Davos ist vieles: Machtzentrum, Eliten-Treffpunkt, Bühne für große Worte. Ein Ort für Sonnenbrillen im Kongresssaal ist es eigentlich nicht. Umso größer das Staunen, als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos plötzlich mit Sonnenbrille auftauchte – mitten im Saal, vor laufenden Kameras. Der Auftritt erinnerte eher an die Blues Brothers als an klassische Davos-Diplomatie.

Die Erklärung ist allerdings deutlich weniger rockig, als viele vermuten würden.

Kein Statement, keine Inszenierung – ein medizinischer Grund

Wie mittlerweile auch Macron selbst bestätigte, leidet er seit einiger Zeit an einer Augenverletzung, konkret an einem geplatzten Blutgefäß. Das sei harmlos, sehe aber unschön aus und gehe mit Lichtempfindlichkeit einher. Deshalb müsse er die Sonnenbrille „eine Weile“ tragen.

Emmanuel Macron schüttelt vor einem bilateralen Treffen in Davos dem Schweizer Präsidenten Guy Parmelin die Hand.APA/AFP/POOL/LAURENT GILLIERON

Wörtlich sagte der Präsident sinngemäß, man müsse ihn in dieser Zeit eben „so ertragen“. Ein seltener Moment von Selbstironie…

Gesprächsstoff trotz banaler Ursache

Dass Macron die Sonnenbrille dennoch auch im Inneren des Kongresszentrums trug, sorgte für Gesprächsstoff. In Davos, wo jedes Detail gedeutet wird, bleibt selbst ein medizinisches Hilfsmittel nicht ohne Symbolkraft.

Macron behielt die Brille auch, als er in der ersten Reihe Platz nahm und zahlreichen internationalen Entscheidungsträgern die Hand schüttelte. Vorgestellt wurde er schließlich von Larry Fink, dem Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock.

Lob für Macrons Wirtschaftspolitik

Fink nutzte die Gelegenheit für ein politisches Lob. Die wirtschaftspolitische Debatte in Frankreich habe sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Heute herrsche ein breiter Konsens darüber, dass wirtschaftliches Wachstum zentral sei – ein Wandel, den er maßgeblich Macron zuschreibt.

Emmanuel Macron im Gespräch mit BlackRock-Chef Larry Fink – beim Weltwirtschaftsforum (WEF).APA/AFP/Fabrice COFFRINI

Besonders bemerkenswert war sein historischer Vergleich: Kein französischer Präsident habe sein Land seit dem Zweiten Weltkrieg in einer derart entscheidenden Phase geführt.

Applaus in Davos – Augenrollen daheim

Während Davos applaudiert, rollt man daheim nur noch das Auge. Macrons Zustimmungswerte sind seit Längerem niedrig – zuletzt trauten ihm laut Umfrage nur 25 Prozent zu, „gute Politik“ zu machen. Kritiker halten ihm vor, mehr Pathos als Nähe zu liefern.

In Davos sprach Macron über wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, geopolitische Herausforderungen und die Rolle Europas in einer sich rasch verändernden Weltordnung. Zumindest inhaltlich blieb die Sonnenbrille Nebensache – doch sie reichte aus, um weltweit Schlagzeilen zu produzieren.