Ein EU-Beamter wird in diesem Zusammenhang zitiert: Kallas klage über den Führungsstil der Präsidentin, habe dem jedoch „wenig oder nichts entgegenzusetzen“. Der Satz trifft den Kern: Es geht nicht nur um Temperamente, sondern um Machtverhältnisse.

Wie Apollo News berichtete, bewerten Beobachter das Verhältnis zwischen von der Leyen und Kallas als das angespannteste seit der Einrichtung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) im Jahr 2010. Schon unter Kallas’ Vorgänger Josep Borrell sei das Verhältnis schwierig gewesen – jetzt heiße es aus EU-Kreisen, es sei „noch schlechter“.

Der alte EU-Klassiker: Wer darf was – und wer bestimmt wirklich?

Im Zentrum stehen Zuständigkeiten und institutioneller Einfluss. Ein besonders heikler Einschnitt: Die Kommission entzog Kallas im vergangenen Jahr den Bereich Mittelmeer. Gleichzeitig entstand eine neue Generaldirektion für Nahost, Nordafrika und den Golf, die direkt der Kommission unterstellt ist. Botschaft: Außenpolitik ja – aber bitte unter enger Handführung.

Parallel dazu ist eine personelle Verkleinerung des EAD geplant. Für den Auswärtigen Dienst ist das nicht nur ein Sparsignal, sondern eine Verschiebung von Gewicht und Handlungsspielraum. Genau an dieser Stelle wird der Konflikt strukturell: Wer Personal kontrolliert, kontrolliert Kapazitäten – und damit Einfluss.

Selmayr als Zündholz: Personalpolitik trifft Machtpolitik

Kallas versuchte gegenzusteuern und setzte auf einen machtpolitisch ungewöhnlichen Hebel: die Ernennung von Martin Selmayr als Vizedirektor des EAD. Doch das Vorhaben stieß auf Widerstand im Umfeld von der Leyens. In Brüssel gilt Personalpolitik oft als die ehrlichste Form von Politik – und genau deshalb knallt es dort am lautesten.

Kallas’ Handicap: Herkunft, Partei, Rückhalt

Erschwerend kommt hinzu, dass Kallas aus Estland stammt und ihre liberale Partei nur begrenzten Rückhalt in der europäischen Machtarchitektur hat. Genau das mache sie anfälliger für politischen Druck als ihr sozialdemokratischer Vorgänger aus Spanien. In der EU zählen nicht nur Titel, sondern auch Netzwerke, Fraktionsstärke und das Gewicht der eigenen politischen Familie.

Der Streit wird sichtbar: Nein zum EU-Nachrichtendienst

Der Konflikt blieb nicht hinter Türen. Öffentlich trat er zutage, als Kallas von der Leyens Pläne für einen EU-eigenen Nachrichtendienst ablehnte. Offiziell führte Kallas Effizienz- und Budgetfragen ins Treffen. Hinter den Kulissen stand jedoch das Machtgefüge im Mittelpunkt: Wer sammelt Informationen? Wer bewertet sie? Und wer sitzt am Ende am Schalthebel?

O’Reillys Vorwürfe: Transparenz, „Consiglieri“ – und Pfizergate

Zusätzliche Brisanz bekommt die Lage durch frühere Kritik an von der Leyens Amtsführung. Ex-EU-Ombudsfrau Emily O’Reilly äußerte sich in einem Interview kritisch über mangelnde Transparenz und ein Einflussnetzwerk „mächtiger Consiglieri“.

Besonders scharf bewertete sie den sogenannten „Pfizergate“-Komplex: SMS, die von der Leyen und Pfizer-Chef Albert Bourla austauschten und bei denen es um die milliardenschwere Corona-Impfstoffbeschaffung gegangen sein soll, sind spurlos „verschwunden“. Das Thema ist politisch toxisch – weil es nicht nur um Inhalt geht, sondern um Nachvollziehbarkeit, Aktenlage und Vertrauen in Entscheidungswege.