Kerber warnt: Deutschland verweigert Führung – und treibt Europa in die Ohnmacht
Europa rüstet – aber falsch. Brüssel verteilt Milliarden, Paris mimt den starken Mann – doch der Schlüsselakteur fehlt: Deutschland. Prof. Markus C. Kerber (TU Berlin) rechnet im exxpressTV-Interview schonungslos mit EU-Kommission, Frankreich und deutscher Selbstverweigerung ab. Kerbers Warnung: Europa wird zum Zuschauer.
Markus C. Kerber im exxpressTV-Studio: „Brüssel greift nach Macht – und Europa zahlt den Preis.“EXXPRESSTV /EXXPRESSTV
Brüssel greift zur Rüstung – und überschreitet Kompetenzen. 150 Millionen Euro sollen in einen „europäischen Kampfpanzer“ fließen. Für den Juristen und Ökonomen Prof. Markus C. Kerber ist das kein Aufbruch, sondern ein Rechtsbruch: Rüstung ist laut EU-Verträgen nationale Angelegenheit. Wenn die Kommission dennoch Geld verteilt, sei das ein klassischer Ultra-vires-Akt – also ein Machtgriff außerhalb ihrer Zuständigkeit.
Das eigentliche Motiv sieht Kerber woanders: Brüssel nutze die reale Unterrüstung Europas, um die eigene Macht auszubauen. Für die Sicherheit des Kontinents sei damit nichts gewonnen – im Gegenteil.
Frankreichs Großmannssucht – und Deutschlands Schweigen
Besonders hart geht Kerber mit Frankreich ins Gericht. Paris inszeniere sich als europäische Führungsmacht, während Deutschland finanziell die Hauptlast trage – etwa bei der Ukraine-Hilfe: Deutschland leiste rund fünfmal so viel wie Frankreich, sagt Kerber.
Emmanuel Macron organisiere „Koalitionen der Willigen“, während Berlin zahle – und schweige. Für Kerber ist das keine europäische Solidarität, sondern politische Inszenierung auf Kosten anderer.
Der „widerwillige Hegemon“ – Deutschlands verhängnisvolle Rolle
Ein britischer Historiker prägte einst den Begriff vom „widerwilligen Hegemon“ – einem Land, das wirtschaftlich dominiert, politisch aber jede Führungsrolle scheut. Genau das, so Kerber, sei heute Deutschlands Problem.
Deutschland habe die Mittel, die Partner und das Gewicht – verweigere aber den Gestaltungswillen. Diese Inkongruenz zwischen Leistung und Führung lähme nicht nur Berlin, sondern die gesamte Europäische Union.
Europa ohne Führung – abhängig von den USA
Die Folgen sind längst sichtbar. Ob Ukraine-Krieg oder Angriffe der Huthis im Roten Meer: Europa ist militärisch kaum handlungsfähig und auf die USA oder Israel angewiesen.
Aus Kerbers Analyse ergibt sich ein ernüchterndes Bild: Europa scheitert nicht an Ressourcen oder Industrie, sondern am fehlenden politischen Willen – insbesondere in Deutschland.
Vergangenheit als Blockade
Besonders brisant wird Kerber bei der deutschen Mentalität. Die Fixierung auf die Vergangenheit – insbesondere auf die Jahre 1933 bis 1945 – blockiere jede strategische Debatte.
„Geschehen ist geschehen“, sagt Kerber. Eine neue Generation könne ihre Politik nicht ewig an der Geschichte ausrichten. Ohne diesen Mentalitätswechsel bleibe Deutschland politisch gelähmt.
Systemkrise im Inneren
Hinzu komme eine wachsende innere Schwäche: ein fragmentiertes, erstarrtes Parteiensystem, ein geschwächter Kanzler, politische Verantwortungslosigkeit. Kerber spricht offen von einem Parteienregime in Deutschland, das Reformen verhindere – und schließt selbst eine Debatte über das Grundgesetz nicht aus.
Kerneuropa statt Illusionen
Kerbers Gegenentwurf: ein Kerneuropa handlungsfähiger Staaten – mit Deutschland, Österreich, Norwegen, Großbritannien. Nicht Brüssel, nicht die EU-Kommission, sondern nationale Regierungen müssten Europas Sicherheitsinteressen definieren und durchsetzen.
Europa scheitert nicht an Geld. Es scheitert an Führung. Und solange Deutschland sich weigert, Verantwortung zu übernehmen, droht der Kontinent ein Zuschauer seiner eigenen Krise zu bleiben.
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