„Größter Durchbruch der Geschichte“: Rassemblement National feiert Wahlerfolge
Das Rassemblement National (RN) gewinnt zahlreiche Rathäuser und baut seine Machtbasis kräftig aus. Besonders spektakulär: der Sieg in Nizza sowie starke Ergebnisse in Menton, Liévin und Agde. Doch in Marseille, Toulon und Nîmes scheitert der große Coup. Frankreich erlebt einen Rechtsruck – aber keinen vollständigen Durchmarsch.
Marine Le Pen bleibt das Gesicht des RN – strategische Schlüsselfigur für 2027GETTYIMAGES/Sylvain Lefevre
Der Ton war gesetzt, kaum lagen die ersten Ergebnisse vor: RN-Chef Jordan Bardella sprach vom „größten Durchbruch in der Geschichte“ seiner Bewegung – und vom „Beginn eines Machtwechsels“ in Frankreich.
Tatsächlich kann sich das Ergebnis sehen lassen. Das Rassemblement National und sein Umfeld gewinnen zahlreiche Gemeinden hinzu, bauen ihre lokale Präsenz massiv aus und schaffen etwas, das ihnen lange gefehlt hat: ein flächendeckendes politisches Netz.
Für Bardella ist klar: Diese Wahl ist kein Endpunkt, sondern ein Sprungbrett Richtung Präsidentenwahl 2027.
Spektakuläre Erfolge: Nizza, Menton, Liévin
Besonders spektakulär ist der Erfolg in Nizza: Dort setzt sich Éric Ciotti, enger Verbündeter des RN, mit 48,54 Prozent durch. Auch wenn er formal nicht dem RN angehört, ist der politische Effekt eindeutig: Erstmals gelingt dem Lager ein Durchbruch in einer großen, symbolisch wichtigen Stadt.
In Menton gewinnt die RN-Kandidatin Alexandra Masson mit 49,09 Prozent – gegen eine vereinte Konkurrenz. Ein klares Signal dafür, dass selbst geschlossene bürgerliche Bündnisse das RN nicht mehr automatisch stoppen können.
Im nordfranzösischen Liévin, lange Hochburg der Linken, holt Dany Paiva mit 53,58 Prozent den Sieg. Ein politischer Dammbruch in einer Region, die traditionell nicht zum RN gehörte.
Auch in Agde (54,87 Prozent) und Carcassonne (40,40 Prozent) kann das RN zulegen. Gleichzeitig verteidigt es seine Bastionen souverän: In Perpignan gewinnt Louis Aliot bereits im ersten Wahlgang mit 50,61 Prozent, in Hénin-Beaumont erreicht Steeve Briois sogar 77,71 Prozent.
Das Gesamtbild: Das RN wächst nicht nur – es verankert sich dauerhaft.
Die andere Seite: Niederlagen in den Schlüsselstädten
Gerade in den symbolisch wichtigsten Städten gelang dem RN der Durchbruch zwar noch nicht überall, doch die Ergebnisse zeigen, wie nah die Bewegung mittlerweile auch in den großen urbanen Zentren an der Macht ist. In Marseille kam Franck Allisio auf starke 35,02 Prozent, während Amtsinhaber Benoît Payan mit 36,70 Prozent nur knapp davor lag – ein Ergebnis, das das RN erstmals in direkte Schlagdistanz zur Stadtspitze bringt.
In Nîmes erreichte Julien Sanchez 37,52 Prozent und etablierte sich ebenfalls als zentrale politische Kraft. Und in Toulon holte Laure Lavalette beeindruckende 47,65 Prozent – nur wenige Prozentpunkte trennten sie vom Sieg. Damit ist das RN längst nicht mehr nur in kleineren Städten stark, sondern rückt auch in den großen Metropolen immer näher an die Macht heran.
RN-Chef Jordan Bardella wertete insbesondere Marseille als Durchbruch im politischen Kräfteverhältnis: Dort habe sich das RN zur führenden Oppositionskraft entwickelt. Gleichzeitig machte er deutlich, dass das Ergebnis trotz fehlender Bündnisse zustande kam – ein Hinweis darauf, welches Potenzial noch vorhanden ist.
Frankreich spaltet sich politisch
Die Wahl offenbart eine strukturelle Verschiebung: In vielen kleineren und mittleren Städten legt das RN stark zu, gewinnt Rathäuser und Mandate. In den großen Metropolen dagegen bleibt es auf Distanz zur Macht.
Das Ergebnis ist eine politische Landkarte mit klaren Linien: das RN dominiert zunehmend die Fläche, die Großstädte bleiben mehrheitlich in anderen Händen. Diese Spaltung könnte für die kommenden Jahre entscheidend werden.
Le Pen als Symbol – Bardella als Motor
Marine Le Pen war bei dieser Wahl nicht Spitzenkandidatin, weil Kommunalwahlen in Frankreich von lokalen Listen und Bürgermeisterkandidaten entschieden werden. Das Rassemblement National schickte daher gezielt seine Kandidaten vor Ort ins Rennen, während Parteichef Jordan Bardella den nationalen Ton setzte und den Wahlkampf strategisch rahmte.
Le Pens Rolle ist eine andere: Sie ist nicht die kommunale Frontfrau, sondern das überragende Symbol des Lagers – und trotz Bardellas Aufstieg weiter die Figur, an der sich im RN alles ausrichtet. Hinzu kommt, dass über ihrer möglichen Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027 weiterhin das laufende Berufungsverfahren steht.
Starkes Fundament – aber kein Durchmarsch
Das RN erzielt einen historischen Ausbau seiner lokalen Machtbasis, gewinnt Städte, Mandate und politische Substanz. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Hürde bestehen: der Durchbruch in den großen urbanen Zentren.
Mit anderen Worten: Das RN erobert das Land – aber noch nicht die Städte, die liefert es sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen gegen die Konkurrenz und unterliegt knapp. Genau daraus entsteht jetzt Bardellas zentrale Erzählung: Der Machtwechsel hat begonnen – auch wenn er noch nicht vollendet ist.
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