Kleine Gemeinden, große Probleme: Fusionen rücken ins Zentrum der Debatte
Österreichs Gemeinden geraten zunehmend unter finanziellen Druck – und damit gewinnt auch die Debatte über ihre Zukunft an Fahrt. Doch die Meinungen dazu könnten unterschiedlicher kaum sein. Für die einen sind sie ein notwendiger Schritt zu mehr Effizienz, für die anderen ein Eingriff in altbewährte Strukturen.
Der 1321 m hoch über dem Lechtal in Tirol gelegene Ort Gramais ist die kleinste selbständige Gemeinde in Österreich. Aufgenommen am 26. Juli 2013.GETTYIMAGES/ullstein bild
Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Ausgangslage deutlich: In Österreich leben durchschnittlich 4.300 Einwohner pro Gemeinde. Im Vergleich dazu liegt der EU-Durchschnitt bei rund 22.000 Einwohnern.
Noch größer wird der Abstand im internationalen Vergleich. In Schweden umfasst eine Gemeinde im Schnitt etwa 35.000 Einwohner, in Dänemark sogar rund 60.000.
Diese Struktur bringt Vorteile in der Nähe zu den Bürgern – aber auch erhebliche Herausforderungen in der Organisation und Finanzierung.
Begrenzte Einnahmen treffen auf steigende Ausgaben
Ein zentrales Problem liegt in der Finanzstruktur. Österreichische Gemeinden generieren nur rund 15 Prozent ihrer Budgets über eigene Steuern. Zum Vergleich: In Ländern wie Schweden oder Frankreich liegt dieser Anteil etwa dreimal so hoch. Im EU-Durchschnitt beträgt er rund 25 Prozent.
Gleichzeitig steigen die Ausgaben kontinuierlich – insbesondere durch Zuschüsse für das Gesundheitswesen und den Sozialbereich. Für viele Kommunen wird es dadurch immer schwieriger, ihre Aufgaben eigenständig zu bewältigen.
Fusionen als mögliche Lösung – aber selten umgesetzt
Trotz dieser Herausforderungen bleiben Gemeindefusionen in Österreich die Ausnahme. Zwar werden sie von Institutionen wie dem Landesrechnungshof regelmäßig angeregt, doch die tatsächliche Umsetzung ist selten. Dabei zeigen einzelne Beispiele, dass Zusammenschlüsse funktionieren können.
Beispiel Oberösterreich: Zusammenschluss mit praktischen Vorteilen
Ein konkreter Fall ist die Fusion von Schönegg mit Vorderweißenbach. Seit 2018 ist Schönegg offiziell ein Ortsteil der neuen Gemeinde – eine Zusammenlegung, die sogar über Bezirksgrenzen hinweg erfolgte.
Leopold Gartner, ehemaliger Bürgermeister von Vorderweißenbach, berichtet von positiven Erfahrungen. Herausforderungen wie die Anpassung von Kennzeichen oder Verwaltungsstrukturen seien lösbar gewesen. Zudem profitieren fusionierte Gemeinden häufig von zusätzlicher Unterstützung durch das jeweilige Bundesland – etwa bei Infrastrukturprojekten wie dem Bau eines Kindergartens.
Widerstand gegen Zusammenlegungen bleibt bestehen
Trotz solcher Beispiele bleibt die Skepsis in vielen Gemeinden groß. In Sonnberg im Mühlkreis trifft eine Fusion auf Ablehnung. Die Gemeinde ist seit 1920 eigenständig und zählt mehr als 1.100 Hauptwohnsitze.
Bürgermeister Leopold Eder betont die Vorteile kleiner Strukturen: die Nähe zu den Menschen, funktionierende Vereinsnetzwerke und gewachsene soziale Beziehungen. Jede Gemeinde sei individuell, und nicht überall sei eine Zusammenlegung sinnvoll.
Historische Reformen zeigen großes Einsparpotenzial
Die Debatte um Gemeindefusionen ist jedoch keineswegs neu. Bereits in den Jahrzehnten zwischen 1960 und 1970 wurden in mehreren Bundesländern tiefgreifende Strukturreformen umgesetzt: Im Jahr 1961 zählte Österreich noch 3.999 Gemeinden, 2013 waren es nur noch 2.357 und 2018 schließlich 2.098. Ein erheblicher Teil dieses Rückgangs ist auf die hohe Zahl an Gemeindefusionen in der Steiermark zurückzuführen.
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