VorlageaIntrigen-Stadl ORF: Wie Chefs am Küniglberg gestürzt werden
Vom Chat-Skandal über politische Machtkämpfe bis zu internen Demontagen: Der Sturz von Roland Weißmann ist kein Einzelfall. Ein Blick auf die spektakulärsten ORF-Affären zeigt ein System, in dem Karrieren oft durch Leaks, Lagerkämpfe und Intrigen enden.
Sturz am Küniglberg: Roland Weißmann ist das jüngste Opfer der ORF-Machtspiele.APA/MAX SLOVENCIK/GETTYIMAGES
Der ORF-Skandal um Ex-General Roland Weißmann wird immer explosiver. Jetzt greift sein Anwalt Stiftungsratschef Norbert Lederer frontal an und wirft ihm falsche Darstellungen über die Hintergründe des Rücktritts vor. Rechtliche Schritte stehen im Raum. Gleichzeitig pocht der ORF weiter auf rasche Aufklärung der Belästigungsvorwürfe aus dem Jahr 2022 – Vorwürfe, die Weißmann bestreitet, die ihn am Ende aber dennoch zu Fall brachten.
Für Ex-Presse-Chefredakteur und exxpress-Kolumnist Andreas Unterberger ist das kein Ausrutscher, sondern ein weiteres Lehrstück über den Zustand des Senders. Der ORF sei eine „Schlangengrube“, ein „Intrigennest“, schreibt er auf seinem Blog. Dass die Vorwürfe erst vier Jahre später und ausgerechnet unmittelbar vor der Entscheidung über Weißmanns mögliche Wiederbestellung hochgehen, hält er für kaum zufällig. Sein Befund: Am Küniglberg scheitern Karrieren oft nicht an Leistung – sondern an Machtkämpfen, Netzwerken und Intrigen.
Wie Karrieren im ORF enden
Wer sich die großen ORF-Affären der vergangenen Jahrzehnte ansieht, erkennt ein wiederkehrendes Muster. Mal sind es Leaks – plötzlich auftauchende Chats oder Mails, die einen Skandal auslösen. Mal entscheiden parteipolitische Mehrheiten im Stiftungsrat über Karrieren. Und oft beginnt alles mit interner Demontage: Vorwürfe, Kampagnen und Gerüchte schaffen ein Klima, in dem ein Manager schließlich gehen muss.
2022: Schrom – Chats, die tief blicken ließen
Der frühere ORF-TV-Chefredakteur Matthias Schrom stolperte über Chats mit dem damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Sie offenbarten bemerkenswerte Einblicke in den Maschinenraum des Senders.
Strache beschwerte sich über eine ZiB-Sendung. Schrom antwortete: „Das ist natürlich unmöglich.“ Gleichzeitig relativierte er: „Du weißt, ich bin ja nur für ORF2 zuständig. ORF1 (das noch viel linker ist) gehört ja Lisa Totzauer und Wolfgang Geier.“
Auch über interne Strukturen klagte er: „Unser Problem ist ja auf gewisse Weise, dass uns finanzielle Ressourcen weggenommen werden und in ORF1 gesteckt werden.“ Und weiter: „Es wird grad mit Gewalt versucht, den maroden Kanal hochzukriegen.“
Besonders heikel waren politische Bemerkungen über Kollegen: „Schon bei uns genug zu tun und jeden Tag mühsam, aber langsam wird’s – und die, die glauben, die SPÖ retten zu müssen, werden weniger.“ Die Chats gaben einen seltenen Blick hinter die Kulissen: über interne Rivalitäten und eine offen eingeräumte politische Schlagseite.
2023: Ziegler – Vorwürfe der „Message Control“
Auch beim niederösterreichischen ORF-Landesdirektor Robert Ziegler spielten interne Dokumente eine zentrale Rolle. Der Vorwurf: Ziegler habe sich wiederholt für mehr TV-Präsenz der damaligen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner eingesetzt. Kritiker sprachen von einer Art „Message Control“ zugunsten der ÖVP. Berichten zufolge soll er sogar empfohlen haben, wie eine politische Affäre medial genutzt werden könne.
Alles deutete allerdings auf ein Foul aus den eigenen Reihen hin. Ziegler wies die Vorwürfe als „diffus und nicht nachvollziehbar“ zurück und betonte, seine Redaktion habe unabhängig gearbeitet. Der Mechanismus ist typisch: Interne Dokumente tauchen plötzlich auf – und ein politischer Skandal ist geboren.
Totzauer – politisch etikettiert
Auch Lisa Totzauer geriet früh in die Mühlen der ORF-Machtkämpfe. Bereits bei früheren Personalrunden wurde sie öffentlich als „ÖVP-nahe“ Kandidatin gehandelt – ein politisches Etikett, das im ORF schnell zum Karriererisiko werden kann. Medien beschrieben sie damals als eines der ersten Opfer des Postenschachers: Wer einmal als Kandidat eines politischen Lagers gilt, trägt diesen Stempel lange mit sich herum – unabhängig davon, ob es dafür tatsächlich Belege gibt.
Bemerkenswert ist, dass selbst kritische Beobachter festhielten, Totzauer habe in der Berichterstattung keine erkennbare Parteinähe gezeigt. Trotzdem blieb das Etikett haften. Der Fall zeigt eine typische ORF-Mechanik: Schon der Verdacht, jemand gehöre zum „falschen“ Lager, kann eine Karriere politisch unter Generalverdacht stellen.
2010: Oberhauser – Sturz nach Mail über SPÖ-Einfluss
Bei Elmar Oberhauser flog 2010 der Deckel vom ORF-Kessel. Der damalige Informationsdirektor schrieb nach der Bestellung von Fritz Dittlbacher zum TV-Chefredakteur eine interne Mail, in der er offen politischen Druck ortete – konkret Einfluss aus der SPÖ.
Sinngemäß machte er klar: Er könne sich seine engsten Mitarbeiter nicht mehr selbst aussuchen, sondern müsse ein parteipolitisches Diktat akzeptieren.
Generaldirektor Alexander Wrabetz erklärte daraufhin das Vertrauensverhältnis für zerstört. Oberhauser wurde beurlaubt und wenig später vom Stiftungsrat abgesetzt.
Der Fall zeigte brutal offen, wie heikel Personalentscheidungen im ORF sind – und wie schnell politische Lager dabei eine Rolle spielen.
2007–2008: Mück – Vorwürfe, Kommission, politischer Streit
Beim damaligen TV-Chefredakteur Werner Mück ging es besonders heftig zu. Mitarbeiter berichteten von Einschüchterung, Frauenfeindlichkeit und einem ruppigen Führungsstil. Der Fall wurde sofort politisch aufgeladen: SPÖ und Grüne machten Mück öffentlich zum Symbol eines autoritären Führungsstils im ORF.
Mück wehrte sich heftig. Er bestritt viele Vorwürfe und sprach von überzogenen oder falschen Darstellungen. Hinter den Angriffen stünden auch ideologische und parteipolitische Interessen, erklärte er.
Genau das macht den Fall so ORF-typisch: Persönliche Konflikte und politische Machtkämpfe greifen ineinander – und ein interner Streit wird schnell zur öffentlichen Affäre.
Abgang im Zorn
Wer den ORF verlässt, tut das oft nicht leise, sondern mit einer letzten Abrechnung. Ex-Programmdirektor Wolfgang Lorenz sprach 2016 vom ORF als „Gleitmedium“ und nannte Teile der Information schlicht „Puppentheater“.
Ex-Informationsdirektor Elmar Oberhauser legte nach und geißelte ein geplantes Faymann-Solo im ORF als „beispiellosen Skandal“ und „dreisten Angriff auf die Unabhängigkeit des ORF“. Nach seiner Absetzung 2010 erklärte er zudem, er sei „stolz auf diese Abwahl“; er habe „Charakter gezeigt“ und sich „gegen parteipolitische Einflüsse im ORF gewehrt“. Deutlicher kann man kaum sagen, was viele am Küniglberg seit Jahren nur hinter vorgehaltener Hand murmeln: Dass statt journalistischer Distanz in Wahrheit politische Rücksicht dominiert.
Noch ätzender klang es bei ehemaligen Bildschirmgesichtern. Ex-Moderator Reinhard Jesionek erklärte, er „geniere“ sich „für den ORF“, weil ihm die Berichterstattung einseitig erschien. Die frühere ORF-Moderatorin Marie-Christine Giuliani-Sterrer legte 2025 auf Facebook noch eine Schaufel nach: Der ORF sei „nie anständig“ mit langjährigen Mitarbeitern umgegangen und in Wahrheit „tief undemokratisch“. Und Ex-ORF-TV-Chefredakteur Matthias Schrom fasste seine Erfahrung später trocken, aber vielsagend zusammen: „Punzierungen kommen von außen und sind im ORF beliebt.“
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