Es waren sieben Minuten, die Österreich verändert haben. Am 10. Juni 2025 betrat ein 21-jähriger ehemaliger Schüler das BORG Dreierschützengasse in Graz, legte sich in einer Schultoilette einen Waffengurt an und eröffnete mit einer Glock und einer Schrotflinte das Feuer. Neun Schüler und eine Lehrerin starben. Dann erschoss er sich selbst. Es war der schwerste Amoklauf in der Geschichte der Zweiten Republik.
„Die Belastung tragen sie bis heute"
Was hat ihn in diesem Jahr am meisten bewegt? „Am meisten bewegt hat mich die enorme Belastung, die Schüler, Lehrkräfte und Angehörige bis heute tragen.” Gleichzeitig habe ihn beeindruckt, „wie viel Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung innerhalb der Schulgemeinschaft entstanden sind. Besonders berührend waren die vielen Begegnungen mit Betroffenen, die trotz schwerster Erfahrungen Schritt für Schritt versuchen, wieder Vertrauen in den Alltag zu gewinnen.”
Mehr als 1.000 Beratungsgespräche führte das psychologische Kernteam seit der Tat. Das Team steht nach wie vor täglich von 8 bis 14 Uhr zur Verfügung. Im Herbst sollen alle Klassen wieder im umgebauten Schulgebäude unterrichtet werden — im dritten Stock, wo die Tat stattfand, entsteht ein Gedenkraum.

Klare Lehren — auch für Wien
Was würde Hermann anderen Bundesländern mitgeben? „Krisenprävention und schulische Unterstützungssysteme dürfen keine Randthemen sein. Schulen brauchen klare Abläufe für Notfälle, regelmäßige Übungen und vor allem niederschwellige psychosoziale Unterstützung.” Sein Rat an Wien und andere Länder: „Bereits jetzt belastbare Netzwerke zwischen Schulen, Schulpsychologie, Gesundheitswesen und Sicherheitsbehörden aufbauen.” Denn: „Die eigentliche Aufarbeitung beginnt oft erst dann, wenn die mediale Aufmerksamkeit längst verschwunden ist.”
Schulpsychologie allein reicht nicht
Der Täter war zum Tatzeitpunkt kein Schüler mehr — eine unbequeme Tatsache, die Hermann direkt anspricht: „Schulpsychologie ist ein unverzichtbarer Baustein, aber sie kann gesellschaftliche Probleme nicht allein lösen. Sie erreicht in erster Linie Menschen, die Teil des Bildungssystems sind.” Es brauche daher „niedrigschwellige Hilfsangebote für junge Erwachsene, die sich aus sozialen Strukturen zurückziehen oder in Krisen geraten.” In der Steiermark soll eine neue Kompetenz- und Clearingstelle bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft genau das leisten — als Anlaufstelle für Betroffene, Eltern, Lehrer und Fachkräfte.
Kritik an Bund: „Versäumnisse, die schnellstmöglich angegangen werden müssen"
Beim Thema Bundesregierung wird Hermann deutlich: „Die Zusammenarbeit erlebe ich grundsätzlich konstruktiv, dennoch gibt es Versäumnisse auf Bundesebene, die schnellstmöglich angegangen werden müssen.” Konkret fordert er spezialisierte Kleingruppen-Klassen für herausfordernde Schüler, mehr Ressourcen in der Sonderpädagogik sowie Maßnahmen bei Elternbildung und Medienkompetenz. „Hier braucht es die Unterstützung und die entsprechenden finanziellen Rahmenbedingungen des Bundes.”
Würde er heute etwas anders machen?
„In einer Krisensituation müssen viele Entscheidungen unter enormem Zeitdruck getroffen werden. Insgesamt waren die gesetzten Maßnahmen richtig.” Was er gelernt habe: „Unterstützungsangebote müssen noch früher greifen, noch breiter angelegt sein — und Eltern müssen noch stärker in die Verantwortung genommen werden.”
Am Ende bleibt eine nüchterne Erkenntnis, die Hermann selbst ausspricht: „Tragödien wie ein Amoklauf werden sich nie 100-prozentig verhindern lassen. Umso wichtiger ist es, Risiken zu minimieren und bestmöglich vorbereitet zu sein.” Dazu gehöre die enge Zusammenarbeit aller Systeme — „Bildung, Gesundheit, Soziales und Sicherheit.”

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