Europa wird unterwandert von einem muslimischen Netzwerk, das sogar nach eigenen Angaben Muslimbrüder und Salafisten in seinen Reihen hat. Und von der EU gibt es dafür auch noch Geld und Anerkennung, weil die Netzwerker auf Freundlichkeit geschult sind.

Europäische Medien haben von dem Treffen in Istanbul nicht Notiz genommen. Vor knapp zwei Wochen trat dort der Generalkongress des Council of European Muslims (CEM) zusammen, um dessen Präsidenten Abdallah Ben Mansour mit absoluter Mehrheit für eine neue vierjährige Amtszeit zu bestätigen.

Auch wenn dieses Ereignis am Bosporus außerhalb der EU stattfand, verdiente es mehr Aufmerksamkeit. Möglicherweise resultiert das mediale Desinteresse  aus dem fehlenden Bad-News-Faktor, der die Größe von Schlagzeilen bestimmt. CEM verbreitet nur Good News: Auf seiner Homepage schildert der Muslime-Rat Mansours Streben, „Offenheit gegenüber den verschiedenen Teilen der europäischen Gesellschaften zu stärken, die gemeinsame menschliche Werte mit dem Rat teilen.” Dies solle ein positives Zusammenleben unterstützen sowie Möglichkeiten für Zusammenarbeit, Dialog und Integration erweitern.

CEM-Präsident Mansour: Bei uns sind auch Salafisten.
CEM-Präsident Mansour: Bei uns sind auch Salafisten.

Klingt gut, oder?

Besser könnte es nicht klingen. Offenbar haben sich da Vorzeige-Muslime zusammengefunden, um alle Integrationsprobleme in Friede-Freude-Eierkuchen zu verwandeln.
Doch wirklich sinnerfassendes Lesen zaubert Fragezeichen hinter die schönen Phrasen. Was bedeutet Offenheit gegenüber Teilen der Gesellschaft, die gemeinsame Werte mit dem Rat teilen? Logischerweise, dass der CEM nicht offen ist für jene Teile der Gesellschaft, die seine Werte nicht teilen. Stehen diese Werte für positives Zusammenleben, Dialog und Integration, ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens anzunehmen und keine Ablehnung zu erwarten. Was aber, wenn CEM für Werte steht, die aus gutem Grund nicht plakativ auf die  Homepage gestellt werden?

Warnung aus Israel

Für die Existenz solcher weniger konsensfähigen Werte gibt es allerdings massive Hinweise. So hat das israelische Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und Antisemitismusbekämpfung erst im Februar eine Analyse veröffentlicht, in der CEM die „Verbreitung der Ideologie der Muslimbruderschaft” in ganz Europa vorgehalten wird. Die Bewegung nutze die Religions- und Vereinigungsfreiheit in Europa, um ihre Aktivitäten innerhalb demokratischer Systeme zu entfalten. Der Rat strebe danach, „ein bevorzugter Ansprechpartner für europäische Regierungen in Fragen des Islam zu werden – in der Erwartung, dadurch ihre Legitimität zu stärken und ihren Einfluss auszubauen.” Der zuständige israelische Minister Amichai Chikli, warnte, dass „diejenigen, die heute die Augen schließen, morgen bezahlen werden – mit der Sicherheit ihrer Bürger und mit jüdischen Leben”.

Muslimbruderstruktur

Da der Minister dem rechten Likud-Flügel angehört und zudem offen für europäische Rechtspopulisten wie Marine Le Pen wirbt, könnte CEM seine Warnung leicht in der für Islam-Kritik jeder Art beliebten Islamophobie-Schublade neutralisieren. Doch nicht nur Shikli warnt Europa. Vor einem Jahr haben das französische Außen- und Innenministerium im Auftrag von Präsident Emmanuel Macron eine Studie über die Infiltrationsstrategie der Muslimbruderschaft (MB) in Europa erstellt. Kernaussage: Der in 28 Ländern tätige CEM ist ein „Eckpfeiler der europäischen Struktur” der MB. Die Studie beleuchtet den Aufbau dieser Struktur, der auch erklärt, warum sie für Sicherheitsbehörden schwer fassbar ist: Die Muslimbruderschaft operiert durch konzentrische Kreise, mit einem zentralen „inneren Kreis”, der aus vereidigten Mitgliedern bestehe. Dieser würde nur einige hundert Mitglieder umfassen. Die breitere „Bruderschaftsbewegung” umfasse all jene, die entweder mit diesem „inneren Kreis” in Kontakt stünden oder von diesem inspiriert seien, nach diesen Zielen zu streben: Re-Islamisierung, Separatismus bzw. Subversion. Den CEM betraćhtet die Studie als „die bedeutendste Organisation, die von der Bruderschaft in Europa gegründet wurde”. Ihre Verbindung zur OIFM (Internationale Organisation der Muslimbruderschaft), die, so die Analyse,  „systematisch von ihren Führungskräften geleugnet und verborgen werde, ist durch eine Reihe konsistenter Beweise dokumentiert”.

Kreidefresserschule

CEM biete einen Lehrplan für Mitglieder der inneren und äußeren Kreise der Bruderschaft in Europa an. Dieser Lehrplan ziele darauf ab, der Bruderschaft die 20 Prinzipien des MB-Gründers Hassan Al Banna  zu vermitteln. Zukünftige Führer der Bewegung sollten „insbesondere im Vermeiden extremistischer oder radikaler Rhetorik geschult werden”. Anders gesagt: Muslimbrüder lernen Kreidefressen. Im Gegensatz zu veröffentlichten Dokumenten enthielten die Lehrmaterialien antisemitische Anspielungen und Aufrufe, öffentliche Bildung abzulehnen.

Prinzip Gottesstaat

Allein Al Bannas Grunprinzipien haben es in sich: Prinzip Nr. 1 postuliert den Islam als allumfassendes System, das alle Lebensbereiche umfasst, und daher mit einer säkularen Ordnung absolut unvereinbvar ist. Prinzip Nr.  8 lehnt Neuerungen, die den Grundprinzipien des Islam widersprechen, kategorisch ab, was alle bedenken sollten, die von einem „europäischen Islam” träumen. Al Bannas Prinzip Nr. 17 schreibt die Umsetzung der Scharia im Staat und Nr. 18 den Dschihad als Pflicht zur Verteidigung des Islams vor.

Kaderschmiede

Nicht nur die französische Studie, auch deutsche Verfassungschützer  beleuchten das CEM-Netzwerk kritisch. Der Verfassungschutzbericht 2024 des Landes Baden-Württemberg sieht die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) als Gründungsmitglied der CEM-Vorgängerorganisation Föderation islamischer Organisationen in Europa (FIOE) fest in die MB-Struktur eingebunden, was diese aber bestreitet. Der ehemalige DMG-Präsident Ibrahim el Zayat war demnach Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des „Forum of European Muslim Youth and Student Organizations“ (Femyso), welches die französische Studie als „Nachwuchspool der europäischen Muslimbruderschaft” betrachtet.

Ibrahim El-Zayat: Muslimischer Multifunktionär mit Erbakan-Verwandtschaft und Katar Connection.
Ibrahim El-Zayat: Muslimischer Multifunktionär mit Erbakan-Verwandtschaft und Katar Connection.

EU-subventioniert

„Femyso” ist insofern spannend, als diese Organisation – nicht zuletzt mit Linker Unterstützung im EU-Parlament – die Infiltration von EU-Institutionen bereits hochoffiziell geschafft hat: Die auf Islamophobie-Bekämpfung und Hijab-Propaganda konzentrierte Jugendorganisation ist im EU-Transparenzregister unter der Nummer 292913016962-90 als Lobbygruppe eingetragen. Obwohl sie  der Verfassungsschutz von Baden-Württemberg als „Dachorganisation für die Jugendarbeit der Muslimbruderschaft” ausweist, kassiert(e) Femyso auch noch EU-Geld. Die CDU-Europaabgeordnete Sabine Verheyen wollte das von der EU-Kommission im vergangenen Jahr genau wissen. Die Antwort: In den Jahren 2014, 2015 und 2017 bezog Femyso 119.881 Euro aus dem Programm Erasmus+ für „Dialog und Zusammenarbeit — Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft”. Allerdings:  Laut Femyso-Homepage wird die Organisation weiter aus dem Erasmus+-Programm kofinanziert. Das muss nicht bedeuten, dass tatsächlich Geld fließt. Islamischen Organisationen, die ohnhin über ergiebigere Finanzquellen verfügen, sind nicht unbedingt auf die paar Euro von der EU angewiesen. Viel wertvoller ist für sie das Logo, mit dem eine Unterstützung durch die EU dokumentiert und damit eine höheres Legitimitätslevel erreicht bzw. vorgegaukelt wird.

Laut Femyso-Webseite gibt es weiter EU-Geld.
Laut Femyso-Webseite gibt es weiter EU-Geld.

Was weiß die MJÖ?

Interessant ist auch der Hinweis der Franzosen, dass die meisten Mitglieder von Organisationen wie Femyso „vermutlich nicht von den personellen Verflechtungen mit der MB wissen”. Die Muslimische Jugend in Österreich (MJÖ) weiß allerdings, dass sie nicht mehr Femyso-Mitglied ist, aber von 2003 bis 2005 außerordentliches Mitglied war. Die MJÖ wehrt sich mit Klagen gegen jegliche Unterstellung einer Nähe zur Muslimbruderschaft. Ob sie die Hand für jedes ihrer Mitglieder ins Feuer legen kann, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Denn Outing kommt bei Muslimbrüdern und -schwester eher selten vor. Die baden-württembergischen Verfassungsschützer wollen allerdings im Fall des ehemaligen DMG-Präsidenten und Femyso-Mitbegründer Ibrahim el Zayat wissen, dass dieser 2007 vom einstigen „Obersten Führer“ der ägyptischen MB, Mohammed Mahdi Akef als „Chef der Muslimbrüder in Deutschland“ bezeichnet worden war. Medienberichte darüber konterte El-Zayat ebenso mit Gegendarstellungen wie Berichte, wonach er auf einer MB-Homepage als Mitglied gelistet war. Laut der französischen MB-Studie leitet der Deutsch-Ägypter den für Strategieplanung zuständigen Schura-Rat des CEM.

Milli-Görüş-Verbindung

El-Zayat ist auch in Österreich kein Unbekannter: Laut Dokustelle Politischer Islam verkörpere er die Entwicklung enger Beziehungen des deutschen Muslimbruderschafts-Milieus zu türkischen islamistischen Akteuren und insbesondere zu Milli Görüş. Er ist mit der Nichte von  Milli Görüş-Gründer Necmettin Erbakan, Sabiha, verheiratet  und war im Vorstand der „Europäischen Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft“ (EMUG), der Immobiliensparte der Islamischen Gemeinschaft  Milli Görüş (IGMG).

Österreich-Connection

Die EMUG baut und verwaltet Milli Görüş-Moscheen in Europa. Über die sogenannte Infak-Spendenkampagne sammelt sie jedes Jahr weltweit Spenden für solche Projekte, darunter immer wieder auch für welche in Österreich. So wurde 2017 um Geld für die neue Zentrale der Austria Linz Islamische Föderation (Alif) geworben. 2020 war der Neubau der Bad Vöslauer Moschee Teil der Infak-Kampagne, 2021 eine neue Moschee im oberösterreichischen Vorchdorf, im Jahr darauf die Renovierung der Hicret-Moschee in Wien-Ottakring. 2024 sammelte die EMUG gleich für zwei Projekte in Österreich weltweit Spenden: Für das Wiener Regionalzentrum der Islamischen Föderation (AIF) und für den Ausbau der Milli Görüş-Moschee im niederösterreichischen Pottendorf. Eine weitere vor dem Ausbau stehende nö. Moschee, jene in Sollenau,  kam 2025 in den Genuss der Infak-Kampagne.
Die realisierten Projekte wirken jeweils nicht so, als müsse jeder Euro zweimal umgedreht werden.  Hinterhofmoscheen verwandeln sich in  islamische Zentren mit Einrichtung vom Feinsten. Bei der Planung berücksichtigt wird bereits ein deutliches Wachstum der muslimischen Community. Woher das Geld genau kommt, kommuniziert die IGMG nicht. Angesichts der von Europa über Australien bis in die USA und Kanada aufgezogenen Kampagnen wären Angaben auch schwer überprüfbar. Wenn etwa Alif-Funktionäre im oö. Freistadt – gefragt nach
Finanziers für ihr umstrittenes  Großmoscheeprojekt – auf „unsere europäische Freunde” verweisen, könnte damit eine künfige Infak-Kampagne gemeint sein.

Vom Feinsten: Viel Milli-Görüs-Geld für Moscheen wie in Sollenau.
Vom Feinsten: Viel Milli-Görüs-Geld für Moscheen wie in Sollenau.

Katar-Connection

Der quasi mit Milli Görüş verheiratete Ibrahim El-Zayat tritt inzwischen nicht mehr als EMUG-Generalbevollmächtigter in Erscheinung, wird aber vom Forschungszentrum für Islamische Gesetzgebung und Ethik (CILE) als Mitarbeiter geführt, was ebenfalls muslimbrüderliche Mutmaßungen provoziert. Denn CILE hat seinen Sitz an der Fakultät für Islamische Studien im Golfemirat Katar, das die Hochburg der Muslimbruderschaft ist. Dort wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 2022 auch der MB-Chefideologe, Hamas-Inspirator und im ganzen arabischen Raum populäre Fernsehprediger Yusuf el-Qaradawi. Der hatte unter anderem gelehrt, dass der Holocaust die gerechte Strafe Gottes für die Juden gewesen sei.

Salafisten & Co.

Der europäische Muslime-Rat will mit all dem nichts zu tun haben. In einer Reaktion auf die französische Studie beteuerte er, „keine organisatorischen oder administrativen Verbindungen zu externen Bewegungen wie der Muslimbruderschaft in arabischen Ländern” zu haben. Auch dieser Satz ist freilich genau zu lesen. Personelle Verbindungen schließt er nämlich nicht aus. Solche hatte CEM-Boss Mansour 2022 in einem  Interview mit in Großbritannien erscheinenden Middle East Monitor (MEMO) sogar offen zugegeben: „Die meisten der Gründer der FIOE (Vorgängerorganisation des CEM) waren Mitglieder der Muslimbruderschaft in ihren Herkunftsländern. Sie waren Absolventen der Bruderschaftsschule in der arabischen Welt und setzten diesen intellektuellen Weg bis zur Gründung der FIOE fort.” Und er räumte, Stand 2022, ein, dass dem CEM Extremisten angehören: „Wir haben Mitglieder vieler Nationalitäten; einige sind salafistisch in ihrer Sichtweise und Ideologie, während andere den Tablighi- und Tahrir-Bewegungen angehören, ebenso wie natürlich der Muslimbruderschaft.” Salafisten lehnen die freiheitlich-demokratische Grundordnung ab und streben nach einem Kalifat. Die Tablighis sind ebenso streng islamistisch ausgerichtet wie die von Gottesstaat träumenden Tahrir-Gruppen. CEM-Chef Mansour verweist auf eine große Klammer: „Was uns eint, ist unsere Präsenz in Europa.”

Offiziell anerkannte Hijab-Lobbyisten: Femyso-Aktivisten im Europaparlament.
Offiziell anerkannte Hijab-Lobbyisten: Femyso-Aktivisten im Europaparlament.

Permanente Gefahr

Ob sich Europas Politik dieser Präsenz der auf taktische Freundlichkeit trainierten Feinde der säkularen Demokratie bewusst ist? Verfassungsschutzberichte sprechen jedenfalls eine klare Sprache. Auch der aktuelle österreichische: Personen und Vereine aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft verfolgen demnach in Österreich das Ziel, „Einfluss auf wesentliche politische und gesellschaftliche Institutionen zu nehmen, um so langfristig eine Transformation der Gesellschaft herbeizuführen. … Dieses Gefahrenpotenzial wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in den kommenden Jahren bestehen”.

LESETIPP zum Thema

Eine vertiefende Lektüre zu den Aktivitäten der Muslimbruderschaft bietet das soeben im Nomos-Verlag erschienene Buch „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der Civilization Jihad der Muslimbruderschaft“ von Nina Scholz, Heiko Heinisch und Gustav E. Gustenau. Das Expertentrio bietet eine fundierte Analyse der Ideologie, Netzwerke und unterschiedlichen, dem jeweiligen Aktionsraum angepassten Strategien der Islamistenorganisation. Daraus werden sicherheitspolitische Szenarien – insbesondere auch für Österreich – abgeleitet.

Die Printausgabe (ISBN: 978-3-7560-4077-3) ist für 60,70 Euro erhältlich.

Das eBook (ISBN 978-3-7489-7003-3) kann kostenlos hier heruntergeladen werden: https://www.inlibra.com/de/document/view/detail/uuid/c76c8b46-1480-3d82-a177-88030381059f