Kommentar von Melanie Grün

Und der sorgte zum Abschluss seiner „mittendrin – akustisch“-Tour in der ausverkauften Wiener Stadthalle für einen Eklat: Ein politischer Wutanfall sei das, was da am vergangenen Donnerstag passierte, schreiben österreichische Zeitungen.

Grönemeyer wütete auf der Bühne: „Ich werde bald 70 und hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal für die Demokratie eintreten muss. Wir sind politisch demokratisch und bleiben politisch demokratisch.“

Der Sänger schien sich ziemlich sicher zu sein, dass unter den rund 15.000 Konzertbesuchern nur Menschen waren, die das hören wollten. Da täuschte er sich, denn einen guten Teil seines Multimillionenvermögens haben ihm auch konservative Menschen eingebracht.

Grönemeyer schockt mit Polit-Hetze

Einer der Konzertbesucher war laut der Kronen Zeitung der Politikberater Stefan Petzner, früher mal enger Vertrauter des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider. Petzner fühlte sich während des Konzerts provoziert. Als Grönemeyer das zweisprachige deutsch-türkische Lied „Doppelherz“ „allen Migranten“ widmete, und als er rief, es sei „widerlich, Flüchtlingen das Leben hier zu verbieten“.

Daraufhin platzte Petzner der digitale Kragen. Auf Facebook postete er: „Für das Zahlen der teuren Tickets sind wir gut genug, aber gesungen wird für Migranten und Flüchtlinge – nicht mit mir.“

Denn Grönemeyer legte offenbar noch nach. „Die Rechten mit ihrer Hetze, mit ihrem brutalen, unmenschlichen Gerede von Remigration, Gerede von Homogenisierung von Gesellschaft. Wir haben was anderes zu tun, als uns mit diesem Mist zu beschäftigen! Wir halten das so lange aus, bis dieses ganze Gehetze und die furchtbaren Rechten wieder in ihren Löchern verschwinden, die Klappe halten und uns endlich in Ruhe lassen.“

In Löchern verschwinden, die Klappe halten – das ist finsterster Propaganda-Sprech, den der österreichische Konzertbesucher sofort auf Facebook kontert: „Es wäre interessant, von ihm zu erfahren, welche Art von ,Löchern‘ er genau meint, in die sie alle verschwinden sollen.“

Mit seinem Post trifft Petzner offenbar einen Nerv. Schon während der vorausgegangenen Konzerte hatte Grönemeyer einzelne Fans immer wieder mal mit politischen Statements verprellt. Ein User schreibt auf Facebook: „Eigentlich furchtbar, wenn man noch Eintritt bezahlt und dann eine linke politische Hassrede zu hören bekommt.“

Eklats wie diese kommen in Zeiten von Social Media innerhalb von Sekunden nach Deutschland, selbst, wenn sie in Wien passieren.

Grönemeyer, der Anti-Star

Dabei ist das mit Deutschland und Grönemeyer eine echte Liebesgeschichte. Er besingt 1984 klotzig und kraftvoll Bochum, die „Blume im Revier“, wo er seine Jugend und seine Zeit am Schauspielhaus verbringt:

„Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau
Du liebst Dich ohne Schminke
Leider total verbaut
Aber gerade das macht Dich aus.“

Fast alle mögen Grönemeyers Musik. Für den deutschen Mann ist der immer etwas tapsig daherkommende Tanzbär mit den schütteren Haaren eine beruhigende Projektionsfläche. Motto: Es ist völlig okay, stinknormal zu sein. Was dabei untergeht: Grönemeyer ist ein Poet. Seine Wortgewalt trifft selbst Menschen bis ins Mark, die mit Gedichten nichts am Hut haben. Als 1998 seine erste Ehefrau Anna infolge einer Brustkrebserkrankung stirbt, (im selben Monat erliegt sein Bruder Wilhelm der Leukämie), fällt er scheinbar ins Bodenlose. Grönemeyer taucht mehrere Jahre ab und schafft es damals, eben kein verbitterter Witwer zu werden, sondern ein begnadeter Gefühlsübersetzer. Sein Song „Der Weg“ wird zur Trauerhymne. „Mensch“ wird mit 3,7 Millionen verkauften Tonträgern 2002 zum kommerziell erfolgreichsten deutschen Album.

Wird aus dem Sänger ein Spalter?

Grönemeyer zieht mit den beiden Kindern für rund ein Jahrzehnt nach London. Mit der wilden Metropole tut er sich laut Medienberichten lange Zeit schwer. Vielleicht sind es heilende Jahre in der Anonymität, vielleicht aber auch Jahre, in denen er sich von seinem Heimatland entfremdet. Bei seiner Rückkehr 2007 ist Deutschland ein anderes Land. Und noch einmal zwei Jahrzehnte später ist es nicht mehr wiederzuerkennen. Nicht nur ihm macht diese Entwicklung Sorgen, viele Deutsche sind verunsichert. Aber Grönemeyer hat eben ein Millionenpublikum, dem er das mitteilt.

Bei einem Auftritt in Wien 2019 ruft er das Publikum sehr bestimmt dazu auf, „keinen Millimeter nach rechts“ zu rücken: „… dann liegt es an uns zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so ’ne Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze (…).“

Der Autor und Dramaturg Bernd Stegemann, postet damals auf Twitter: „Der Tonfall, mit dem Grönemeyer sein Publikum politisch anheizt, macht mir ein wenig Angst. Ich sag’s ungern, aber er klingt wie ein Redner vor 1945.“

Vielleicht ist das nicht Sportpalast. Aber Spaltung ist es sicher. AfD-Politikerin Beatrix von Storch twittert: „Das ist die furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede, die ich je gehört habe.“

Wurde der Pop-Poet zum Hassprediger?

Grönemeyer lebt Presseberichten zufolge längst wieder in Berlin-Zehlendorf in einer weißen, schmucken 14-Zimmer-Villa, und man fragt sich, wie viel er vom echten Leben mitbekommt. Deutschland ist bunt. Das klingt gut, bis man eine Stunde am Alexanderplatz verbracht hat.

Doch die fanatischsten Menschen sind immer diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen. Während der Corona-Zeit setzt sich Herbert Grönemeyer für die Impfung ein. Weil diese aber noch nie vor Ansteckung geschützt hat, muss er 2022 seine Tournee „20 Jahre Mensch“ absagen, weil, naja … Sie ahnen es. Der Mensch, den er lange besungen hat, den gibt es nicht mehr: Weite Teile der Bevölkerung sind zornig, in kaum einer Familie wird NICHT über Corona gestritten.

Auf Instagram postet er Sätze, die mit seiner früheren Wortwucht nicht mithalten können. „Es tost gerade in der Welt, es gibt viel Unruhe, Ängste und Unsicherheit.“

Je weniger kreativ Grönemeyer wirkt, desto verbissener setzt er sich für die gute Sache ein – zumindest für das, was er als gut empfindet. 2024 ist er Gast beim Christopher Street Day in Berlin. Und auch hier gibt’s wieder eine Brandrede: „Zurzeit werden Demokratien weltweit auf perfide Art und Weise durch fundamentalistische, faschistische Kräfte attackiert“, sagt er auf der Bühne. Rechte Kräfte arbeiteten gegen andere Lebensmodelle. „Lassen wir das nicht zu, kämpfen wir für eine progressive Welt, jeden Tag und Seite an Seite.“

Die Welt aus Grönemeyers Hits gibt es nicht mehr

In Bochum laufen die Steinkohle-Bergwerke seit 2018 nicht mehr, im Schauspielhaus werden Ensemblemitglieder angegriffen, weil sie Faschisten spielen, der VFL Bochum dümpelt irgendwo in der zweiten Liga. Umso energischer singt Grönemeyer gegen den Wandel an: Er engagiert sich für Seenotrettung und Klimaschutz und hat mit der Marketingexpertin Josephine Cox ein neues Glück in zweiter Ehe gefunden – Nachwuchs inklusive. Läuft doch. Warum all dieser Zorn? Millionen Menschen lieben ihn immer noch. Und ja, auch Konservative kaufen seine Konzerttickets. So wie Stefan Petzner aus Österreich. Der hat sich einen musikalischen Abend sicher auch anders vorgestellt. Laut seinem Facebook-Post verlässt er während der „Hetztiraden“ den Saal demonstrativ.

Als er seinen Unmut auf Facebook äußert, explodiert die Kommentarspalte. Petzners Antwort im Wortlaut: „Ich teile die politischen Ansichten #grönemeyers NICHT, aber ich teile mit vielen die Leidenschaft für Musik von #grönemeyer.(…) Die Leute wollen aber kein Geld für Künstler zahlen, die ihr Konzert missbrauchen, um politische Hasstiraden vom Stapel zu lassen. DAFÜR WERDEN SIE AUCH NICHT BEZAHLT, HERR GRÖNEMEYER.“

Im April feiert Grönemeyer seinen 70. Geburtstag, nächstes Jahr soll eine Open-Air-Tournee folgen. In seinem Welthit „Mensch“ findet sich die Zeile, die ihn und viele der erbosten Konzertfans vielleicht versöhnen könnte: „Der Mensch heißt Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft. Und weil er hofft und liebt. Weil er mitfühlt und vergibt.“

Vielleicht schafft der größte deutsche Bühnenstar es ja, wieder ein Star für alle zu werden. Musik soll Gräben überwinden, nicht schaffen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.