Dunkler Raum, dramatische Musik, ein Vorspann wie aus einem Science-Fiction-Film: Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wird eine neue Social-Media-Plattform präsentiert – und die Inszenierung lässt keinen Zweifel an der Mission. „Etwas ist kaputt. Wir trauen nicht mehr dem, was wir online sehen“, gleitet über die Leinwand.

Die Bildsprache erinnert an den Vorspann der Star-Wars-Filme. Auch inhaltlich geht es um einen Kampf zwischen Gut und Böse – zwischen verantwortungsvollen Plattformen und jenen, denen vorgeworfen wird, Falschinformationen zu begünstigen. Der Washington-Post-Redakteur Ishaan Tharoor schreibt, dass „W“ der Verbreitung vermeintlicher Falschinformationen auf anderen Plattformen entgegenwirken soll.

„Values“ und „Verified“ – das steckt hinter dem Namen

Wie Apollo News berichtete, steht an der Spitze des Projekts Anna Zeiter, CEO der neuen Plattform. Gegenüber bilanz.ch erklärt sie die Bedeutung des Namens: Das „W“ stehe einerseits für „We“ – also „wir“. Zugleich setze es sich aus zwei „V“ zusammen. Das eine stehe für „Values“, das andere für „Verified“.

Die Stoßrichtung ist eindeutig. Inhalte sollen nicht nur technisch geprüft, sondern auch anhand von Wertvorstellungen bewertet werden. „Positive, respektvolle Kommunikation soll gefördert werden“, erklärt Zeiter. Eine kleine Gruppe soll überprüfen, ob diese Werte eingehalten werden. Wie diese Prüfung konkret ablaufen soll, bleibt offen.

Tochter eines Klima-Aktivismus-Netzwerks

„W“ ist keine unabhängige Neugründung aus dem Nichts. Die Plattform ist eine Tochtergesellschaft der schwedischen Klima-Aktivismus-Plattform „We don’t have time“. Wie bilanz.ch berichtet, stammt auch ein Großteil der Startfinanzierung von dieser Organisation.

Der Firmensitz soll in Schweden liegen. Gleichzeitig ist das Projekt international aufgestellt: Mitarbeiter sollen in Büros in Berlin, Paris und London arbeiten. Damit positioniert sich „W“ klar als europäisches Projekt – geografisch wie politisch.

Klarnamen statt Bots

Ein zentrales Element der Plattform ist die Identifizierung der Nutzer. Menschen sollen sich auf „W“ auch tatsächlich als Menschen ausweisen. Ziel ist es, Bots und Fake-Accounts zu verhindern. Wie genau diese Identifizierung technisch umgesetzt werden soll, ist derzeit noch nicht bekannt.

Klar ist jedoch: Die Plattform will sich an die europäischen Datenschutzgesetze halten. Das wird als Abgrenzung zu außereuropäischen Netzwerken verstanden, die immer wieder wegen Datenschutzfragen in der Kritik stehen.

Politische Unterstützung und prominenter Vorstand

Der politische Rückenwind für ein solches Projekt ist spürbar. Mehrere EU-Abgeordnete fordern seit Längerem, dass die Europäische Union eine Alternative zu X aufbauen oder unterstützen solle. In einem offenen Brief an die EU-Kommission, veröffentlicht von Table.Media, heißt es:
„Die Europäische Kommission und die europäischen Regierungen können diesen Ausbau unterstützen, indem sie private Initiativen finanzieren, die Innovationen im Bereich der europäischen sozialen Medien fördern.“

Auch personell setzt „W“ auf prominente Namen. Im Unternehmensvorstand sollen zwei ehemalige schwedische Minister vertreten sein. Dazu kommen der frühere deutsche Vizekanzler Philipp Rösler sowie die Vorsitzende des Club of Rome, Sandrine Dixson-Declève.

Anna Zeiter formuliert ein klares Ziel: „Wenn das politische Brüssel auf W postet statt auf X, haben wir schon viel gewonnen.“

Der Zeitplan ist ambitioniert. Im Sommer soll eine Beta-Version der Plattform online gehen. Ende des Jahres will das Unternehmen „W“ für alle Nutzer öffnen.