Seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Terrorgruppe Hamas auf Israel, hat Antisemitismus in Europa zugenommen. Das hatte auch Auswirkungen auf den Eurovision Songcontest (ESC): 2024 wurde die israelische Teilnehmerin Eden Golan ausgebuht und erhielt Morddrohungen. 2025 gewann Israel das Publikumsvotum, was dazu führte, dass mehrere Länder die Resultate öffentlich infrage stellten. 1.100 haben einen offenen Brief der Kampagne “No Music For Genocide” unterzeichnet. In dem Aufruf werfen die Unterzeichner Israel vor, einen „Völkermord in Gaza” zu begehen – und fordern den Ausschluss des Landes vom Wettbewerb. Aus Protest gegen die Teilnahme des israelischen Staates am Musikwettbewerb sind fünf Länder, Spanien, Slowenien, Irland, Island und die Niederlande, heuer nicht angetreten.

Auch JJ gegen Teilnahme Israels

JJ, der österreichische ESC-Gewinner von 2025, hat sich gegen die Teilnahme Israels am ESC in Wien ausgesprochen. Genauso der Schweizer Vorjahressieger Nemo.

In der Kantine des Museumsquartiers, dem offiziellen Treffpunkt der Israel-Fans, traf der exxpress eine Gruppe junger Israelis. Einer von ihnen, Micha (der Name wurde von der Redaktion geändert), spricht Deutsch und war bereit, diesem Onlinemedium ein Interview zu geben.

„Wir leiden darunter“

Exxpress: Welche Rolle spielt Politik beim ESC?

Micha: Man sagt, Politik spielt keine Rolle beim ESC, aber das ist Quatsch. An jeder Ecke gibt es Politik, leider leider. Wir als Israelis fühlen das. Wir leiden darunter, weil es einfach so unangenehm geworden ist in den letzten zwei, drei Jahren seit dem 7. Oktober 2023. Wir versuchen, das zu genießen. Es ist heutzutage sehr schwer zu sagen, dass wir Israelis sind. Ich musste meine Identität nie in meinem Leben verstecken, aber jetzt muss ich mir überlegen, bevor ich mit Personen spreche. Normalerweise gibt es keine Probleme, aber ab und zu kriege ich schlechte Reaktionen oder Schimpfwörter.

Exxpress im Gespräch mit Israeli Micha. Der ESC-Fan lebte über fünf Jahre in Hamburg. Jetzt ist seine neue Heimat Budapest.
Exxpress im Gespräch mit Israeli Micha. Der ESC-Fan lebte über fünf Jahre in Hamburg. Jetzt ist seine neue Heimat Budapest.

Exxpress: Haben Sie hier in Wien schon schlechte Erfahrungen gemacht?

Micha: Ehrlich gesagt, nein. Ich bin ganz positiv überrascht, dass es so sicher in Wien ist. Das finde ich sehr gut. Ich bin am Mittwoch angekommen und habe bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Hoffen wir, dass es so bleibt. Wir alle wissen, was gestern beim Halbfinale passiert ist. Die waren schon in der Halle. Das war sehr unangenehm, weil es alles zerstört. Wir kommen zusammen, um Musik zu feiern, um zusammen zu sein und das hat einfach alles kaputt gemacht. Es hat zwar nur ein paar Minuten gedauert, danach hat das jeder vergessen, aber das ist einfach unnötig. Die, die auf der Bühne sind, haben nichts mit dem zu tun, was zwischen Ländern passiert und in dem Moment soll es nur darum gehen.

„Die meisten wissen nicht, gegen was sie eigentlich demonstrieren“

Exxpress: Es gibt einige Pro-Palästina-Demos und Demos gegen die Teilnahme Israels am ESC in den nächsten Tagen in Wien.

Micha: Wir haben bisher noch keine gesehen. Im letzten Jahr und vor zwei Jahren war es ziemlich schrecklich am ESC. Das war richtig unangenehm. Ich glaube, spätesten beim Finale am Samstag wird irgendetwas passieren. Wir hoffen nicht, dass es groß und laut wird, aber wir sind auf alles eingestellt.

Exxpress: Haben Sie Verständnis für Demos gegen die Teilnahme Israels am ESC?

Micha: Dass einige gegen die Teilnahme Israels am ESC demonstrieren, finde ich einfach blöd und pathetisch. Das ist einfach ein freundlicher Wettbewerb zwischen Ländern. Das ist ein Musikfestival. Diese Demonstrationen haben nichts mit dem Sänger oder der Sängerin zu tun. Das ist für die Künstler unangenehm und sehr unheimlich. Das ist doch unvorstellbar! Ich finde es unfair. Ich denke, die meisten wissen nicht, gegen was sie eigentlich demonstrieren. Wenn Sie versuchen, mit ihnen zu sprechen, Fragen zu stellen, haben sie meistens keine Ahnung, was zum Beispiel die Parole „From the river to the sea“ bedeutet. Welcher Fluss und welches Meer?

Exxpress: Haben Sie einmal probiert, mit den Demonstranten ins Gespräch zu kommen?

Micha: Dazu habe ich, ehrlich gesagt, keine Energie. Ich bin kein Botschafter. Ich spreche nicht für die israelische Regierung. Ich bin nicht mit allem einverstanden. Ich finde, das ist einfach Zeitverschwendung. Wenn ich sehe, dass es Potenzial gibt mit jemandem zu sprechen und etwas zu erklären, mache ich das gerne. Aber normalerweise ist das nicht der Fall und dann gebe ich einfach auf. Ich weiß, das ist ein bisschen traurig, aber ich bin kein Botschafter. Ich bin hier, um den ESC zu genießen.