Shadi Pouyazadeh hat Familienangehörige im Iran. Bis vor Kurzem war sie mit ihnen noch regelmäßig in Kontakt. Dann kam der abrupte Abbruch – ohne Vorwarnung. „Seit fünf Tagen ist die gesamte iranische Bevölkerung von der Außenwelt abgeschottet. Es herrscht ein kompletter digitaler Blackout“, berichtet die ehemalige TV-Moderatorin und Gründerin des Unternehmerinnen-Netzwerks „Mindful Women’s circle“ auf exxpressTV.

Kein Internet, keine internationalen Telefonate, keine Nachrichten. Für Millionen Menschen ist das existenziell, auch für jene Iraner, die längst im Ausland leben. „Zehn Millionen Iraner weltweit – so wie ich – haben derzeit keinen Kontakt zu ihren Familien.“

Starlink? „Verboten – und lebensgefährlich“

Zwar wurde zuletzt viel über mögliche technische Auswege gesprochen, etwa über Starlink von Elon Musk. Doch Pouyazadeh bremst jede Illusion. „Starlink ist nicht für jeden zugänglich. Man braucht spezielle Receiver, der Besitz ist verboten und die Nutzung extrem gefährlich.“

Was im Westen an Bildern ankommt, sei daher nur ein winziger Ausschnitt der Realität. „Nur wenige Menschen haben Zugang – von ihnen stammen auch die Videos, die wir im Westen sehen.“

Tag 17: „Wir wissen nicht, ob sie noch am Leben sind“

Bis kurz vor dem Blackout habe Pouyazadeh noch mit Cousins und Cousinen im Iran telefoniert. Was sie berichteten, war eindeutig: Die Menschen gehen auf die Straße – entschlossen, aber wissend, was ihnen droht. „Sie sind auf die Straßen gegangen – sehr motiviert. Weil sie das Ende des Regimes sehen.“

Auslöser war die wirtschaftliche Lage: Inflation, Perspektivlosigkeit, Wassermangel. Doch dabei blieb es nicht. Vor allem junge Menschen hätten genug. „Vor allem die junge Generation, Gen Z, akzeptiert diese Situation nicht mehr.“ Das Drama sei: „Heute ist Tag 17 der Proteste. Aber wir wissen aktuell nicht, ob sie noch am Leben sind.“

Brutale Repression: „Gezielte Schüsse in Kopf und Augen“

Das Regime reagiert mit massiver Gewalt. Pouyazadeh schildert eine Strategie der gezielten Abschreckung. „Sicherheitskräfte positionieren sich auf Gebäuden und erschießen Menschen gezielt – in den Kopf, in die Augen.“ Gleichzeitig wächst der Druck auf die Machthaber. Die Zahlen sprechen gegen sie. „Millionen Menschen sind auf den Straßen – das Militär ist zahlenmäßig in der Unterzahl.“

Ali Khamenei in Teheran: Der Revolutionsführer zeigt sich trotz Protesten unnachgiebig und kündigt härteres Durchgreifen an.APA/AFP/KHAMENEI.IR

„Keine Proteste mehr – das ist eine Revolution“

Pouyazadeh erinnert an frühere Aufstände – und daran, wie brutal sie beendet wurden. „2009 wurden laut Reuters an einem einzigen Tag 1.500 Menschen erschossen. Die Iraner sprechen von bis zu 6.000.“ Damals verstummte das Land. Heute nicht. Diesmal seien das keine vorübergehende Unruhen, sagt sie: „Das hier sind keine Proteste mehr – das ist eine Revolution.“

Shadi Pouyazadeh im Gespräch mit Stefan Beig auf exxpressTV über Blackout, Gewalt und die Hoffnung vieler Iraner auf Hilfe von außen.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV

Der entscheidende Unterschied: „Die Menschen haben heute einen Leader“

Was diese Bewegung von allen vorherigen unterscheidet, sieht Pouyazadeh in einer zentralen Figur. „Der entscheidende Unterschied ist: Die Menschen haben heute einen Leader.“ Gemeint ist Kronprinz Reza Pahlavi, Sohn des letzten Shahs. „Er ist das Gesicht der Opposition. Er steht für einen säkularen Staat, den die Iraner wünschen.“

Ein Demonstrant zeigt das Porträt von Reza Pahlavi bei einer Anti-Regime-Demo vor dem Brandenburger Tor in Berlin.APA/AFP/John MACDOUGALL

Auch der oft zitierte Ruf „Javid Shah“ werde missverstanden. „‚Javid Shah‘ – ‚Lang lebe der König‘ – ist kein symbolischer oder nostalgischer Ruf. Die Iraner kennen die Monarchie.“

Schah Mohammad Reza Pahlavi und Kaiserin Farah Diba 1971 in Persepolis – beim Staatsbankett zum 2500-Jahr-Jubiläum des Persischen Reichs.APA/AFP/Jean-Pierre PREVEL

Identität & Flagge: „Diese Identität wurde gestohlen“

Die desaströs Wirtschaftslage und davon galoppierende Inflation habe zunächst die Proteste ausgelöst. Doch mittlerweile geht es um mehr, sagt Pouyazadeh: „Du lebst in einem Land ohne Meinungsfreiheit. Frauen haben keine Rechte. Kinder werden inhaftiert.“

Reza Pahlavi bei einer Pressekonferenz in Paris: Der Sohn des letzten Schahs ruft zu weiteren Massenprotesten gegen das Regime auf.APA/AFP/JOEL SAGET

Es brauche die klare Trennung von Religion und Regime. „Es geht nicht gegen den Islam. Es geht gegen das Mullah-Regime.“ Ein zentrales Symbol dieses Konflikts sei die Nationalflagge. „Auf der echten iranischen Flagge befinden sich Löwe, Sonne und Schwert.“ Die Mullahs ersetzten diese Zeichen durch ein rotes Hoheitszeichen für „Allah“ (Gott). „Uns wurde unsere Identität gestohlen.“

Als Bilder aus London gezeigt werden, auf denen ein Demonstrant die Flagge auf der iranischen Botschaft austauscht, reagiert Pouyazadeh sichtbar bewegt. „Was für eine Courage – es ist unglaublich.“

Europa vs. USA: „Trump ist die letzte große Hoffnung“

Mit Europa geht Pouyazadeh hart ins Gericht. „Europa redet viel – aber tut nichts.“ Und:  „Die Welt schaut zu und zählt Tote.“ Die iranische Bevölkerung habe sich innerlich längst darauf eingestellt, auf sich allein gestellt zu sein.

Shadi Pouyazadeh spricht von einer Revolution im Iran – und wirft Europa Untätigkeit vor.EXXPRESSTV/EXXPRESSTV

Sie hoffe aber auf die USA. „Die Säulen der Mullahs müssen auch von außen angegriffen werden.“ Dann folgt der schockierende Satz: „Welche Bevölkerung sagt sonst: Bitte greift uns an?“ Ihre Hoffnung richtet sich klar auf Washington. „Trump ist die letzte große Hoffnung.“

Donald Trump: Für viele Iraner die letzte Hoffnung auf Unterstützung von außen gegen das Regime.

„Es geht um Menschenwürde“

Am Ende hebt Pouyazadeh den Blick über Tagespolitik hinaus. „Hier geht es nicht um Nationalität. Es geht um Menschenwürde.“ Ihr Appell ist unmissverständlich: „Jeder Mensch mit Würde sollte sich für dieses Thema interessieren.“

Demonstranten verbrennen ein Bild von Ayatollah Ali Khamenei vor der iranischen Botschaft in London.APA/AFP/Henry NICHOLLS

Shadi Pouyazadeh zeichnet das Bild eines Landes, das zugleich abgeschottet und hochmobilisiert ist – und eines Westens, der noch immer zögert, ob er zuschauen oder handeln soll. Für sie ist klar: „Diesmal ist es anders.“