Spanien brennt. Bis zum 27. Juli wurden nach vorläufigen Zahlen des Umweltministeriums 172.396 Hektar Waldflächevon Feuern erfasst – fast sechsmal so viel wie zum selben Zeitpunkt 2025. Die Zahl der Großbrände über 500 Hektar stieg von elf auf 35. Allein der Brand von Burgohondo in Ávila hat rund 50.000 Hektar erfasst und gilt damit als größter einzelner Waldbrand Spaniens seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen.

Für Ministerpräsident Pedro Sánchez ist die Katastrophe vor allem Beleg für eine noch größere Krise. „Die Klimanotlage tötet“, erklärte der Sozialist am Montag. Die Brände seien nicht bloß einzelne Ereignisse, sondern Ausdruck einer Klimanotlage, die Feuer gefräßiger und Spanien verwundbarer mache. „Verneinung und Untätigkeit“ stellt Sánchez seinem geforderten nationalen Klimapakt gegenüber.

Tatsächlich können höhere Temperaturen Vegetation stärker austrocknen und schwere Feuer begünstigen. Aber erklärt das, warum ein Feuer entsteht und anschließend 50.000 Hektar erfasst? Möglicherweise gibt es auch andere Ursachen, und die könnte die Politik viel unmittelbarer beeinflussen als die globale Temperatur?

Los Angeles: Auch Biden zeigte aufs Klima

Die Debatte erinnert an die Brände von Los Angeles im Jänner 2025. Der damalige US-Präsident Joe Biden erklärte sie mit der Klimakrise: „Der Klimawandel ist real.“

Der theoretische Physiker Steven Koonin, einst Wissenschafts-Unterstaatssekretär unter Barack Obama, widersprach scharf. „Unsinn“, sagte er auf die Frage, ob die Erwärmung die Feuer verursacht habe. Für das Schadensausmaß seien Brennstoff, Vegetation, Bauweise und Vorbereitung viel entscheidender.

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Drei von vier Santa-Ana-Stürmen: kein Feuer

USGS-Feuerökologe Jon Keeley und seine Kollegen untersuchten die berüchtigten Santa-Ana-Windlagen Südkaliforniens über Jahrzehnte. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Bei mehr als 75 Prozent dieser Starkwindereignisse entstand überhaupt kein Feuer.

Bei den tatsächlich entstandenen Santa-Ana-Bränden waren dagegen 100 Prozent der Zündungen menschlichen Ursprungs. Die Zahl der Zündungen war in den Modellen sogar die stärkste untersuchte Variable für die verbrannte Fläche. In der jüngsten Untersuchungsperiode waren Defekte an Stromleitungen die dominierende Zündursache.

Das Wetter spielte ebenfalls eine Rolle. Eine weitere USGS-Studie zeigt: Bei Santa-Ana-Feuern war die Windgeschwindigkeit der stärkste Prädiktor für die Brandgröße, gefolgt von Dürre. Der Sammelbegriff „Klimawandel“ ersetzt diese Ursachen nicht.

Klimaforscher: LA hätte auch ohne Erwärmung extrem gebrannt

UCLA-Klimaforscher schätzten zwar, dass die vom Menschen verursachte Erwärmung ungefähr ein Viertel des außergewöhnlichen Feuchtigkeitsdefizits der Vegetation bei den LA-Bränden erklären könnte. Doch dieselben Wissenschaftler hielten ausdrücklich fest: Die Feuer wären auch ohne Klimawandel extrem gewesen.

Ihre Empfehlungen sind entsprechend konkret: menschliche Zündungen bei extremem Feuerwetter verhindern, Häuser feuerresistenter machen und Neubauten stärker auf Gebiete mit geringerem Brandrisiko konzentrieren.

Satelliten zeigen: Insgesamt brennt weniger Fläche

Auch die globalen Daten sind überraschender, als Bilder riesiger Feuer vermuten lassen. Eine große Science-Studie kam anhand von Satellitendaten für 1998 bis 2015 zu einem Rückgang der weltweit verbrannten Fläche um 24,3 Prozent. Hauptgrund waren weniger Feuer in Savannen und Graslandschaften infolge veränderter Landnutzung.

Eine andere Satellitenstudie stellte für 2003 bis 2023 eine deutliche Zunahme besonders extremer Feuerereignisse fest. Beides kann gleichzeitig stimmen: Weltweit verbrennt weniger Fläche – besonders extreme Waldbrände können trotzdem problematischer werden.

Spanien selbst widerlegt die simple Gleichung

Noch interessanter ist eine Langzeitstudie für Spanien. Forscher analysierten die Jahre 1980 bis 2013. In diesem Zeitraum gingen die Zahl der Feuer, die verbrannte Fläche, die durchschnittliche Brandgröße und sogar die Größe der größten Feuer zurück. Und das, obwohl gleichzeitig der sommerliche Fire Weather Index, die Waldfläche und weitere Risikofaktoren zunahmen.

Parallel wurden die Mittel für die Brandbekämpfung erheblich ausgebaut, besonders in der Luft. Der Befund ist entscheidend: Steigende klimatische Brandgefahr führt nicht zwangsläufig zu mehr Bränden oder mehr verbrannter Fläche. Menschliche Entscheidungen können Risiken verschärfen – oder erheblich abfedern.

Ávila: Funken trotz Maschinenverbot

Damit zurück zum größten aktuellen Feuer Spaniens. Hier kennen Ermittler eine sehr konkrete mutmaßliche Zündursache.

Die Guardia Civil nahm einen Mann fest und ermittelt gegen einen weiteren. Laut Seprona sollen bei Arbeiten mit schwerem Gerät Funken entstanden sein, die den Brand auslösten. Besonders brisant: Der Betrieb entsprechender Maschinen war wegen der extremen Waldbrandgefahr ausdrücklich verboten.

Den Männern fehlte laut Ermittlern zudem die erforderliche Genehmigung. Vorgeschriebene Löschmittel seien ebenfalls nicht vorhanden gewesen. Die Guardia Civil spricht von grober Fahrlässigkeit. Der Klimawandel hat diese Funken nicht erzeugt.

Doch die Funken erklären noch keine 50.000 verbrannten Hektar.

Wie werden aus Funken 50.000 Hektar?

Die Regionalregierung nennt konkrete Verstärker. Das Feuer wurde massiv vom Wind getrieben. Böen erreichten bis zu 50 km/h. Zeitweise bewegte sich die Feuerfront mit fast vier Kilometern pro Stunde.

Dazu kamen schwieriges Gelände und schwer erreichbare Bereiche. Nachdem Einsatzkräfte das Feuer teilweise eingedämmt hatten, ließ starker Wind den Brand erneut anwachsen.

Starker Wind ist zunächst Wetter, kein Beweis für Klimawandel. Ob gerade dieses Ereignis durch die menschliche Erwärmung wahrscheinlicher oder stärker wurde, könnte nur eine entsprechende Attributionsstudie zeigen. Für Burgohondo liegt eine solche bislang nicht vor.

Noch wichtiger: Ein weiterer entscheidender Faktor liegt direkt auf dem Boden.

Forstexperte: Landflucht ist die „wichtigste Ursache“

Eduardo Tolosana, Dekan des spanischen Verbandes der Forstingenieure, hält den Klimawandel für relevant. Er verweist auf ein feuchtes Frühjahr mit starkem Pflanzenwachstum, danach Dürre und frühe Hitzewellen.

Doch als strukturell „wichtigste Ursache“ für das Brandproblem nennt er die Aufgabe des ländlichen Raums. Denn dadurch wächst die Brennstoffmenge.

Tolosana beschreibt ein Paradox: Selbst wenn es weniger Brände und weniger Zündungen gibt, kann ein wachsender Teil zu kaum bekämpfbaren Großbränden werden. Seine Forderung: Spanien müsse seine Investitionen in die Prävention verzehnfachen.

Arantza Pérez Oleaga, Vizedekanin desselben Berufsverbandes, formuliert es noch drastischer. Spanien habe den Feuern den verfügbaren Brennstoff praktisch „auf dem Silbertablett“ serviert. Viele Wälder seien aufgegeben. Ganzjährige Investitionen hätten den Feuerwehren bessere Ausgangsbedingungen verschafft.

Leere Dörfer, mehr Brennstoff

Auch die Regionalregierung von Castilla y León beschreibt in ihrem eigenen Waldbrandplan, wie diese Entwicklung funktioniert.

Traditionelle Wald- und Landwirtschaftsnutzung gehe zurück. Weniger produktive Äcker werden aufgegeben. Die Waldfläche wächst. Dadurch nimmt nicht nur die Menge des Brennstoffs zu. Die Vegetation wird auch zusammenhängender.

Der Plan nennt überdies ausdrücklich: Landflucht, fehlenden Generationenwechsel und Alterung der Bevölkerung.

Die Folgen zeigen sich anschaulich im Wandel der Landschaft: Früher wechselten sich Äcker, Weiden, Olivenhaine, Waldstücke und Dörfer ab. Nach Jahrzehnten der Aufgabe breiten sich dagegen zunehmend Buschland und Wald über ehemals bewirtschaftete Flächen aus. Dadurch entsteht eine immer geschlossenere Vegetationsdecke – und damit mehr zusammenhängender Brennstoff für ein Feuer.

Bauern mähen und ernten. Schafe und Ziegen fressen Gras und Büsche. Damit beseitigen sie nebenbei Brennstoff. Verschwinden sie, verschwinden auch Unterbrechungen, die ein Feuer bremsen können.

92 Prozent menschliche Ursachen

Der Waldbrandplan von Castilla y León enthält weitere bemerkenswerte Zahlen. Im dort untersuchten Zehnjahreszeitraum waren fast 92 Prozent der Waldbrände menschlichen Ursprungs. 38 Prozent standen mit land- oder viehwirtschaftlicher Tätigkeit in Verbindung – durch Unfälle, Fahrlässigkeit oder absichtliche Feuer. Der Anteil absichtlich verursachter Brände lag bei 55 Prozent.

Die historischen Daten zeigen, wie groß der menschliche Anteil traditionell ist.

Burgohondo war als Hochrisikogebiet bekannt

Auch die Gefährdung rund um Burgohondo war der Regionalregierung bekannt. Der offizielle Plan weist dort 172,5 Hektar Wald-Siedlungs-Schnittstelle der höchsten Risikokategorie AR1 aus. Auch mehrere Straßen rund um den Ort werden als Verbindungen in Hochrisikozonen geführt.

Man wusste, dass dieses Gebiet gefährdet ist. Das wirft brisante Fragen auf: Was wurde mit diesem Wissen gemacht? Welche Brennstoffflächen wurden behandelt? Welche Wege und Wasserstellen instand gehalten? Welche Maßnahmen waren bis Juli tatsächlich umgesetzt?

Warnung schon vier Monate vor dem Feuer

Bereits im März demonstrierten Waldbrandbeschäftigte in Ávila für stärkere Professionalisierung und vor allem ganzjährige Präventionsarbeit. Sie warnten, manche gefährdeten Ortschaften verfügten nicht über ausreichendes Waldmanagement und genügend Infrastruktur.

Waldbrandforscher Fernando Pulido, Professor an der Universität Extremadura, urteilt noch drastischer: „In Spanien wird kaum Prävention betrieben.“ Er kritisiert, viel Geld werde erst mobilisiert, wenn es bereits brenne, statt ganzjährig die Landschaft zu pflegen.

Regionen sind verantwortlich

Waldbrandprävention und -bekämpfung liegen in Spanien wesentlich bei den autonomen Regionen. Für Burgohondo ist zunächst die Region Castilla y León verantwortlich.

Sollten sich Versäumnisse bei der Waldpflege herausstellen, wären sie daher nicht automatisch Sánchez anzulasten.

Doch statt großer Klima-Erzählung fordern Regierung vor allem konkrete Waldbrandpolitik.

Und die fordert Regierungen aller Parteien.

Opposition: Klima als „Mantra“

Die Opposition greift Sánchez’ Klimafokus in der Zwischenzeit frontal an. Ester Muñoz, Sprecherin der oppositionellen Volkspartei PP, bezeichnete den Klimawandel als „Mantra“, mit dem die Linke vermeiden wolle, über schlechtes Regierungshandeln und unterlassene Maßnahmen zu sprechen.

Madrids Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso wirft Sánchez vor, mit seinem Klimapakt Lösungen mit dem „breiten Pinsel“ anzubieten.

Vox spricht noch schärfer von einer „Ausrede“, mit der Verantwortung für Landbewirtschaftung und Katastrophenvorsorge abgeschoben werde.

Was Klimapolitik kann – und was nicht

Nun können sinkende weltweite Treibhausgasemissionen tatsächlich die zusätzliche zukünftige Erwärmung begrenzen und damit auch verhindern, dass bestimmte Brandrisiken noch weiter steigen. Doch selbst erfolgreiche Klimapolitik beseitigt das vorhandene Risiko nicht.

Spanische Emissionssenkungen verhindern keinen illegalen Maschineneinsatz. Sie entfernen kein Gestrüpp, bringen keinen Schäfer zurück und bauen keinen Forstweg. Das erfordert Anpassung und Prävention.

Ein kontrolliertes Maschinenverbot kann eine Zündung sofort verhindern. Brennstoffmanagement kann schon beim nächsten Feuer helfen. Landwirtschaft und Beweidung verändern die Landschaft direkt.

Wo der Klima-Hype zum Problem wird

Der Klimawandel kann schwere Waldbrände begünstigen. Aber er erklärt nicht jeden Funken – und schon gar nicht jedes Glied der Kette, die daraus eine 50.000-Hektar-Katastrophe macht.

Beim Rekordfeuer von Ávila führt die Zündspur zu einem verbotenen Maschineneinsatz. Wind trieb die Flammen. Landflucht ließ Brennstoff zusammenwachsen. Experten beklagen mangelnde Prävention. Und die Region wusste, dass Burgohondo Hochrisikogebiet ist.

Doch Klimapopulismus macht aus dem Klima die politische Gesamterklärung – und lässt jene Ursachen in den Hintergrund geraten, gegen die Politik heute und vor Ort sofort etwas tun könnte.