„Guten Tag, ich sitze hier mit unseren Gästinnen“. Mit diesen Worten eröffnete Intendant Milo Rau am Donnerstagvormittag die Programmpräsentation der Wiener Festwochen. Die Pressekonferenz fand am Wiener Badeschiff am Donaukanal statt und wurde per Livestream übertragen. Sie stand ganz im Zeichen des nun vier Jahre andauernden Kriegs gegen die Ukraine. Hinter Rau und einigen Regisseurinnen zierte eine große Wiener-Festwochen-Fahne in den Farben der ukrainischen Flagge die Wand.

Die Programmpräsentation wurde am Donnerstagvormittag per Livestream übertragen.Livestream Wr. Festwochen

Nach einer kurzen Begrüßung Raus, der die Festwochen seit 2023 leitet und ihr den Beinamen „Freie Republik Wien“ gab, führte die ukrainischen Künstlerin Marichka Shtyrbulova ihren „spiritueller song“ (Milo Rau) auf. Begleitet wurde sie dabei von Roman Grygoriv, der auf einer „erbeuteten russischen Hurrikan-Rakete“ spielte, wie es auf der Webseite heißt, die zu einer Art Cello umgebaut wurde.

Wr. Festwochen wurden 1951 von rotem Kulturstadtrat initiert

Anschließend kam Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) noch auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen: „Nach vier Jahren stehen wir vor einem Europa, dass, weil es so verfasst ist, wie es ist, und weil Orbán und Fico sich nicht dafür bereiterklären, einfach nicht die Hilfe leisten kann, die wir leisten müssten. Es ist eine geschüttelte Krisenzeit überall“.

Die rote Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler sprach bei der Programmpräsentation am Wiener Badeschiff.APA/TOBIAS STEINMAURER

Dann schlug die rote Kulturstadträtin den Bogen zu dem Festival: „Auch dieses Festival entstand auf den Trümmern“. Die Wiener Festwochen wurden sechs Jahre nach dem 2. Weltkrieg, im Mai 1951, ins Leben gerufen. Initiiert wurde es von dem damaligen roten Kulturstadtrat und Lehrer Hans Mandl. Mandl habe „mitgeholfen, das Festival zu etablieren, Internationalität zu feiern“ und „in die Bezirke zu gehen“. Das sei sein pädagogischer Ansatz gewesen. „Diese Festwochen sollten überall in der Stadt zu spüren sein“, sagt Kaup-Hasler.

Intendant Milo Rau ruft die „Republic of Gods“ aus

Das von 15. Mai bis zum 21. Juni 2026 stattfindende Wiener Kulturfestival steht ganz unter dem Motto von Religion und Glaube: „It’s time for New Gods“ („Es ist Zeit für neue Götter“). Gleichzeitig feiern die Wiener Festwochen dieses Jahr das 75. Jubiläum. Aus diesem Anlass rufen „Milo Rau und sein Team“ die „Republic of Gods“ aus, wie auf der Website des Festivals zu lesen ist.

Intendant Rau drückt es auf der Pressekonferenz so aus: „Es geht dieses Jahr um die großen Mythen, um die Göttinnen und Götter der Festwochen und es geht uns natürlich auch um dieses Jubiläum. Es geht uns um die Frage: Welche Rituale können uns in einer Welt des Krieges, der Massaker, der Auseinandersetzung, der Antagonisten eigentlich noch vereinen?“.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und Wiener Festwochen Intendant Milo Rau. Dahinter das Banner des Festivals in den Farben der Ukraine-Fahne.APA/ROLAND SCHLAGER

Neues Stück von Blasphemie-Regisseurin Florentina Holzinger

Sieht man sich das Programm der Festwochen an, findet man viele Stücke mit religiösem Bezug. Skandal-Regisseurin Florentina Holzinger, die mit ihrer Oper „Sancta“ (2024) die Gefühle vieler gläubigen Katholiken verletzte, wird ihre neue Opernperformance „Pfingstspiel“ zeigen. Die Performance dauert laut Programmbeschreibung insgesamt 9 Stunden und findet im Wiener Eislaufverein statt. Mittendrin werden die Zuseher mit Bussen nach Schloss Prinzendorf transferiert, wo der zweite Teil stattfindet – „ein letztes Abendmahl, in An­lehnung an Hermann Nitsch“, heißt es auf der Website.

Auf der Titelseite der Homepage der Wiener Festwochen ist eine schwarze Frau mit Dornenkrone, wahrscheinlich in Anlehnung an Jesus Christus, abgebildet.Screenshot Wr. Festwochen

„Schauprozess“ zum Thema Religion geplant

Interessant dürfte auch das „Glaubenstribunal“ werden. Nach den beiden Debattenformaten „Wiener Prozesse“ und „Wiener Kongresse“, bei denen gesellschaftspolitische heiße Eisen debattiert wurden, ist in diesem Jahr „die Rolle von Religionen, Göttern, Göttinnen und Kultobjekten im globalen Kapitalismus“ Thema.

Bekannt wurden die als Schauprozesse inszenierten Debatten vor allem aufgrund zwei in den sozialen Netzwerken viral gegangenen Reden: Die Antwort des Politik- und Kommunikationsberaters Robert Willacker auf die Frage „Braucht man Parteien wie die AfD oder die FPÖ, braucht man Rechte?“ und die Rede des Welt-Herausgeber Ulf Poschardt. Letzterer wandte sich bei den „Wiener Kongressen“ direkt an Milo Rau, warf ihm einseitige Kritik an Israel vor und provozierte, in dem er seine Rede mit den Worten „Ich widme diese Rede der IDF“ begann.

Regisseurin Florentina Holzinger verletzte mit ihrer Performance „Sancta“ (2024) die Gefühle vieler gläubiger Christen.IMAGO/arguseye

Welche Redner auf dem „Glaubenstribunal“ Platz nehmen werden, geht aus der Website (noch) nicht hervor. Soviel wird jetzt schon preis gegeben: „Eine Jury aus Kulturwissenschaftler:in­nen, religiösen Würdenträger:innen und gläubigen Menschen befragt in drei Fällen selbsternannte Gotteskrieger:in­nen und Kunstgött:innen, Museumsku­rator:innen und Politiker:innen nach deren (profanisierenden) Praktiken. Dabei steht, wie bei den vorherigen Formaten, der Akt der öffentlichen freien Rede und des kollektiven Zuhö­rens im Zentrum – Theater, das realer nicht sein könnte!“.

Feministische FEMEN-Aktivistin wird in katholischer Kirche auftreten

Ein Skandal könnte auch folgende Veranstaltung werden, die in der katholischen Kirche St. Elisabeth stattfindet: „State of Faith“ ist angekündigt als eine performative Rede der ukrainischen Aktivistin Inna Shevchenko. Sie ist Teil der feministischen Gruppe FEMEN, die dafür bekannt wurde, oberkörperfrei gegen Sexismus, Religion oder das Patriarchat zu kämpfen.

Die Performance sei eine Forderung, „den Glauben neu zu er­finden“ und „das Heilige als Quelle des Widerstands zurückzuerobern“. Shevchenko meint in der Programmbeschreibung: „Wenn der Glaube überleben soll, muss er auf­hören, vor der Macht zu knien und sich mit denen verbünden, die sich weigern, überhaupt zu knien.“

Wiener Festwochen werden mit Millionen an Steuergeldern gefördert

Ohne staatlich Förderung kommen die Wiener Festwochen anscheinend nicht aus. Laut Informationsdatenbank des Wiener Gemeinderates zahlte die Stadt Wien über 27 Millionen Euro Steuergeld an das Festival für die Jahre 2024/25.