Geheimdienste schlagen Alarm: 20.000 aus IS-Lager frei – neue Terrorwelle?
Im berüchtigten Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens waren IS-Anhänger und ihre Angehörigen untergebracht. Nun ist die Kontrolle zusammengebrochen. Von den zuletzt rund 24.000 Insassen sind nur noch etwa 2.000 übrig. Die Massenflucht ereignete sich, als die syrische Regierung das Gebiet übernahm und die kurdischen Bewacher abzogen.
Syriens Übergangstruppen nahe Al-Hasakah: Nach der Machtübernahme im Nordosten übernahmen Regierungskräfte auch das Al-Hol-Lager – kurz darauf brach dort die Kontrolle zusammen.GETTYIMAGES/Abdulmonam Eassa
Nun bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen: Das Al-Hol-Lager im Nordosten Syriens ist geräumt – von einst rund 24.000 Bewohnern sollen nur noch etwa 2.000 im Camp sein. US-Geheimdienste gehen laut dem Wall Street Journal davon aus, dass 15.000 bis 20.000 Menschen aus dem IS-Umfeld mittlerweile nicht mehr unter Kontrolle sind. Der letzte Konvoi habe das Lager am Wochenende verlassen, teilte das syrische Außenministerium mit.
„Ein Desaster mit Ansage“
In der ARD-Tagesschau sprach Terrorismus-Experte Thomas Renard vom International Center for Counter-Terrorism von einem „Desaster mit Ansage“. Man habe gewarnt, Al-Hol sei eine „tickende Zeitbombe“. Jetzt gebe es eine „unkontrollierte Flucht oder Freilassung“ – und der IS werde das propagandistisch als Sieg feiern.
Renard schlägt Alarm: Der IS restrukturiere sich in Syrien. Die Organisation sei zwar nur noch ein Schatten ihrer früheren Macht, verfüge aber über rund 3.000 Kämpfer plus Sympathisanten und agiere deutlich aggressiver bei Anschlägen.
IS ruft zu Anschlägen auf
Zusätzlich brisant: Der IS rief zuletzt offen zum Kampf gegen Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa auf und forderte Anschläge. Parallel setzen die USA ihren Abzug fort; der größte US-Stützpunkt im Nordosten wurde geräumt. Die rund 1.000 verbliebenen US-Soldaten könnten bereits bis März das Land verlassen.
Iraks Außenminister Fuad Hussein zeigte sich alarmiert: Der IS sei in Syrien „gerade sehr aktiv“, viele Menschen hingen weiter der Ideologie an – „das ist sehr gefährlich“.
Lager wie eine Kleinstadt
Al-Hol war kein gewöhnliches Camp: Nach dem militärischen Ende des IS-Kalifats 2019 lebten dort zeitweise mehr als 70.000 Menschen – eine Anlage so groß wie eine Kleinstadt. Selbst Ende 2025 waren laut dem Generalinspekteur des Pentagon noch mehr als 23.000 Insassen registriert. Nun ist das Gelände binnen weniger Wochen nahezu geleert.
Mehr als 20.000 Menschen verließen das Lager innerhalb weniger Tage, berichten Pentagon-Beamte, begleitet von Unruhen und zahlreichen Ausbruchsversuchen. Zu Beginn der Woche seien nur noch 300 bis 400 Familien vor Ort gewesen. US-Stellen führen den Kollaps auf Missmanagement und eine mangelhafte Sicherung des weitläufigen Lagerperimeters durch die Übergangsregierung zurück.
Damaskus weist die Verantwortung hingegen den Kurden zu: Die SDF hätten das Lager während der Offensive verlassen, es sei stundenlang unbewacht gewesen. Die Übergangsregierung kündigte an, die letzten Familien aus den Grenzregionen zum Irak in ein anderes Lager zu verlegen, wo der Staat über stärkere Infrastruktur verfüge – zugleich wolle man mögliche Extremisten überwachen und „Reintegration“ ermöglichen.
Verlegungen und Machtvakuum
Tausende Frauen und Kinder wurden nach syrischen Angaben in ein anderes Lager nahe Aleppo umgesiedelt, andere zu Familienangehörigen gebracht. Die UN-Flüchtlingshilfe half bei der Rückführung von rund 200 Irakern. Gleichzeitig verlegte das US-Militär rund 5.700 als gefährlich eingestufte IS-Anhänger aus syrischen Haftzentren in den Irak.
Was wird aus den Ausländern?
Unklar bleibt, was mit ausländischen IS-Anhängern geschieht. Australien verweigert die Rücknahme eigener Staatsbürger. Auch Deutsche waren inhaftiert; einige sollen in den Irak überführt worden sein.
Eine UN-Studie ergab zuvor, dass bis zu ein Viertel der Lagerinsassen keine nachweisbare IS-Verbindung hatte. Zugleich galt Al-Hol vielen Beobachtern als Brutstätte weiterer Radikalisierung – insbesondere für die dort aufwachsenen Kinder, die jahrelang isoliert und ideologisch geprägt wurden.
Ob die Auflösung des Lagers dem IS neuen Auftrieb verschafft, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.
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