen. Sicher ist nur eines: Ein Umbruch in Iran wäre kein regionales Ereignis, sondern ein geopolitisches Risiko mit langfristigen Folgen. Ob daraus Stabilität oder neues Chaos entsteht, hängt weniger vom Sturz des Regimes ab – als von dem, was danach kommt.
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