Tagaus, tagein steigen Menschen an der U3-Station Rochusgasse aus. Ihr Ziel kann das Café Benedikt, der Billa Plus, die Postfiliale oder ein Gottesdienst in der Rochuskirche sein. Einige von ihnen könnten dennoch in der Besucherstatistik des Rochusmarkts gelandet sein – obwohl sie den Markt gar nicht besucht haben. Das legen interne Unterlagen nahe, die dem exxpress zugespielt wurden.
Es handelt sich um eine Schulungsunterlage des Marktamts zur „Frequenzzählung auf den Wiener Märkten 2026“. Demnach wird eine Person erfasst, sobald sie eine fiktive Zähllinie überschreitet – wohin auch immer sie nachher gehen mag…
Kommt dieselbe Person später zurück und passiert die Linie erneut, wird sie nochmals gezählt. Die Unterlage nennt das ausdrücklich „Doppelzählung“.

696.167 Menschen pro Woche
Das steht in auffälligem Kontrast zur öffentlichen Darstellung der Stadt Wien. Von Passanten, die dieselbe Linie mehrfach überschreiten oder womöglich gar nicht auf den Markt gehen, ist dort nämlich nicht die Rede.
„Bei der jährlichen Besucherinnenfrequenzzählung wurden im Mai 2026 pro Woche 696.167 Menschen gezählt“, heißt es in der Aussendung. „Hochgerechnet auf das Jahr ergibt dies ca. 36,2 Mio. Kundinnen auf Wiens Märkten. Das entspricht einer Steigerung von 10,4 % gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.“
Am beliebtesten seien der Brunnenmarkt und der Naschmarkt mit jeweils 110.000 Besuchern pro Woche. Allein auf dem Dach des Marktraums würden sich zu Spitzenzeiten mehr als 2.500 Menschen pro Stunde aufhalten.

Aus Passanten werden Besucher
Im internen Papier klingt das anders. Es trägt den Titel „Besucher*innen auf den Wiener Märkten – Frequenzzählung 2026“ und erklärt den Mitarbeitern genau, was sie erfassen sollen.
Dort heißt es: „Gezählt werden Passant*innen, welche eine fiktive Zähllinie überschreiten.“ Und weiter: „Als Passantin gilt eine Person, die als Fußgängerin unterwegs ist und die Zähllinie überschreitet.“ Dass die betreffende Person den Markt tatsächlich besucht, wird nicht vorausgesetzt. Entscheidend ist allein das Überschreiten der Linie.
Zähllinie vor der U-Bahn
Dass nicht jede gezählte Person zwangsläufig ein Marktbesucher ist, legen mehrere eingezeichnete Messstellen nahe. Beim Rochusmarkt liegt die Zähllinie unmittelbar im Bereich des Zugangs zur U-Bahn-Station Rochusgasse. Dort gehen nicht nur Marktkunden vorbei, sondern auch U-Bahn-Fahrgäste und andere Passanten.
Auch hier ist eindeutig: Die interne Anleitung unterscheidet nicht nach dem Ziel einer Person. Gezählt wird, wer die Linie zu Fuß überschreitet. Ob reine U-Bahn-Nutzer später aus der Marktstatistik herausgerechnet werden, geht aus dem Papier nicht hervor.

Beim Meiselmarkt ist die Zähllinie unmittelbar im Bereich von Rolltreppen eingezeichnet. Auch dort bleibt unklar, wie allgemeiner Durchgangsverkehr von tatsächlichen Marktbesuchen unterschieden wird.
Doch das ist nicht alles.

Ein Mensch, mehrere Treffer
Aus der internen Anleitung steht darüber hinaus ausdrücklich: „Überquert dieselbe Person die Zähllinie später noch einmal, wird sie wieder als Passant*in gezählt (Doppelzählung).“ Der folgende Satz stellt klar: „Der Begriff Passant*in bezieht sich somit nicht auf die Person, sondern auf das Ereignis.“
Das Marktamt erhebt damit zunächst nicht die Zahl unterschiedlicher Menschen. Es zählt, wie oft Personen eine bestimmte Linie überschreiten. Je nach Lage und Verlauf der Zähllinie kann ein Kunde auf dem Hin- und Rückweg mehrfach erfasst werden. Überquert er die Linie später erneut, entsteht ein weiterer Treffer.
Ob solche Mehrfacherfassungen vor der Veröffentlichung rechnerisch bereinigt werden, erklärt die Schulungsunterlage nicht.
Mehrere Messbereiche am Naschmarkt
Beim Naschmarkt sind Mehrfacherfassungen noch aus einem weiteren Grund denkbar. Dort werden mehrere Bereiche gesondert gezählt: der eigentliche Naschmarkt, der neue Marktraum, und am Samstag der Flohmarkt.
Das kann sinnvoll sein, sofern die Bereiche getrennt ausgewertet werden. Werden die Ergebnisse jedoch zu einer gemeinsamen Besucherzahl für den Naschmarkt addiert – also etwa zu den veröffentlichten 110.000 Besuchern pro Woche –, eröffnet sich eine zusätzliche Möglichkeit für Mehrfachzählungen.
Dieselbe Person kann mehrere Bereiche besuchen und zudem einzelne Linien auf dem Hin- und Rückweg passieren. Es handelt sich zwar immer um dieselbe Person, doch sie wird jedes Mal eigens erfasst.
Wie solche Überschneidungen behandelt werden, geht aus der Schulungsunterlage nicht hervor.



Elf Stichprobenstunden für einen Wochenwert
Die Frequenz wird zudem nicht durchgehend gemessen. Am Donnerstag und Freitag sind pro Markt jeweils vier einstündige Zählfenster vorgesehen: von 6 bis 7 Uhr, von 10.30 bis 11.30 Uhr, von 14 bis 15 Uhr, und von 17 bis 18 Uhr. Am Samstag kommen drei weitere Stunden hinzu. Wie aus diesen elf Stichprobenstunden Wochenwerte und schließlich Jahreszahlen entstehen, wird in der Unterlage nicht erläutert.
Eine Hochrechnung ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist jedoch, welche Faktoren verwendet werden – und ob Mehrfachquerungen sowie Durchgangsverkehr vorher oder nachher korrigiert werden.
Der exxpress konfrontierte die Stadt Wien mit diesen Fragen. Bis Redaktionsschluss blieb die Anfrage unbeantwortet.
Das Rechenblatt von 2023
Zusätzliche Brisanz erhält die Angelegenheit durch ein Dokument, über das der exxpress bereits in der Vorwoche berichtete. Es handelt sich um ein handschriftlich ausgefülltes Formular mit dem Logo der MA 59. Nach Angaben anonymer Hinweisgeber wurde es zur Berechnung der Besucherfrequenz bei der „Langen Nacht der Wiener Märkte“ am 1. September 2023 verwendet.
Das Blatt ist weder unterschrieben noch mit einem Namen versehen. Wer es ausfüllte und wie es intern genau verwendet wurde, konnte bislang nicht unabhängig bestätigt werden.
Auffällig ist dennoch: Die Endsumme lautet exakt 162.465. Genau diese Zahl führte das Marktamt später offiziell als Besucherzahl der Veranstaltung an.

Erst multipliziert, dann zehn Prozent dazu
Das Rechenblatt enthält für jeden Markt einen Ausgangswert, einen Multiplikator, die Spalte „+ Schwund“ und eine errechnete Frequenz. Am unteren Rand steht die Formel: „Summe × Multiplikator + davon 10 % = Frequenz“
Beim Volkertmarkt werden aus dem Ausgangswert 1080 durch den Faktor zwei zunächst 2160. Danach kommen weitere zehn Prozent hinzu. Das Ergebnis: 2376. Warum die einzelnen Märkte mit unterschiedlichen Faktoren hochgerechnet wurden, geht aus dem Blatt nicht hervor.
Auch die Bezeichnung „Schwund“ irritiert. Üblicherweise bezeichnet das Wort einen Verlust oder eine Verringerung. Auf diesem Formular bewirkt der „Schwund“ das Gegenteil: Die Zahl steigt nochmals um zehn Prozent. Möglicherweise sollten damit Personen berücksichtigt werden, die während der ursprünglichen Zählung nicht erfasst wurden. Ob das tatsächlich die Erklärung ist und worauf der pauschale Aufschlag beruht, bleibt offen.
Besucherzahl Verdoppelt Marktamt Schweigt Zu Brisanter Rechnung
Wurden Doppelzählungen mitmultipliziert?
Bislang war unbekannt, was die Ausgangswerte des Rechenblatts genau abbildeten. Die neue Schulungsunterlage liefert nun einen möglichen Erklärungsansatz. Sie beweist allerdings nicht, dass 2023 nach exakt derselben Methode gezählt wurde.
Sollten auch damals Linienübertritte erfasst worden sein, könnten bereits die Ausgangswerte Mehrfachzählungen enthalten haben. Die Multiplikatoren hätten dann nicht zwingend unterschiedliche Menschen hochgerechnet, sondern möglicherweise bereits mehrfach erfasste Frequenzereignisse. Anschließend wären weitere zehn Prozent hinzugekommen.
Ob es tatsächlich so war und ob vor oder nach der Hochrechnung eine statistische Bereinigung erfolgte, hat die Stadt bislang nicht erklärt.
Offene Fragen – der Widerspruch bleibt
Eine Manipulation ist damit nicht bewiesen. Möglich ist, dass das Marktamt die Rohdaten nachträglich mit empirisch begründeten Faktoren bereinigt. Dann müsste das Marktamt allerdings seine Methode, die verwendeten Formeln und die Korrekturfaktoren offenlegen. Solange es das nicht tut, bleibt der zentrale Widerspruch bestehen: Intern zählt das Marktamt Linienübertritte und dieselbe Person ausdrücklich mehrfach. Öffentlich werden daraus exakte Zahlen von Menschen, Besuchern und Kunden.

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