Die Corona-Pandemie ist vorbei – ihre politischen Folgen sind es nicht. In Deutschland began mit der Enquete-Kommission die Aufarbeitung einer Politik, die lange als alternativlos galt. Im Zentrum steht dabei auch Karl Lauterbach – und die Frage, ob zentrale Entscheidungen auf Annahmen beruhten, die später selbst von ihren Befürwortern relativiert wurden. Ein Blick nach Österreich zeigt, dass viele dieser Widersprüche nicht nur bestehen, sondern bis heute kaum aufgearbeitet sind.

Die Enquete-Kommission als Ausgangspunkt der Aufarbeitung

Genau deshalb lohnt der Blick auf die deutsche Corona-Enquete-Kommission. Dieses Gremium des Bundestags wurde im September 2025 eingesetzt und soll die Pandemiepolitik systematisch aufarbeiten: die Belastbarkeit des Gesundheitssystems, die Impfstrategie, die Forschung, die Folgen der Maßnahmen und die Lehren für künftige Krisen. Vorsitzende ist die CDU-Abgeordnete Franziska Hoppermann. Bei einer öffentlichen Anhörung der Corona-Enquete-Kommission am 19. März 2026 kam zu einem offenen Schlagabtausch über die Impfpolitik der Bundesregierung und die Rolle Karl Lauterbachs.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit

Der deutsche Streit ist für Österreich deshalb so interessant, weil er einen Widerspruch freilegt, der auch hierzulande nie sauber aufgearbeitet wurde. Jahrelang war die politische Kommunikation von moralischer Gewissheit geprägt: Impfen galt nicht nur als Eigenschutz, sondern als staatsbürgerliche Pflicht, als Solidaritätsbeweis, als Weg zurück in die Normalität. Später wurde vieles relativiert, manches still zurückgenommen, anderes gar nicht mehr erklärt.

Denn Österreich war kein milderer, sondern eher der schärfere Fall. Am 15. November 2021 trat der bundesweite Lockdown für Ungeimpfte in Kraft. Die Bundesregierung begründete ihn offen mit der niedrigen Impfquote; Kanzler Alexander Schallenberg erklärte damals, Weihnachten werde für Ungeimpfte „ungemütlich“. Nur eine Woche später folgte der allgemeine Lockdown für alle, doch die besondere Hervorhebung der Ungeimpften blieb politisch und gesellschaftlich bestehen. Formell endete der Lockdown für Ungeimpfte mit 12. Dezember 2021, der Eindruck eines Staates, der eine klar benennbare Gruppe zum Problemfall erklärt hatte, wirkte weit darüber hinaus.

Mit der 3G-Pflicht am Arbeitsplatz ab November 2021 griff der Staat direkt in den Alltag vieler Menschen ein, da ohne Nachweis kein Zutritt zur Arbeit möglich war – für viele ein prägender Moment der Entfremdung. Den Höhepunkt bildete die allgemeine Impfpflicht, die Anfang Februar 2022 in Kraft trat und Österreich zu einem der strengsten Länder Europas machte. Nur wenige Wochen später wurde sie jedoch ausgesetzt und schließlich aufgehoben.

Die Enquete als politisches Konfliktfeld

In Deutschland wird dieser Konflikt von politischen Maßnahmen, Entscheidungsprozesse und gesellschaftlichen Auswirkungen nun in der Corona-Enquete verhandelt. Bei der Anhörung vom 19. März 2026 traf Karl Lauterbach auf scharfe Kritik an der Impfpolitik und ihrer Kommunikation. Die Kommission soll Lehren für künftige Pandemien ziehen und wird dadurch zwangsläufig auch zum Schauplatz einer verspäteten politischen Auseinandersetzung über das, was damals behauptet, versprochen und durchgesetzt wurde. In einem aktuellen Bericht des Cicero wird dieser Konflikt deutlich.

Lauterbachs anhaltende Widersprüchlichkeit

Die eigentliche Sprengkraft der aktuellen Aufarbeitung liegt jedoch in einer Reihe von Widersprüchen, die sich rückblickend kaum auflösen lassen. So wurde die Impfkampagne politisch über lange Zeit nicht nur als Eigenschutz, sondern vor allem als Schutz anderer dargestellt. Genau dieses Argument gerät ins Wanken, als Karl Lauterbach in der Corona-Enquete einräumt, dass der sogenannte Fremdschutz spätestens mit der Omikron-Variante weitgehend weggefallen sei. Dennoch blieben Maßnahmen wie 2G-Regeln oder die einrichtungsbezogene Impfpflicht weiterhin in Kraft.

Auch bei der Bewertung des Pandemieverlaufs zeigen sich Brüche. Während politisch wiederholt betont wird, Deutschland sei insgesamt gut durch die Krise gekommen, fällt gleichzeitig auf, dass die Sterblichkeit erst ab einem späten Zeitpunkt der Pandemie deutlich anstieg – also in einer Phase, in der bereits umfangreiche Impfprogramme liefen.

Hinzu kommt, dass Hinweise auf Infektionen trotz Impfung vergleichsweise früh vorlagen. Bereits mit der Delta-Variante wurde sichtbar, dass sogenannte Impfdurchbrüche keine Ausnahme blieben. Dennoch wurde die Impfung weiterhin als zentrales Instrument zur Kontrolle des Infektionsgeschehens kommuniziert, ohne diese Einschränkungen in gleicher Deutlichkeit zu berücksichtigen.

Schließlich stellt sich auch die Frage nach dem Umgang mit vorhandenem Wissen. Berichte aus der Praxis – etwa aus Pflegeeinrichtungen mit hoher Impfquote und dennoch umfangreichen Ausbrüchen – deuteten früh darauf hin, dass der Schutz vor Weitergabe des Virus begrenzt war. Politische Konsequenzen daraus blieben jedoch aus oder wurden zumindest nicht transparent gemacht.

In der Gesamtschau ergibt sich daraus weniger ein einzelner Fehler als vielmehr ein strukturelles Problem: politische Festlegungen, die unter großem Zeitdruck getroffen wurden, wurden später nur zögerlich an neue Erkenntnisse angepasst. Für viele Menschen ist genau dieser Eindruck entscheidend – ein Gefühl, dass zwischen Kommunikation, Entscheidungsgrundlage und Realität eine wachsende Lücke entstand.

Offene Fragen des Rechtsstaats

Die offene Frage ist damit nicht mehr, ob Fehler gemacht wurden – sondern wie mit ihnen umgegangen wird. In Deutschland versucht die Corona-Enquete zumindest, zentrale Entscheidungen und ihre Folgen nachträglich zu beleuchten. Doch selbst dort bleibt umstritten, wie weit diese Aufarbeitung tatsächlich reicht.

Juristen wie Ulrike Gierhake und Volker Boehme-Neßler verwiesen in ihrer Forderung nach dieser Enquete nicht nur auf die politische Aufarbeitung, sondern viel mehr auf die rechtsstaatlichen Fragen wie Grundrechtseingriffe, Verhältnismäßigkeit und die Rolle staatlicher Institutionen. Spätestens mit den RKI-Files steht im Raum, dass zentrale Entscheidungen auf Einschätzungen beruhten, die nicht ausschließlich wissenschaftlich, sondern auch politisch geprägt waren.

In Österreich fehlt ein vergleichbarer Rahmen bislang. Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss blieben ohne Mehrheit, eine umfassende nationale Aufarbeitung steht bis dato aus.