Mehr als dreitausend Menschen haben am Samstag an einem von rechten Gruppen organisierten Marsch teilgenommen, nachdem der nationalistische Aktivist Quentin Deranque in Lyon Opfer einer linken Prügelattacke geworden war. Als er die rechte Feministengruppe Collectif Némésis bei einer Demonstration gegen den Auftritt von Rima Hassan schützen wollte, einer Europaabgeordneten der linksextremen Partei La France Insoumise (LFI), wurde er gemeinsam mit zwei weiteren Personen zusammengeschlagen und getreten.

Ein Fall mit langer Tragweite?

Deranque verstarb aufgrund seiner schweren Hirnverletzungen zwei Tage später im Krankenhaus– ein Vorfall, der das Klima tiefgreifender politischer Spannungen im Vorfeld der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr verdeutlicht, allerdings auch schon kurzfristig Konsequenzen mit sich bringen könnte. Das französische Linksbündnis bricht auseinander, während die Rechte langfristig auf mehr Anschlussfähigkeit hofft.

Im Fokus steht die französische Linke: Nach dem Mord an Quentin wurden elf Männer festgenommen, einige wegen Totschlags und Beihilfe angeklagt. Besonders brisant: Drei der Täter sind oder waren Mitarbeiter des linken LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault, viele gehören der linksextremen Schlägertruppe „Jeune Garde“, übersetzt „junge Garde“, an, die der Abgeordnete 2018 selbst mitgründete. Nicht nur Arnault, sondern auch Parteiführer Jean-Luc Mélenchon stehen deshalb scharf in der Kritik.

Die Gruppe wurde eigentlich bereits im vergangenen Sommer verboten und aufgelöst, personelle Verbindungen in Politik und linksextremes Milieu blieben jedoch bestehen.

Solidaritätswelle fordert „Justice Pour Quentin“

In Frankreich hat der Fall unter Rechten eine Welle der Solidarität ausgelöst. In mehreren französischen Städten hatte es schon vor dem gestrigen Tag Solidaritätsveranstaltungen für den rechten Aktivisten gegeben, verbunden mit der Parole Justice Pour Quentin. Nur in Rennes formierte die Antifa ein größeres Gegenaufgebot, mit im Gepäck hatte man ein Transparent mit der Aufschrift: „Wir trauern nicht um Nazis“. Auch dort blieb es allerdings friedlich, die Polizei trennte beide Lager vorsorglich.

In Lyon sorgte die Polizei mit einem Großaufgebot ebenfalls dafür, dass es erst gar nicht zu größeren Ausschreitungen kommen konnte. Hunderte Polizisten waren im Einsatz, man hatte mit möglichen Ausschreitungen gerechnet. Zwar versuchten Linke immer wieder, den Marsch von außen zu stören, die Polizei reagierte jedoch schnell und verbannte die Störer aus dem Demonstrationsumfeld. Zuvor hatten sich auch die Demo-Organisatoren eine „friedliche Gedenkveranstaltung“ gewünscht.

Auf politische Symbolik oder Vermummungsmaterial verzichtete man daher, erlaubt waren lediglich französische Flaggen, die Teilnehmer vereinzelt auch mitführten. Obwohl es friedlich blieb, richtete man dennoch eindeutige Botschaften und Schuldzuweisungen an den politischen Gegner. Immer wieder skandierte man: „Antifa assassins, LFI complices“, übersetzt „Antifas sind Attentäter, LFI ihre Komplizen“.

Der Demonstrationszug konnte sich seinen Weg daher ohne Zwischenfälle bahnen, beginnend am Place Jean Jaurès in der Lyoner Innenstadt. Alt und Jung waren zusammengekommen, um Deranque zu gedenken, radikale und weniger radikale, Männer und Frauen. Viele von ihnen trugen Aufkleber mit dem Konterfei des Identitären oder hielten Schilder damit in die Höhe.

Die Linke zerbricht

Der französische Präsident Emmanuel Macron rief im Vorfeld der Gedenkveranstaltung zur Besonnenheit auf. „Dies ist ein Moment des Gedenkens und des Respekts für diesen jungen Landsmann, der getötet wurde, für seine Familie und seine Angehörigen. Das muss an erster Stelle stehen. Und danach ist es ein Moment der Entschlossenheit und der Verantwortung“, sagte Macron.

Gleichzeitig kündigte er für die kommende Woche weitere Schritte an. Er wolle sich mit seinen Ministern treffen, um politische Gruppen auf möglichen Extremismus zu prüfen – unabhängig des Lagers.

Für die politische Linke ist der Tod von Quentin einschneidend. Hatte man über lange Zeit versucht, sich trotz Differenzen als politische Einheit zu formieren, bröckelt das Bündnis nun – ausgerechnet vor den Kommunalwahlen in wenigen Wochen.

Der ehemalige Präsident François Hollande schloss ein Bündnis mit dem LFI auf kommunaler Ebene bereits aus, ebenso Raphaël Glucksmann, Europaabgeordneter der Mitte-Links-Partei „Place public“. Am Montag sagte er RTL Radio, „es sei undenkbar, dass die Linke auch nur den geringsten Zweifel daran lässt, ob sie für 2027 ein Bündnis mit LFI eingeht“.

Der Rechten in Frankreich könnte der Fall im Gegensatz dazu politischen Aufschwung bringen – und sie langfristig anschlussfähig machen. Verhinderte das bisher der „Cordon sanitaire“, das französische Pendant zur Brandmauer, wird nun diskutiert, ob man die Unvereinbarkeitsvereinbarung nicht andersherum auf Linksaußen anwenden sollte. Jahrelang verweigerte man die Zusammenarbeit mit dem Rassemblement National, nun könnte das LFI folgen.

Parteichef Jordan Bardella positionierte sich bereits gegen seine Gegner: „Ich fordere die Bildung eines echten ‚Cordon sanitaire‘, um La France Insoumise zu isolieren und sie aus den Institutionen fernzuhalten, sei es in der Nationalversammlung, wo ihre Abgeordneten in zahlreichen Gremien sitzen, oder im Hinblick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen“, sagte Bardella gegenüber CNews.

Für die französische Rechte ergibt sich damit eine historische Chance. Gegenüber zunehmend radikalisierteren Linken kann man sich als neue, friedfertige Kraft formieren, die nicht mehr vom fremdenfeindlichen Erbe von Parteigründer Jean-Marie Le Pen heruntergezogen wird.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NiUS erschienen.