Großbritannien diskutiert ein Wort, das lange als undenkbar galt: Bürgerkrieg. In einem Interview mit dem MirYam Institute zeichnete der frühere britische Oberst Richard Kemp ein düsteres Szenario: „Ich würde sogar so weit gehen, nicht nur Unruhen, sondern einen Bürgerkrieg im Vereinigten Königreich in den kommenden Jahren vorherzusagen.“ Und er fügte hinzu: „Ich würde es hassen, recht zu behalten.“

Bereits zuvor im Sommer hatte Kemp beim ungarischen Festival MCC Feszt gewarnt: Je länger sich die aktuelle Entwicklung fortsetze, desto heftiger würden die Unruhen. Gemeint sind aus seiner Sicht die anhaltende Masseneinwanderung, Islamisierung, Überlastung von Schulen, Spitälern und kommunalen Diensten, zunehmende Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen – sowie politische Führungsschwäche.

Dass Kemp diese Warnungen nun wiederholt, zeigt: Die Bürgerkriegs-Debatte ist kein Ausreißer – sie kehrt zurück.

„Ein physischer Bürgerkrieg – wie Nordirland, nur schlimmer“

Nun wurde Kemp noch konkreter. Er spricht ausdrücklich von realer Gewalt: „Ein physischer Bürgerkrieg – ein echter Bürgerkrieg, etwas, das eher Nordirland ähnelt, aber in viel intensiverem Ausmaß.“ Als mögliche Konfliktlinien nennt er ein Dreieck aus Teilen der einheimischen Bevölkerung, Teilen der Einwandererbevölkerung und dem Staat selbst.

Zugleich warnt er vor einer ideologischen Front im Inneren: einer faktischen Allianz aus radikaler Linker und islamistischen Extremisten, die nicht nur auf der Straße, sondern auch in Institutionen wirke – an Universitäten, in Schulen, in staatlichen Strukturen und internationalen Organisationen.  „Das ist weit heimtückischer als bloße Proteste auf der Straße.“ Zurzeit gehe der zentrale Mobilisierungsschub von den Gaza-Protesten aus, bei denen es in Wahrheit um etwas anderes gehe: „Was sie wirklich meinen, ist der Niedergang des Westens.“

Lehren aus Afghanistan und Kritik am politischen System

Mit Blick auf seine Afghanistan-Erfahrung warnt Kemp: Es habe mehr britische Muslime bei den Taliban gegeben als Muslime in der britischen Armee – für ihn ein Indiz für Radikalisierungspotenzial.

Ein fundamentales Problem sei: „Wir leben nicht wirklich in einer Demokratie. Egal, welche Partei man wählt – man bekommt dieselben politischen Maßnahmen.“ Die Menschen wollten ein Ende der illegalen Migration und entschiedene Gegenmaßnahmen, doch welche Partei sie auch wählen – die kommen nicht. Mehr noch: im Parlament säßen mittlerweile mehrere Abgeordnete mit islamistisch geprägter Gaza-Agenda – und es würden mehr werden. Die politische Führung verstehe die Bedrohungen, wisse aber nicht, was sie dagegen tun soll. Es gebe keine politische Lösung, „die unsere Politiker ergreifen werden.“ Doch wenn Bürger das Gefühl verlieren, dass Wahlen reale Konsequenzen haben, entsteht politischer Sprengstoff.

Der frühere Afghanistan-Kommandeur Richard Kemp: Er hält selbst einen „physischen Bürgerkrieg“ in Großbritannien für denkbar.GETTYIMAGES/Lucy North/PA

Musks Satz, der alles entzündete

Die Debatte eskalierte im Sommer 2024, als Tech-Milliardär Elon Musk nach gewaltsamen Ausschreitungen schrieb: „Bürgerkrieg ist unausweichlich.“

Die Reaktion folgte prompt: Premierminister Keir Starmer sprach von „unverantwortlicher Rhetorik“. Die Regierung betonte, es gebe keine bewaffneten Milizen, keine territoriale Spaltung, funktionierende Institutionen und stabile Sicherheitsstrukturen. Und: Straßenkrawalle seien kein Bürgerkrieg.

Doch eine Frage blieb: Warum verfängt ein solcher Satz? Warum löst er Nervosität aus – statt Schulterzucken?

Die Analyse von David Betz: „Der Kipppunkt ist überschritten“

Politisch weniger zugespitzt als Kemp argumentiert David Betz, gelangt aber teilweise zu ähnliche Ergebnissen. Der Professor für Kriegsstudien am King’s College London beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Aufständen und Bürgerkriegen. Seine Diagnose: Bürgerkrieg ist kein Phänomen gescheiterter Staaten. Entscheidend sind Polarisierung, Statusverlust-Ängste („Downgrading“) und schwindende Legitimität.

Seine Kernthese: „Ein Aufstand existiert, weil Menschen glauben, dass Veränderung innerhalb der bestehenden Spielregeln nicht mehr möglich ist.“ Solange Bürger an Wahlen und Institutionen glauben, bleibt ein System stabil. Wenn dieser Glaube erodiert, beginnt Radikalisierung. Betz formuliert es drastisch: Die verbreitetste politische Überzeugung im Westen sei heute nicht links oder rechts – sondern: „Wählen bringt nichts.“

Terrorismus als Strategie

Betz beschreibt Terrorismus als strategisches Kalkül: „Terrorismus bedeutet, ein paar Menschen zu töten, um den Staat dazu zu bringen, sehr viele Menschen zu töten – und dadurch seine eigene Legitimität zu zerstören.“

Legitimität ist ein Schlüsselbegriff seiner Analyse: Man erkennt sie daran, dass Regieren wenig kostet. Fehlt Legitimität, wird Regieren teuer – durch Überwachung, Repression und zunehmende gesellschaftliche Spannungen.

Die drei Warnleuchten

Betz nennt drei Indikatoren für wachsende Bürgerkriegsgefahr:

1) Polarer Fraktionalismus
Nicht mehr Debatte – Argument gegen Argument – entscheidet, sondern „Stamm gegen Stamm“: „Menschen unterdrücken ihre eigenen Überzeugungen zugunsten dessen, was sie für die Position ihres Stammes halten.“

2) Downgrading
Die Angst einer schrumpfenden Mehrheit, dauerhaft Status, kulturelle Dominanz oder politischen Einfluss zu verlieren.

3) Legitimitätsverlust
Wenn Wahlen als wirkungslos empfunden werden, wird Opposition zur Systemfrage.

Warum Wohlstand nicht schützt

Betz widerspricht dem Reflex, reiche Länder seien immun: „Konflikt entsteht nicht durch absolute Armut, sondern durch die Lücke zwischen Erwartung und Realität.“ Steigende Lebenshaltungskosten, stagnierende Löhne, unerschwinglicher Wohnraum – nicht Elend allein, sondern enttäuschte Erwartungen seien politischer Sprengstoff.

Sein hartes Urteil – und in diesem Punkt ist er sich mit Ex-General Richard Kemp einig:„Wir haben keine kompetente Elite.“ Er spricht von Überforderung, Elite-Defektion, „stillschweigendem Kündigen“ in Institutionen und einem Überangebot ambitionierter Aufstiegsaspiranten bei zu wenigen Machtpositionen. Sein Schlüsselsatz: „Wenn Sie eine wohlhabende Gesellschaft wollen – es ist nicht Öl oder Gold. Es ist Vertrauen.“

Die Gegenstimmen: Kein klassischer Bürgerkrieg in Sicht

Viele britische Sicherheitsexperten halten einen klassischen Bürgerkrieg weiterhin für sehr unwahrscheinlich. Es gebe keine Frontlinien, keine bewaffneten Lager, keine territoriale Abspaltung – und stabile Sicherheitsapparate. Doch selbst Skeptiker räumen ein: Die gesellschaftliche Spaltung ist real. Der Ton ist schärfer geworden. Vertrauen in Politik und Institutionen ist fragiler.

Die eigentliche Frage lautet vielleicht weniger: Steht Großbritannien vor einem Bürgerkrieg? Sondern: Wie viel Erosion kann eine Demokratie verkraften, bevor der Kipppunkt erreicht ist?