Ob Europa, Nordamerika oder Asien: In Staaten rund um den Globus liegen die Geburtenraten im Keller – unter 2,1 Kindern pro Frau. 2,1 ist die Marke, ab der sich eine Bevölkerung aus eigener Kraft, ohne Migration, erhält: Sie wächst nicht, sie schrumpft nicht.

2 Prozent weniger Kinder geboren als 2024

Die neuesten Zahlen für Österreich sind alarmierend: Im Jahr 2025 ist die Geburtenrate auf ein historisches Tief gesunken, wie die Statistik Austria am Mittwoch veröffentlichte. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau lag im Vorjahr bei 1,29. Es wurden 2 Prozent weniger Kinder geboren als 2024. Seit sechs Jahren in Folge gibt es außerdem mehr Sterbefälle als Geburten.

Wie lässt sich die drohende Krise, die zu wenig Kinder für eine Gesellschaft bedeuten, abwenden? Ist eine Trendumkehr überhaupt noch möglich? Was kann die Politik tun? Und könnte die Kirche dazu beitragen, dass Menschen wieder mehr Lust auf Kinder bekommen?

Die Demografie-Veranstaltung mit dem Titel „Familie als Zukunftsprojekt. Bei der Debattenrunde dabei: Bischof Hermann Glettler, ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler, Psychotherapeutin Barbara Haid und der ehemalige Bildungsminister Heinz Faßmann (v. l. n. r.).ief/Clarissa Pohorec

Eine Veranstaltung am Dienstagabend mit dem Titel „Familie als Zukunftsprojekt. Im Gespräch zum demografischen Wandel“ versuchte, Antworten auf diese Fragen zu finden. Auf dem Podium standen hochkarätige Gäste, etwa der ehemalige Bildungsminister Heinz Faßmann (parteilos), die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler, die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie Barbara Haid und der Bischof der Diözese Innsbruck Hermann Glettler. Veranstaltet wurde das Event im Churhaus gegenüber dem Stephansdom vom Institut für Ehe und Familie in Kooperation mit dem Katholischen Familienverband.

Faßmann: Mehr Männer sollten in Karenz gehen

Für den ersten Redner an dem Abend, Heinz Faßmann, seit 2022 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ist klar, dass sich die Politik dem demografischen Wandel stellen muss indem sie auf eine „verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ setzt. „Kinder oder Karriere soll eben keine Alternative sein. Kinder und Karriere wären mir am liebsten“, sagt der ehemalige Bildungsminister. Neben dem Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und weiteren finanziellen Familienunterstützungen betont Faßmann vor allem eines: Männer müssten sich mehr an der Kindererziehung beteiligen. Eine aktuelle Studie der ÖAW zeigt, dass Frauen hierzulande 416 Tage in bezahlter Elternkarenz bleiben, Männer hingegen lediglich neun. Ob er eine verpflichtende Väterkarenz fordere, erwähnte Faßmann nicht.

Der ehemalige Bildungsminister Heinz Faßmann (parteilos) spricht Klartext: „Länger arbeiten, später in Pension“.ief/Clarissa Pohorec

„Was wir brauchen, ist mehr Kostenwahrheit im Pensionssystem"

Fehlende Kinder und eine gleichzeitige Steigerung der Lebenserwartung bedeutet ein wankender Generationenvertrag. Die Pensionsausgaben aus dem staatlichen Haushalt wachsen, doch gleichzeitig sinken die Sozialversicherungsbeiträge. Hier ist der ÖAW-Präsident knallhart: „Länger arbeiten, später in Pension“, lautet sein Fazit. Politische Maßnahmen müssten gesetzt werden, „um das Potenzial älterer Menschen zu nützen“ und sie „vielleicht noch länger in der Erwerbstätigkeit zu halten“. Die Politik traue sich in dem Bereich nicht, „deutliche Schritte einer Veränderung zu setzen“, kritisiert er.

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) rechnete aus, dass 2060 ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts für Pensionen, Pflege und Gesundheit ausgegeben werden. Dieses Szenario trete ein, wenn die Politik nicht gegensteuert – etwa mit einem Anstieg des Pensionsantrittsalters. In diesem Szenario würde die Staatsverschuldung, so das WIFO, auf fast 150 Prozent des BIPs ansteigen, sagt Faßmann. Deshalb ist er der Ansicht: „Was wir brauchen, ist mehr Kostenwahrheit im Pensionssystem. Wer früher in Pension geht, bekommt weniger. Wer später geht, mehr“.

„Wir können die Alterung nicht aufhalten“

Die Alterung der Gesellschaft beeinflusse auch Wahlen. Bis zum Jahr 2025 steige das Durchschnittsalter der Wähler auf 56. Ein Drittel der Wähler werden älter als 65 sein, referiert der ehemalige Bildungsminister.

Trotz politischen Maßnahmen, die man setzen kann, müsse man einer Wahrheit ins Auge sehen: „Wir können die Alterung nicht aufhalten. Wir können sie nur zuwandern, nur bremsen. Wir können die Fertilität nicht auf das Niveau der 1950er Jahre zurückführen“. Die Gesellschaft müsse sich auf eine Schrumpfung einstellen.

Kugler: Staatliche Förderungen allein lösen das Problem nicht

Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler hat das Thema „demografischer Wandel“ schon seit Jahren auf dem Schirm. Die Sonderbeauftragte der OSZE-Parlamentarierversammlung für demografischen Wandel gibt Faßmann recht: Es sei „richtig und gerecht“, starke und gute politische Familienmaßnahmen zu setzen. Österreich sei in dem Bereich bereits eines der Vorreiterländer in Europa. Damit meint Kugler etwa den 2019 von der Bundesregierung unter Sebastian Kurz (ÖVP) eingeführten Familienbonus. Doch die Maßnahmen haben nicht dazu geführt, die Geburtenrate zu steigern.

ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler: Familien mit Kindern bräuchten gesellschaftlich mehr Anerkennung.ief/Clarissa Pohorec

In der anschließenden Debattenrunde widerspricht Kugler, die selbst vier Kinder hat, dem ehemaligen Bildungsminister in einer Sache: Mehr Kinderbetreuung habe kaum merkliche Auswirkungen auf die Geburtenrate, sagt sie. Was würde ihrer Meinung nach dazu führen, dass wieder mehr Kinder geboren werden? „Kultur, Medien, Vorbildwirkung, öffentliche Diskurswortmeldung“ nennt die Nationalratsabgeordnete. „Nenne ich Kinder nur im Zusammenhang mit Problembegriffen wie ’Kinderbetreuungsfall‘ oder sage ich ’Kinder geben Lebenssinn‘?“. Finanzielle Familienförderungen seien wichtig, aber „wir sehen, dass das nicht ausreicht“, sagt Kugler. In ihren Augen bräuchten gerade große Familien mehr soziale Anerkennung. „Ich möchte zuerst vorgestellt werden als Mama von vier Kindern“, sagt sie.

Aus einem verlagerten Kinderwunsch werde oft ein unerfüllter

In ihrem Vortrag nennt die Parlamentarierin weitere Daten rund um das Thema Demografie. In den letzten Jahrzehnten habe vor allem Kinderlosigkeit zugenommen. Menschen in den Industrienationen haben nicht nur wenige Kinder, sondern vermehrt keine Kinder. Laut Studien seien aber nur ein Drittel der Menschen ohne Kinder gewollt kinderlos. Zwei Drittel sagen, dass sie gerne irgendwann Nachwuchs hätten. Doch aus dem auf später verlagerten Kinderwunsch werde oft ein unerfüllter Kinderwunsch. Hier könnte die Kirche ansetzen, so Kugler. In diesem Zusammenhang zitiert sie Rabbi Jonathan Sacks, der 2009 sagte: „Die einzige wirklich ernsthafte philosophische Frage lautet: ’Warum sollte ich ein Kind bekommen?‘ Und unsere Kultur liefert keine besonders einleuchtende Antwort“. Mit einer Statistik der ÖAW zeigt sie, dass Christen sich nicht nur mehr Kinder wünschen, sondern auch mehr Kinder bekommen würden, im Gegensatz zu Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Kugler präsentiert im Laufe ihres Vortrags weitere Studien, die zeigen, wie ein „religiöse Grundverständnis dazu beiträgt, dass man sich für Kinder entscheidet“.

OSZE: „Elternschaft positiv darstellen“

Zum Schluss ihrer Rede verweist Kugler auf eine im Juni 2025 beschlossene Resolution der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit dem Titel „Antworten auf den demografischen Winter“. In dem Papier wurde etwa festgehalten, dass die „Förderung eines öffentlichen Diskurses, der Elternschaft positiv darstellt“, nötig wäre. Auch rät die OSZE in dem Dokument dazu, Maßnahmen zu fördern, „die Offenheit gegenüber größeren Familien unterstützen“.

Haid: „Unsere Gesellschaft ist ganz stark geprägt vom Ich-Projekt“

Die Psychotherapeutin Barbara Haid hob in ihrem anschließenden Vortrag den „intrinsischen Wert“ von Familien hervor. „Unsere Gesellschaft ist ganz stark geprägt vom Ich-Projekt: Selbstverwirklichung, Autonomie, Optimierung, Selbstoptimierung und Selbstentfaltung“, sagt die die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Familie hingegen führe vom „Ich-Projekt zur Haltung des Liebens“. Biblisch gesprochen, sei der Mensch von Anfang an auf Beziehung hin geschaffen. „Therapeutisch betrachtet ist die Familie der erste und wichtigste Beziehungsraum, in dem Menschen erfahren: Ich bin gewollt, bevor ich etwas leiste. Ich werde gehalten, auch wenn ich scheitere“, führt Haid aus. Diese Erfahrung sei eine „zentrale Entwicklungsbedingung für die psychische Gesundheit“.

Debattierrunde mit Bischof Glettler, Gudrun Kugler, Barbara Haid und Heinz Faßmann (v. l. n. r.; Faßmann ist nicht im Bild).ief/Clarissa Pohorec

Bischof Glettler: „Demografie ist eine Frage nach dem Sinn“

Bischof Glettler hob in der Debattenrunde nochmal den Sinn hervor, den Kinder geben können. „Demografie ist nicht nur eine Zahlenfrage, sondern eine Frage nach dem Sinn. Eine Gesellschaft schrumpft nicht zuerst biologisch, sondern wenn sie keine Hoffnung hat“, sagt er. Kinderkriegen bedeutet laut dem Bischof: Zuversicht haben.

Die über zwei Stunden dauernde Veranstaltung zeigte eindrücklich: Die Folgen der momentanen demografischen Entwicklung können fatal sein und betreffen fast jeden Bereich des politischen Lebens: Pensionen, Sozialsysteme, Wirtschaft, Militär, Gesundheit, Wahlen. Mehr finanzielle, staatliche Familienförderung und Kinderbetreuungsmöglichkeiten werden das Problem nur sehr minimal lösen. Um Menschen für das Kinderkriegen zu begeistern, braucht es mehr: Eine familienfreundliche, kinderbejahende Kultur und einen gesamtgesellschaftlichen Dialog darüber, wie viel Sinn Kinder und Familie stiften können.