Frieden 2026? Drei Ukraine-Szenarien – eines heißt weiter Krieg
Bomben fallen, Washington drängt auf einen Deal: Territorium gegen westlichen Schutzschirm. Doch wie realistisch ist das? Analysten skizzieren drei Szenarien für 2026 – sie entscheiden über Krieg, Nachgeben oder ein erzwungenes Ende. Eines davon ist besonders brutal.
Drei Akteure, drei Interessen: Selenskyj, Trump, Putin. 2026 entscheidet sich, ob Abnutzung, Verhandlungen oder Eskalation dominieren.APA/AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS
Die USA wollen den Ukraine-Krieg mit einem simplen Deal beenden: Territorium gegen westlichen Schutzschirm. In Abu Dhabi laufen trilaterale Gespräche zwischen Washington, Moskau und Kiew; US-Beamte sprachen nach der Runde Ende Jänner von einem „optimistischen, positiven und konstruktiven“ Verlauf. Auch Wolodymyr Selenskyj nannte die Gespräche konstruktiv. Weitere Treffen waren für den 1. Februar geplant, wurden aber inzwischen verschoben – und während Diplomaten reden, geht der Krieg weiter. Die entscheidende Frage lautet: Frieden 2026 – oder ein weiteres Jahr Abnutzung?
The Wall Street Journal skizziert drei plausible Szenarien für 2026.
Szenario 1: Ukraine-Krieg 2026 als Abnutzungskrieg
Weiterkämpfen, weiterverhandeln: Das Wall Street Journal hält dieses Szenario für das wahrscheinlichste. 2026 würde demnach ein weiteres Jahr zermürbender Kämpfe, während Verhandlungen zwar politisch wichtig bleiben, militärisch aber kaum durchschlagen.
Washington setzt darauf, dass Moskau einem Deal zustimmt, wenn Kiew Teile des Donbass abtritt, die Russland bislang nicht erobern konnte. Schlüssel sind die stark befestigten ukrainischen Städte, die einen russischen Durchbruch ins landwirtschaftliche Kernland blockieren. Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Andrij Sahorodnjuk warnt davor: „Das wäre Territorium umsonst – Land, dessen Eroberung Russland sonst wohl eine halbe Million Soldaten gekostet hätte.“ Zudem könne der Donbass später als Ausgangsbasis für eine neue Invasion dienen.
Warum der Krieg weitergeht, erklärt Alexander Gabujew, Direktor des Carnegie Russia Eurasia Center: „Beide Seiten verfügen weiterhin über Ressourcen – Menschen, Waffen und Geld –, um weiterzukämpfen.“
Russische Angriffe, Luftkrieg, Drohnen: die militärischen Fakten
Russland intensiviert den Winter-Luftkrieg: Reuters berichtete von 375 Drohnen und 21 Raketen in einer Nacht, darunter Hyperschallraketen vom Typ Zirkon. Der Air War Monitor des Thinktanks Kyiv Dialogue zählte im Dezember 1.052 nicht abgefangene Flugkörper.
Zugleich wird die Luftverteidigung zum Engpass. Die Financial Times warnt vor Mangel an PAC-3-Abfangraketen des Patriot-Systems bei der Ukraine. Russlands Kalkül: die Abwehr überlasten, nicht zwingend die Front durchbrechen. Der Krieg ist zudem ein Drohnenkrieg – laut Selenskyj erfolgen mehr als 80 Prozent der Treffer per Drohne.
Die westliche Militärhilfe reicht nicht, um eine Entscheidung herbeizuführen. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft meldet 2025 etwa 4,2 Milliarden Euro neue europäische Militärzusagen – genug zum Halten, nicht zum Entscheiden.
Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?
WSJ: am wahrscheinlichsten. GLOBSEC: 50–60 Prozent. CSIS und ISW sprechen von einer prolonged stalemate (langes Patt).
Wie wahrscheinlich ist Szenario eins?
Das Wall Street Journal hält es für den wahrscheinlichsten Verlauf. Auch das Sicherheitsforum GLOBSEC (ein zentraleuropäischer Thinktank) kommt in Expertenschätzungen auf 50 bis 60 Prozent. Militäranalysten des Center for Strategic and International Studies (CSIS, ein US-Thinktank) und des Institute for the Study of War (ISW, ein US-Institut) rechnen ebenfalls eher mit einem langen Patt – also einer zähen Fortsetzung des Abnutzungskriegs ohne schnellen Durchbruch.
Szenario 2: Ukraine gibt nach – Erschöpfung entscheidet den Krieg
Abnutzung heißt nicht Stillstand. Das Wall Street Journal warnt: Das größte Risiko für Kiew ist Erschöpfung, etwa wenn Ressourcen, Personal und Energie fehlen. In solchen Kriegen könne man, wie Gabujew meint, „schleichend – und dann plötzlich – verlieren“.
Ein harter Deal würde folgen: territoriale Zugeständnisse, Begrenzung der militärischen Fähigkeiten, teils russischer Einfluss auf Innenpolitik – bei schwachen US-Sicherheitsgarantien.
Demografie, Wirtschaft, Strom: die stille Front der Ukraine
Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) leben Ende 2025 insgesamt 5,9 Millionen Ukrainer als Flüchtlinge im Ausland, 3,7 Millionen sind Binnenvertriebene. Die Weltbank nennt Arbeitskräftemangel als zentralen Engpass und senkt die Wachstumsprognosen auf rund 2 Prozent. Die ukrainische Zentralbank rechnet 2026 nur mit 1,8 Prozent, gebremst durch Energieausfälle.
Der Krieg entscheidet sich damit nicht nur an der Front, sondern bei Strom, Wärme und industrieller Produktion.
Wie wahrscheinlich ist Szenario zwei?
Das Wall Street Journal hält es für ein ernstes Risiko, aber nicht für das wahrscheinlichste Szenario. GLOBSEC stuft die Wahrscheinlichkeit mit 10 bis 20 Prozent ein. Das EU-Institut für Sicherheitsstudien (EUISS) warnt davor, es sei besonders schadenträchtig.
Szenario 3: Russland wird kriegsmüde – Wirtschaft und Sanktionen wirken
Für die Ukraine und viele Europäer ist es das hoffnungsvollste, aber politisch schwierigste Szenario: Geld, Industrie und Eliten in Russland tragen den Preis nicht länger. Das Wall Street Journal sieht tatsächlich eine russische Wirtschaft, verzerrt durch Rüstungsabhängigkeit und China-Nähe; doch noch gebe es keine kurzfristigen Anzeichen, dass Moskau einknickt. Ex-Verteidigungsminister Andrij Sahorodnjuk kommentiert: „Damit Russland ernsthaft verhandelt, muss die Alternative zum Weiterkämpfen spürbar schlechter werden.“
Russische Wirtschaft 2026: Energieeinnahmen, Budget, Wachstum
Die Financial Times meldet 20 Prozent weniger Energieeinnahmen 2025. Das polnische Zentrum für Oststudien (OSW) zeigt im Budget 2026 sinkende Verteidigungsausgaben, steigende innere Sicherheit – Stabilität wird teuer. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet 2026 nur rund 1 Prozent Wachstum. Das Stockholmer Institut für Internationale Friedensforschung SIPRI beziffert die Militärlast auf etwa 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das britische „Königliche Institut der Vereinigten Streitkräfte für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien“ RUSI warnt vor Produktionsengpässen bei Luftabwehr-Abfangraketen.
Wie wahrscheinlich ist Szenario drei?
Das Wall Street Journal hält das für möglich, sieht allerdings kurzfristig keine Signale in diese Richtung. GLOBSEC schätzt die Wahrscheinlichkeit auf 10 bis 15 Prozent. Ökonomen sprechen von einem wachsenden Druck, doch die Wirkung verzögert sich.
Somit läuft die US-Diplomatie, Abu Dhabi ist der Knotenpunkt. Doch Militär-, Demografie- und Wirtschaftsdaten sprechen eine andere Sprache: 2026 droht eher ein weiteres Jahr Abnutzung als ein Waffenstillstand, geschweige denn echter Frieden.
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