Um fünf Uhr früh stürmte Anfang Juni eine griechische Spezialeinheit ein Gebäude im Touristenort Agios Nikolaos auf Kreta. Festgenommen wurde ein 37-jähriger Ägypter palästinensischer Herkunft. Der Mann, den griechische Medien Motasem nennen, arbeitete seit kurzem als Elektriker in einem Luxushotel.

In seiner Athener Wohnung fanden Ermittler Chemikalien, eine Präzisionswaage und weitere Ausrüstung, die zur Herstellung von Bomben verwendet werden kann, berichtete die NZZ unter Berufung auf die bisherigen Ermittlungen.

Kreuzfahrtschiff im Visier

Auf Motasems Spur kamen die Griechen durch die zypriotische Polizei. Diese hatte zwei Wochen zuvor nahe Larnaka zwei Palästinenser festgenommen, die mit ihm in Verbindung standen.

Die griechisch-zypriotische Zelle plante wahrscheinlich einen Anschlag auf ein israelisches Kreuzfahrtschiff. Dieses läuft regelmäßig griechische Häfen an und war dort bereits mehrfach Ziel antiisraelischer Proteste.

Als Terrororganisation gilt die Hamas in Europa schon lange, allerdings war man die längste Zeit davon ausgegangen, dass sich ihre Tätigkeiten in Europa auf Spendensammeln für die Terrorkämpfer in Gaza und Propaganda konzentriert. Diese Zeiten scheinen nun vorbei.

Schon ein Jahr zuvor hatte die Polizei Motasem gemeinsam mit vier weiteren Palästinensern bei einem Anlauf des Schiffs kontrolliert. Festgenommen wurde damals niemand. Im Juni 2026 sollte das Schiff erneut Kreta besuchen.

Bombenbau in Malaysia gelernt

Die Männer waren offenbar gezielt vorbereitet worden. Motasem und ein weiterer Palästinenser reisten 2025 über Zürich, Katar und Indonesien nach Malaysia. Dort sollen sie gelernt haben, Sprengsätze zu bauen.

Ein weiteres Mitglied der Zelle, ein 38-jähriger Mathematiker, war illegal aus dem türkisch besetzten Norden nach Zypern eingereist. Von Larnaka führt eine direkte Flugverbindung nach Beirut, wo zahlreiche Hamas-Funktionäre sitzen.

Bekennervideo war bereits fertig

Die Zelle auf Kreta ist offenbar nur ein Teil eines wesentlich größeren Netzes. Seit Oktober 2025 ließ der deutsche Generalbundesanwalt neun Männer festnehmen. Die Zugriffe erfolgten in Deutschland sowie in Zusammenarbeit mit Behörden in Dänemark, Großbritannien, Österreich und Zypern.

Nach Einschätzung von Generalbundesanwalt Jens Rommel planten die Verdächtigen einen Anschlag auf jüdische oder israelische Einrichtungen in Europa.

Die Vorbereitungen waren offenbar weit gediehen. Ermittler fanden ein fertiges Bekennervideo. Auch der Termin soll festgestanden haben: der 7. Oktober 2025, genau zwei Jahre nach dem Hamas-Massaker in Israel.

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Deutschland als Drehscheibe

Auffällig viele Spuren führen nach Deutschland. Auch Motasem soll längere Zeit dort gelebt haben. Er war im Sommer 2023 nach Griechenland gekommen und hatte politisches Asyl erhalten.

Im Frühjahr 2026 wurden in Berlin vier Männer wegen ihrer Tätigkeit für die Hamas zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Das Verfahren zeigte, dass die Terrororganisation bereits Jahre vor dem 7. Oktober 2023 Waffenlager in Europa angelegt hat.

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13 Pistolen und eine AK-47

Nach Erkenntnissen der deutschen Bundesanwaltschaft bewegte das Netzwerk Waffen nahezu unbemerkt quer durch Europa. Insgesamt sollen mindestens 13 Pistolen, ein Sturmgewehr des Typs AK-47 und mehr als 900 Schuss Munition durch Skandinavien, Deutschland und Österreich geschleust worden sein.

Fünf Glock-Pistolen gelangten demnach im Sommer 2025 von Dänemark über Berlin in ein Versteck nach Wien. Die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) hob das Depot im November aus.

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Waffenlager schon seit 2019

Die Vorbereitungen begannen offenbar lange vor dem aktuellen Gaza-Krieg. Bereits im April 2019 soll ein Hamas-Mitglied aus dem Libanon den Auftrag erhalten haben, in Bulgarien ein Waffenlager anzulegen. Im Dezember 2023 grub die Polizei nahe Plowdiw einen Koffer mit Waffen und Munition aus.

Weitere Depots wurden laut Ermittlern in Dänemark und Polen eingerichtet. Im deutsch-polnischen Grenzgebiet könnten noch immer Waffen versteckt sein.

Im Februar 2023 erhielt die deutsche Zelle demnach den Auftrag, Waffen nach Deutschland zu schaffen und mögliche Anschläge vorzubereiten. Ausgespäht wurden die israelische Botschaft in Berlin, der US-Stützpunkt Ramstein und das stark besuchte Tempelhofer Feld.

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Kontakte bis zur Hamas-Führung

Die europäischen Operationen sollen aus dem Libanon gesteuert worden sein. Mitglieder der Berliner Zelle reisten dorthin und trafen Khalil al-Kharraz, einen hochrangigen Kommandanten der Kassam-Brigaden. Aufnahmen seiner Beerdigung zeigten später mehrere Mitglieder der Zelle.

Die Hamas bestreitet weiterhin jede Verbindung zu den Festgenommenen. Ihr Kampf beschränke sich ausschließlich auf Palästina, erklärt die Terrororganisation.

Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler hält das angesichts der personellen Verbindungen zur Hamas-Führung für wenig glaubwürdig.

Geschwächte Hamas sucht neue Schlagkraft

Die Hamas ist im Gazastreifen militärisch stark geschwächt. Zahlreiche Anführer wurden getötet. Zugleich kann der wirtschaftlich angeschlagene Iran die Terrororganisation nicht mehr im bisherigen Umfang unterstützen.

Das muss für Europa keine Entwarnung bedeuten. „Die Schwäche der Hamas ist kein per se gutes Signal für Europa“, warnt Schindler. Eine angeschlagene Terrororganisation müsse ihre Bedeutung beweisen und weltweite Aufmerksamkeit erzeugen.

Ein Anschlag in einer europäischen Metropole oder auf ein Kreuzfahrtschiff könnte zugleich Israel-Unterstützer wie Deutschland oder Österreich politisch unter Druck setzen.

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Der weltweite Aufruf kam bereits 2023

Der exxpress berichtete schon im Oktober 2023 über Aufrufe der Hamas und des Islamischen Staates, den Krieg gegen Israel international auszuweiten. Hamas-Auslandsführer Chalid Maschal erklärte die Mobilisierung zum Dschihad zur wichtigsten Pflicht der islamischen Welt. Muslimische Gelehrte sollten eine Fatwa erlassen, die Muslime zum Kampf aufruft.

Der IS forderte gleichzeitig Angriffe auf Synagogen, jüdische Viertel, Botschaften und wirtschaftliche Interessen von Juden weltweit. Der Kampf dürfe nicht auf Israel und die palästinensischen Gebiete beschränkt bleiben.

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Das verlangte Rechtsgutachten kommt

Im April 2025 wurde das von Maschal geforderte islamische Rechtsgutachten tatsächlich veröffentlicht.

Die Internationale Union Muslimischer Gelehrter, kurz IUMS, erklärte den bewaffneten Kampf gegen Israel zur individuellen religiösen Pflicht jedes dazu fähigen Muslims weltweit.

Die Fatwa verlangte ausdrücklich, Hamas-Kämpfer mit Waffen, Fachwissen und Informationen zu unterstützen. Die IUMS steht der Muslimbruderschaft nahe, deren palästinensischer Ableger die Hamas ist.

Wenige Tage später zeigte der exxpress, dass das Netzwerk der IUMS bis nach Österreich reicht. Islamismus-Expertin Nina Scholz warnte vor einer akuten und längerfristigen Gefahr für jüdische und israelische Einrichtungen. Eine klare öffentliche Distanzierung der großen österreichischen Islamverbände blieb aus.

Waffenlager und ausgespähte Ziele

Ebenfalls im April 2025 berichtete der exxpress über den Berliner Hamas-Prozess. Bekannt wurden damals ein Waffenlager in Bulgarien, ein weiteres Versteck in Dänemark und eine nach Deutschland geschmuggelte Pistole. Auf einem USB-Stick fanden Ermittler Daten zur israelischen Botschaft in Berlin, zum US-Stützpunkt Ramstein und zum Tempelhofer Feld.

Im November wurden Erkenntnisse über ein größeres europäisches Angriffssystem bekannt. Nach Angaben des israelischen Terrorabwehrzentrums ITIC verfügte das Netz über Waffenlager in mehreren Ländern, Befehlswege aus Beirut sowie Strukturen für Finanzierung und Logistik.

Schließlich führte die Spur nach Wien

Am 6. November 2025 bestätigte die DSN den Fund eines Waffenverstecks in einem Wiener Lagerraum. In einem Koffer lagen fünf Faustfeuerwaffen und zehn Magazine. Das Depot wurde auslandsoperativen Strukturen der Hamas zugerechnet. Die Waffen sollten nach damaligem Ermittlungsstand für mögliche Anschläge auf jüdische oder israelische Einrichtungen in Europa bereitgehalten werden.

Zwei Wochen später berichtete der exxpress über Angaben des Mossad, denen zufolge das Depot Mohamad Naim gehörte, dem Sohn des hochrangigen Hamas-Funktionärs Bassem Naim.

Ein Treffen zwischen Vater und Sohn in Katar deutete nach israelischer Darstellung auf eine Beteiligung der Hamas-Führung an den europäischen Anschlagsvorbereitungen hin. Auch die Türkei soll als operative Drehscheibe gedient haben.

Die neuen NZZ-Recherchen fügen dem bekannten Netzwerk nun den nächsten Baustein hinzu: Bombenbau-Ausbildung, ein konkretes Anschlagsziel und ein bereits festgelegter Terror-Termin.