Hauptstadt der Teilung – und bald ohne DDR-Pflichtstoff?
Berlin ist mehr als nur die Hauptstadt Deutschlands. Kaum eine andere Stadt steht so sehr für die Brüche, Diktaturen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Umso größer ist jetzt die Aufregung über neue Pläne des schwarz-roten Senats, die genau diese Geschichte im Schulunterricht zurückdrängen könnten.
Denn nach einer geplanten Reform der gymnasialen Oberstufe droht ausgerechnet in Berlin ein Szenario, das viele Pädagogen für alarmierend halten: Abiturienten könnten die Schule verlassen, ohne sich vertieft mit DDR-Geschichte und deutscher Teilung beschäftigt zu haben.
Pflicht nur noch bis zum zweiten Semester
Wie die Berliner Zeitung berichtete, richtet sich der Kern der Kritik weniger gegen den neuen Rahmenlehrplan an sich, sondern gegen die geplante Belegpflicht. Nach den Vorstellungen der Berliner Bildungsverwaltung soll Geschichte in der Oberstufe künftig nur noch in den ersten beiden Kurshalbjahren verbindlich unterrichtet werden.
Brisant: Genau in den späteren Kurshalbjahren sind bislang die Themen deutsche Teilung, DDR, Erinnerungskultur und Aufarbeitung vorgesehen. Diese könnten künftig für viele Schüler schlicht wegfallen. Dagegen bleiben Nationalsozialismus und Weimarer Republik weiterhin fest im Pflichtteil verankert.
Historiker warnen vor Abwertung der DDR-Geschichte
Diese Verschiebung sorgt für massive Kritik. Der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands sowie die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur warnen in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vor einer „faktischen Abwertung“ der DDR-Geschichte.
Gerade in Berlin, so der Tenor, sei das nicht hinnehmbar. Die Stadt war Brennpunkt des Kalten Krieges, Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit und zentraler Ort der Friedlichen Revolution. Wer hier die DDR-Geschichte aus der Verbindlichkeit löse, sende ein falsches Signal.
Widerspruch zum Koalitionsvertrag
Besonders pikant: Die geplanten Änderungen stehen nach Ansicht der Fachverbände im klaren Gegensatz zum geltenden Koalitionsvertrag des schwarz-roten Senats. Darin ist die Stärkung der Erinnerungskultur sowie die Vermittlung von Diktatur- und Demokratiegeschichte ausdrücklich als zentrale Aufgabe festgeschrieben.
Kritiker sehen daher nicht nur ein bildungspolitisches, sondern auch ein politisches Problem. Der Senat verspreche Erinnerung – und spare sie im Unterricht zugleich ein.
Berlin geht Sonderweg
Zusätzlichen Zündstoff liefert der Vergleich mit Brandenburg. Dort ist die DDR-Geschichte in der Oberstufe weiterhin über vier Kurshalbjahre verbindlich verankert. Berlin würde damit einen Sonderweg einschlagen – trotz seiner einzigartigen historischen Rolle.
Hinzu kommt: In der Berliner Mittelstufe wird Geschichte häufig nur einstündig oder in Fächerverbünden unterrichtet. Die Oberstufe gilt daher als entscheidender Ort für vertiefte historische Einordnung.
„Das ist dramatisch für eine Stadt wie Berlin“
Deutliche Worte findet Lea Honoré, Landesvorsitzende des Geschichtslehrerverbandes. Sie fordert eine Angleichung an das Brandenburger Modell mit vier verbindlichen Semesterthemen. Gegenüber der Berliner Zeitung erklärt sie:
„Das ist dramatisch für eine Stadt wie Berlin, für die die DDR-Geschichte so zentral ist. Gerade in der heutigen Zeit muss ein besonderes Augenmerk auf Verständnis und Erhalt der Demokratie gelegt werden.“
Für viele Pädagogen ist klar: Wer junge Menschen für Demokratie sensibilisieren will, darf die Erfahrungen der Diktatur nicht zur freiwilligen Option machen.
Senatsverwaltung zeigt sich gesprächsbereit
Die Kritik ist inzwischen auch in der zuständigen Senatsverwaltung angekommen. Auf Anfrage erklärte Martin Klesmann, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie:
„Die Senatorin hat den offenen Brief des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gestern erhalten und gelesen. Die darin angesprochenen Hinweise nehmen wir zum Anlass, den betreffenden Sachverhalt nochmals in den Blick zu nehmen.“
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