Fast 100 Beschwerden pro Tag, Suizide auf Rekordniveau, Jugendliche in Zellen mit Erwachsenen – und eine Jugendhaftanstalt, die kurz nach ihrer Eröffnung schon über der Kapazitätsgrenze liegt. Das ist die Bilanz, die die Volksanwaltschaft am Dienstag bei der Präsentation ihres Parlamentsberichts 2025 gezogen hat. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der österreichische Strafvollzug befindet sich in einem systemischen Kollaps.

Vorgeschichte: Erst Psychiatrie-Alarm, jetzt Jugend-Alarm

Der heutige Bericht kommt nicht aus dem Nichts. Erst im März 2026 hatte die Volksanwaltschaft einen Schwerpunktbericht zur psychiatrischen Versorgung im Strafvollzug veröffentlicht –

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. Das Fazit damals: „systemisch verankerte Menschenrechtsverletzungen”. Nun legt der Parlamentsbericht 2025 nach – und das Bild hat sich seither nicht verbessert, sondern weiter verschärft.

Jugendstrafvollzug: Ein Sorgenkind wird zum Notfall

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Ende 2024 saßen 125 Jugendliche in österreichischen Gefängnissen. Ende 2025 waren es bereits 182 – ein Anstieg von rund 46 Prozent innerhalb eines Jahres. Die Folge: Überbelag in Jugendabteilungen, Schließung ganzer Trakte, und Jugendliche, die gemeinsam mit Erwachsenen in Mehrpersonenhafträumen untergebracht werden.

Mitte März 2025 waren in der Justizanstalt St. Pölten 327 Insassen untergebracht – die Jugendabteilung musste geschlossen werden. Vier Jugendliche wurden auf andere Abteilungen verlegt, wo sie mit Erwachsenen zusammen eingesperrt waren. In der JA Wiener Neustadt fehlten im August 2025 nicht nur eigene Unterbringungsräume für Jugendliche, sondern auch jede Form von therapeutischer Betreuung: keine Ergotherapie, keine Sozialpädagogik, keine kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung.

„Die Zahl der inhaftierten Jugendlichen ist im Berichtsjahr deutlich angestiegen. Aufgrund des Überbelags werden Jugendliche häufig gemeinsam mit Erwachsenen angehalten. Das ist eine dramatische Situation.”, so Volksanwältin Gaby Schwarz.

Münnichplatz: Eröffnet, überfüllt, überfordert

Die neue Jugendhaftanstalt Wien-Münnichplatz sollte das Problem lösen. Nach jahrelangen Verzögerungen im Jänner 2026 eröffnet, war sie von vielen als Gamechanger für den Jugendvollzug in der Ostregion angekündigt worden. Die Realität sieht anders aus.

Die Anstalt ist für 72 Haftplätze ausgelegt. Zum Stichtag 20. April 2026 sind dort bereits 82 Jugendliche untergebracht – eine Auslastung von 114 Prozent. Die Reaktion des Justizministeriums darauf sorgt bei der Volksanwaltschaft für Unverständnis: Statt Entlastung zu schaffen, hob die Generaldirektion die offizielle Belagsfähigkeit kurzerhand auf 90 Plätze an. Begründung: Man wolle „optimale Bedingungen im Jugendvollzug gewährleisten”. Die Volksanwältin Gaby Schwarz ordnet das so ein: „Die Erweiterung in ein positives Licht zu rücken, kann wirklich nur ein schlechter Scherz sein! Mit der Anhebung der Belagsfähigkeit wird die Anstalt überfordert noch bevor sie richtig läuft.”

Der Überbelag hat konkrete, messbare Konsequenzen: Stockbetten ersetzen die für Jugendliche empfohlene Ein- oder Zweipersonenbelegung. Die vom Justizministerium selbst vorgegebene Mindesthaftraumgröße pro Insasse kann nicht mehr eingehalten werden. Und beengte Verhältnisse erhöhen das Gewaltrisiko – ein Problem, auf das die Volksanwaltschaft bereits im Parlamentsbericht 2024 unter dem Prüfschwerpunkt „Gewalt in Haft” hingewiesen hatte. Derzeit werden vom Münnichplatz sogar Insassen auf andere Justizanstalten verteilt, weil der Platz nicht reicht.

Dazu kommt ein eklatanter Personalmangel. Statt der vorgesehenen 60 Stellen im Exekutivdienst stehen aktuell nur 43 Personen zur Verfügung, zehn davon als Dienstzuteilungen – teils ohne jede Vorerfahrung im Jugendstrafvollzug. Das Ergebnis: Die neuen Sport- und Bewegungsangebote im Innenhof existieren auf dem Papier, können mangels Aufsichtspersonal aber kaum genutzt werden. Hohe Einschlusszeiten sind die direkte Folge.

Suizide auf Rekordhoch – und das Jahr hat erst begonnen

Das Gesamtbild des österreichischen Strafvollzugs ist düster. 2025 wurden der Volksanwaltschaft 59 Suizidversuche und 8 vollendete Suizide von Inhaftierten gemeldet – ein trauriger Höchststand. Volksanwältin Schwarz ergänzte bei der Pressekonferenz: Allein bis Ende April 2026 wurden bereits 18 Versuche und 6 vollendete Suizide registriert – so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die Zahlen passen zum Befund des März-Schwerpunktberichts, der dokumentierte, dass sich Suizide im Strafvollzug seit 2019 verfünffacht haben.

Gesamtbilanz: Das System läuft am Limit

Die Volksanwaltschaft verzeichnete 2025 insgesamt 23.122 Beschwerden – konstant hoch wie in den Vorjahren, aber mit einer deutlichen Verschiebung: Prüfverfahren im Bereich Justiz stiegen um 27 Prozent auf 1.729 und stellten damit den größten Einzelbereich aller Prüfverfahren dar. In rund 16 Prozent aller abgeschlossenen Fälle wurde ein Missstand in der Verwaltung festgestellt. Bei den 423 unangekündigten Kontrollen in Einrichtungen, in denen Menschen in ihrer Freiheit beschränkt werden, gab es in zwei Drittel aller Fälle Beanstandungen der menschenrechtlichen Situation.

Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) hat angekündigt, zwei neue Gefängnisse bauen zu wollen – Baubeginn soll 2026 sein, fertig werden sie wohl nicht mehr in ihrer Amtszeit. Die Volksanwaltschaft hat ihre Empfehlungen deponiert. Ob das Justizministerium reagiert – oder ob der nächste Bericht in einem Jahr dieselben Zahlen zeigt, nur größer –, bleibt abzuwarten.