Als selbstständiger Trainer und Berater im Bereich Interkulturalität und Diversität vermittelt Nedžad Moćević seinen Klienten die Grundlagen zivilisierter Kommunikation. „Ich vermeide Generalisierungen, gehe respektvoll mit verschiedenen Perspektiven um und mache niemanden zum Sündenbock”, beamt er bei seinen Seminaren an die Wand.

Diesem Anspruch wird der Referent allerdings selbst nicht immer gerecht. Der an der FH Salzburg am Department für Angewandte Sozialwissenschaften tätige Soziologe verbreitet in sozialen Medien ziemlich einseitige – nach einer exxpress-Anfrage teilweise nicht mehr öffentlich zugängliche – Sichtweisen, lässt bisweilen haarsträubende Generalisierungen unwidersprochen und hat auch einen bevorzugten Sündenbock: Israel und den Zionismus.

Westen ist schuld...

„Natürlich ist die Hauptverantwortung für alles, was da passiert, für diesen Völkermord, diesen Genozid, bei Israel”, sagt Moćević in einem inzwischen gesperrten Videogespräch mit der Millionenerbin Marlene Engelhorn. Der Dialog läuft unter dem Titel: „Über Palästina reden lernen”. Lernen kann der Zuseher, wie man über Palästina redet, ohne vom palästinensischen Terror zu reden. Moćević beklagt, dass Palästinenser dämonisiert und unter Antisemitismus-Verdacht gestellt würden, so, „als hätten sie den gleichen Antisemitismus, den wir zu Zeiten des Nationalsozialismus gesehen haben, auch übernommen”. Aber Israel ist für den bosnisch-stämmigen Muslim nicht der einzige Sündenbock. Ein Teil des Problems und der Grund dafür, dass Israel das machen könne, was es tue, sei die wirtschaftliche, militärische und ideologische Unterstützung seitens des Westens. „Viele haben ein sehr idealisiertes Bild von Israel – Stichwort ‘einzige Demokratie im Nahen Osten'”, findet der Extremismusexperte und unterstreicht seine Zweifel an der israelischen Demokratie, indem er mit seinen Fingern Anführungszeichen in die Luft schreibt.

Für Marlene Engelhorn ist nicht der Islamismus das Problem, sondern Kapitalismus und Patriarchat.
Für Marlene Engelhorn ist nicht der Islamismus das Problem, sondern Kapitalismus und Patriarchat.

... und das Patriarchat

Auch Frau Engelhorn erklärt, wie man über Palästina reden muss, wenn man in ihren Kreisen Durchblick beweisen möchte: „Palästina ist ein Sinnbild nicht nur dafür, wie moralisch korrupt und verwerflich der Westen geworden ist”, doziert die bekannte Vorkämpferin für Erbschaftssteuern, „dort passiert alles gleichzeitig: es geht hier um Apartheidstruktur, es geht um Völkermord, da passiert Ausbeutung im Kolonialstil, das hat mit Patriarchat zu tun, mit Kapitalismus”. Nur eines passiert in Palästina nicht, wenn man darüber redet, wie es dieses Insta-Zwiegespräch lehrt: Hamas-Terror. Der von Islamisten verübte und von den Fundi-Regimen in Katar bzw. Iran subventionierte Massenmord bleibt unerwähnt.

Forum für Antisemitin

Dafür teilt Moćević am Tag nach dem Tod des für den katarischen Sender Al-Jazeera tätig gewesenen Journalisten Anas Al-Sharif bei einem israelischen Angriff in Gaza dessen letztes Manifest, ohne auch diese Perspektive einzubringen: Al-Sharifs hinlänglich dokumentierte Nähe zu den Hamas-Bossen.

Auch die US-palästinensische Aktivistin Susan Abulhawa darf vor ein paar Tagen bei Moćević auf Insta darüber klagen, als Opfer eines Genozids die Gefühle der Täter nicht verletzen zu dürfen. Die Mitbegründerin der in Österreich von allen Parteien im Nationalrat als antisemitisch eingestuften BDS-Bewegung hat den Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 als „beeindruckende Demonstration von Guerilla-Kriegsführung” abgefeiert. Beeindruckt ist die Dame, die Juden schon als „Kakerlaken” und „Vampire” bezeichnet hat, naturgemäß auch vom von der Vernichtung Israels träumenden Mullahregime in Teheran: „Der Iran hat der Welt gezeigt, dass es möglich ist, zu leben, ohne sich zu beugen oder die eigene Souveränität aufzugeben”, sagte sie Ende März in einem Interview mit dem iranischen Staatsfernsehen.

Auch Ansichten der Israel-Hasserin und Mullah-Bewunderin Susan Abulhawa teilt Moćević auf seinem mittlerwiele nicht mehr öffentlichen Instagram-Account.
Auch Ansichten der Israel-Hasserin und Mullah-Bewunderin Susan Abulhawa teilt Moćević auf seinem mittlerwiele nicht mehr öffentlichen Instagram-Account.

Fäkalsprache

Die antizionistische Schlagseite von Moćević’ Insta-Profil ist kein Einzelfall. Auf Facebook pfeift er auch beim Gebot des respektvollen Umganges auf seine Seminar-Weisheiten. So teilte er im vergangenen August diesen Text:
„ich scheiß auf euer ,aber'”:
free palestine, aber h***S (Hamas, Anm.).
free palastine, aber 7. oktober.
free palastine, aber beide seiten.
ihr hört euch an wie typen, die die
eigene frau schlagen und sich
entschuldigen mit: ‘sorry, aber du
hast mich vor meinen freunden
blamiert.’
sei solidarisch gegen genozid (!) um himmels willen oder halt dein maul.”

Der Extremismusberater verbreitete fäkalsprachlich untermalte Aufforderungen zum Maul halten.
Der Extremismusberater verbreitete fäkalsprachlich untermalte Aufforderungen zum Maul halten.

Es gilt offenbar nur die „free palestine”-Perspektive”. Wer auf die Hamas und deren Terror verweist und die Tragödie auch aus dieser Perspektive beleuchten will, dem wird auf der Facebookseite des Extremismusberaters das Maulhalten empfohlen.

Antiisraelische Perspektive

An anderer Stelle teilt Moćević einen englischen Text, der jedes Verständnis für jüdische Befindlichkeiten für unverständlich erklärt: „Ich bin erstaunt, wie viel Zeit und Energie Menschen – sogar pro-palästinensische – darauf verwenden, jüdische Gefühle zu schützen und in den Mittelpunkt zu stellen, mitten in einem Völkermord”, wird da beklagt und pro-israelische Haltungen zum „Produkt jahrzehntelanger Prägung durch westliche Medien” erklärt. Über Generationen hinweg hätten „Schlagzeilen, Filme und Nachrichtenzyklen das Publikum darauf trainiert, jüdische Identität als dauerhaft verletzlich und schutzbedürftig zu sehen”.

Terror gerechtfertigt

Proaktiv tut Moćević selbst einiges zur Eindämmung des Prosemitismus. So organisierte er ein paar Monate nach dem Hamas-Überfall auf Israel im Afro-Asiatischen Institut in Salzburg einen Filmabend, bei dem „Israelism” von Erin Axelman lief. Der Film zeigt die Geschichte von zwei US-Amerikanern und deren Wandel von überzeugten Zionisten zu Kritikern Israels. Kritiker werten „Israelism“ als Beispiel für ein immer beliebter werdendes Filmgenre, das sich als Dokumentation über Menschenrechtsverletzungen ausgibt, in Wirklichkeit aber getarnte politische Propaganda ist. Der Film erwähnt weder die Ablehnung des UN-Teilungsplans durch die arabischen Staaten 1947/48 noch die darauffolgende Invasion Israels durch benachbarte arabische Staaten.

Auf Moćević’ Facebook-Feed dürfen Israel-Hasser unwidersprochen Terror rechtfertigen. So heißt es in einem Diskussionsbeitrag: „Es ist unfassbar, was diesem Volk (den Palästinensern, Anm.) angetan wurde und wird. Wen wundert es, dass hier Terrorismus entsteht?” Der Extremismusexperte rät nicht etwa zu einer differenzierten Sicht der Dinge, sondern reagiert zustimmend mit „danke dir”. Auch den Kommentar einer Userin, wonach „Terror die einzige Möglichkeit (ist), überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen”, lässt Moćević unwidersprochen stehen.

Öffentliche Kooperationen

Seine Auftraggeber dürfte all das bislang nicht gestört haben oder bekannt gewesen sein. Die auf Moćević’ Homepage angeführte Liste seiner Kooperationspartner ist lang. In Salzburg sind es Stadt, Land, die Pädagogische Hochschule sowie NGO wie das Friedensbüro und die Plattform für Menschenrechte. Letzteres würdigt inbesondere Moćević’ Einsatz gegen „anti-muslimische Rassismus”, der in Österreich laut dieser NGO ein gesamtgesellschaftliches und strukturelles Problem sei. Wie viele öffentlich finanzierte NGO pusht auch das von Stadt und Land Salzburg sowie dem Bundeskanzleramt mit Förderungen bedachte Friedensbüro ein von Islamisten zur Immunisierung gegen Kritik erfundenes Totschlagargument. Es ist insofern absurd, als Kritisieren oder Ablehnen einer Religion nichts mit aus ethnischen und biologischen Kriterien konstruiertem Rassismus zu tun haben. Eine Anfrage lässt das Friedensbüro unbeantwortet.

Auch außerhalb von Salzburg koperieren öffentliche Instituionen gern mit Moćević. Anfang April holte ihn sie Kinder- und Jugendanwaltschaft des Landes Oberösterreich zu einem Vortrag über „Digitalisierung und (De-)Radikalisierung” ins Linzer Schlossmuseum. Auf Moćević’ Liste der oö. Kooperationspartner stehen zudem die Städte Braunau und Steyr sowie Firmen wie Rotax, TGW-Living Logistics. In der Steiermark kommt noch die Pädagogische Hochschule Steiermark hinzu.

Moćević als Referent bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft in Linz.
Moćević als Referent bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft in Linz.

Altbekannte Problematik

Auch eine bundesweit tätige NGO bediente sich der extremismusprophylaktischen Dienste des Salzburgers: Die im Rahmen des bundesweiten Netzwerkes Offene Jugendarbeit (bOJA) tätige Beratungsstelle Extremismus. Auf Moćević’ Online-Aktivitäten hingewiesen, erklärt bOJA-Geschäftsführerin Daniela Kern-Stoiber, man sei sich der Verantwortung bewusst und „bemüht, im Sinne unserer Klient*innen möglichst fachbezogen und unaufgeregt Informationen zu teilen. Dennoch gelingt uns das nicht immer. Wir werden mit dem Kollegen rücksprechen”.

Die Problematik ist freilich nicht neu. Schon im Jahr 2015 hatte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) unter dem Titel „Im Schatten der Muslimbruderschaft” gefragt: „Kämpft die (österreichische, Anm.) Regierung ausgerechnet mit Islamisten gegen Dschihadisten?” Es ging um eine Gemeinsamkeit von externen Mitarbeitern der Beratungsstelle Extremismus, nämlich deren Engagement in der “Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ)”, die sich immer wieder dem – kategorisch zurückgewiesenen – Verdacht einer Nähe zur Muslimbruderschaft ausgesetzt sieht. Ausdrücklich erwähnte die NZZ in diesem Zusammenhang Nedžad Moćević. Schon damals hatte die Leiterin der Extremismus-Beratungsstelle gegenüber dem Blatt „deutliche Hinweise für ein Naheverhältnis zwischen der MJÖ und Organisationen mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft“ eingeräumt, aber niemanden aus dem Trainerpool ausschließen wollen.

Geld aus Engelhorn-Erbe

Moćević wurde später aus anderen Gründen zum wertvollen Mitarbeiter. bOJA hat 421.000 Euro aus dem 25-Millionen-Erbe erhalten, das Marlene Engelhorn 2024 durch einen 50-köpfigen „Guten Rat” verteilen lassen hatte. Berater dieses Gremiums war: Nedžad Moćević.

Minsterin stoppt Kooperation

Trotzdem muss die NGO künftig auf Moćević’ Dienste verzichten: Aus dem Familienministerium von Claudia Bauer, in dessen Auftrag bOJA tätig ist, wurde exxpress mitgeteilt: „Seitens der Beratungsstelle Extremismus gibt es keine Zusammenarbeit mehr mit Herrn Moćević.” Nach der Streichung der Förderungen für die linke NGO Zara setzt Ministerin Claudia Bauer damit ein weiteres Zeichen.

Der Extremismusforscher selbst will offenbar nicht zu den Inhalten auf seinen Social-Media-Accounts Stellung nehmen. Auf eine Anfrage reagiert er zwar zunächst mit „ich antworte Ihnen gerne”, beschränkt sich aber auf die Sperre des Insta-Accounts und auf Gegenfragen wie „Wieso machen Sie Screenshots von meinen Social Media Kanälen? Wie kam es dazu? Woher das Interesse für meine Person?”. Obwohl diese Fragen beantwortet werden, bricht Moćević den Kontakt ab und so mit einer weiteren auf seinen Seminaren verbreiteten Lehre: „Ich übernehme Verantwortung für das, was ich sage.”