Deutsch lernen gilt als Schlüssel zur Integration. Doch bei den Deutschkursen fehlt der Stadt Wien offenbar jeder Überblick. Mehrere Ressorts und Stellen der Stadt Wien fördern parallel, mit unterschiedlichen Zielgruppen und Programmen – ohne zentrale Steuerung, ohne Gesamtübersicht, ohne transparente Zahlen über die Höhe des ausgegebenen Steuergeldes.

Keine Angaben, wie viel die Stadt insgesamt für Deutschkurse ausgibt

Das zeigt eine schriftliche Anfrage der ÖVP Wien an Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos), Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ), die Abteilung Integration und Diversität (MA 17) und den Fond Soziales Wien (FSW) im Oktober 2025. Die Anfragen und Antworten liegen dem exxpress vor.

Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) beantwortete die Fragen der ÖVP Wien.ÖVP Wien

Die Anfragen der ÖVP Wien, wurden „äußerst dürftig“ beantwortet. Der FSW lieferte „ein paar Antworten“. Von der MA 17 kamen keine Antworten. Damit bleibt unklar, wie hoch die tatsächlichen Gesamtausgaben der Stadt für Deutschkurse sind – und welche Wirkung diese Förderungen überhaupt haben.

Was fehlt, ist laut Kritik der Wiener Volkspartei eine transparente Datenlage: Wie viel Steuergeld gibt die Stadt insgesamt für Deutschkurse aus? Wie viele Kursplätze werden finanziert? Wie viele Personen nehmen tatsächlich teil – und wie viele schließen auch wirklich positiv ab?

Hungerländer: „Eine Hand weiß nicht, was die andere macht“

Das Fazit der Integrationssprecherin der Wiener ÖVP, Gemeinderätin Caroline Hungerländer: „Zehn Jahre nach Einsetzen der Flucht- und Migrationswelle sollte die Stadt das Thema außerschulische Deutschkurse eigentlich im Griff haben. Unsere Anfrage hat aber gezeigt: Die eine Hand weiß nicht, was die andere macht. So kann und darf das nicht weitergehen“.

Der exxpress stellte eine Anfrage an die Stadt Wien, wie viel Steuergeld sie insgesamt für Deutschkurse ausgibt und warum die MA 17 auf die ÖVP-Anfrage nicht antwortete. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels erhielt der exxpress keine Antwort.

Integrationssprecherin der Wiener Volkspartei, die Gemeinderätin Caroline Hungerländer.Garima Smesnik/Klub der Wiener Volkspartei

Die vier Förderschienen der Stadt Wien

Die Stadt Wien fördert Deutschkurse über mehrere Kanäle. Das sind die wichtigsten Player in der Bundeshauptstadt:

MA 17

Die Abteilung für Integration und Diversität der Stadt Wien fördert mehrere Vereine, die Deutschkurse anbieten, etwa Interface, eine gemeinnützige GmbH der Stadt Wien. Die Zielgruppen, die die MA 17 fördert, sind Drittstaatsangehörige, EU-Bürger und Flüchtlinge.

Fond Soziales Wien (FSW)

Die Organisation setzt das Programm „Integration ab Tag 1“ um. Dieses enthält nicht nur Deutschkurse, sondern auch Gundregel-Kursen und Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Das Programm richtet sich aber auch an Migranten, die sich noch im Asylverfahren befinden. Das Programm wird durch verschiedene Partner, wie die Wiener Volkshochschulen, umgesetzt.

Neu ist: Ab 2026 wird das FSW keine Deutschkurse mehr für Flüchtlinge oder Personen, die auf einen positiven Asylbescheid warten, anbieten. Der Grund: Die Stadt Wien dreht den Geldhahn zu. Stadtrat Hacker sieht den beim Bund angesiedelten Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) stattdessen in der Pflicht, genügend Deutschkurse anzubieten.

Basisbildungskurse

In „BaBi“-Kursen lernen Migranten neben der deutschen Sprache Grundfertigkeiten. „BaBi“-Kurse sind, im Gegensatz zu den Förderungen und Angeboten der MA 17 und des FSW gesetzlich geregelt: Die Kurse werden von Bund und Ländern gemeinsam finanziert und die Kosten pro Unterrichtseinheit stehen fix fest.

Berufsspezifische Deutschkurse

Diese richten sich an Personen in einem spezifischen Berufsfeld. Finanziert werden diese Kurse etwa von Interface oder vom FSW.

Keine Antworten von MA 17

Die Anfragen der ÖVP Wien, wurden „äußerst dürftig“ beantwortet. Der FSW lieferte „ein paar Antworten“. Von der MA 17 kamen keine Antworten. Damit bleibt unklar, wie hoch die tatsächlichen Gesamtausgaben der Stadt für Deutschkurse sind – und welche Wirkung diese Förderungen überhaupt haben. Anfragen und Antworten liegen diesem Onlinemedium vor.

Zusätzliche Brisanz bekommt die Debatte durch den Anfang Jänner erschienenen Bericht des Stadtrechnungshofes (StRH) zur Grundversorgung in Wien. Im Fokus: das vom FSW umgesetzte Programm „Integration ab Tag 1“, das seit 2017 20 Millionen Euro gekostet hat und zusammen mit dem Projekt „Start Wien – Jugendcollege” das teuerste war. Die Abbruchquote bei „Integration ab Tag 1“ lag je nach Jahr bei bis zu 37 Prozent. Die durchschnittliche Abbruchquote liegt bei 30,5 Prozent.

Personen in Deutschkursen, die negativen Asylbescheid haben

Der StRH stellte durch Stichproben fest, dass Personen an Deutschkursen teilnahmen, die einen rechtskräftigen negativen Asylbescheid hatten. Das bedeutet: Die Stadt Wien finanzierte mit Steuergeldern Integrationsmaßnahmen für Menschen, die eigentlich außer Landes sein müssten.

Aus der Antwort von Stadtrat Hacker geht hervor, dass ein Deutschkursplatz beim FSW, also auch im Programm „Integration ab Tag 1“ in den Jahren 2020 bis 2024 durchschnittlich 838 Euro gekostet hat. „Bei der MA 17 können die Kosten pro Unterrichtseinheit je nach Kursformat, Träger und begleitenden Maßnahmen variieren“, steht in dem Dokument. Die Gesamtkosten für die Deutschkurse beim FSW betrugen von 2020 bis 2024 fast 9 Millionen Euro. Aus der Antwort des Wiener Stadtrats geht nicht hervor, wie viele positive Abschlüsse der Kurse überhaupt hat und wie viele es pro Jahr gibt.

Volkspartei schaltet Stadtrechnungshof ein

Integrationssprecherin Hungerländer zieht daraus klare Konsequenzen. Sie stellte jetzt ein Prüfersuchen an den Stadtrechnungshof. Die Stadt Wien habe „offensichtlich keine Ahnung, wie viele Deutschkurse sie überhaupt anbietet und wie hoch die Gesamtkosten dafür sind“. Das sei „untragbar“, da es um Steuergeld gehe, sagt Hungerländer in einer Pressekonferenz.