Mehr als eine Million Waffen: Polens zivile Aufrüstung erreicht neuen Höchststand
Polen rüstet auf – zumindest zivil. Erstmals in der Geschichte des Landes sind mehr als eine Million Schusswaffen legal registriert. Das geht aus aktuellen Zahlen der polnischen Polizei hervor.
Konkret sind 1.037.778 zivile Waffen registriert. Allein im Jahr 2025 kamen mehr als 107.000 hinzu. Parallel dazu erreichte auch die Zahl der aktiven Waffenscheine einen Höchststand: Ende 2025 waren 411.769 Genehmigungen gültig – mehr als doppelt so viele wie 2015 (damals 192.819).
Rekordjahr 2025: 50.700 neue Genehmigungen
Noch nie hat Polen so viele neue Waffenscheine ausgestellt wie im vergangenen Jahr. 50.700 neue Genehmigungen wurden 2025 erteilt.
Ein Blick auf die Kategorien zeigt, wer besonders stark zugreift:
-21.071 Sammler-Genehmigungen
-17.601 Sportwaffen-Genehmigungen
-7.254 Genehmigungen zum persönlichen Schutz
Der starke Anstieg begann bereits 2022. Damals wurden 37.402 neue Genehmigungen ausgestellt – fast doppelt so viele wie 2021 (19.939). In den Wochen nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine meldeten Schießstände einen massiven Besucheranstieg.
Doch ist die Angst vor Moskau wirklich der Treiber?
„Das ist eine Illusion“
Für Dariusz Loranty, ehemaligen Warschauer Polizeisuperintendenten mit Erfahrung in Terror- und Mordermittlungen, greift diese Erklärung zu kurz.
„Das ist eine solche Illusion. Ein sehr kleiner Teil der Menschen hat diese Illusion“, sagt er mit Blick auf die These, die Menschen bewaffneten sich aus Angst vor Russland.
Stattdessen sei die Motivation eine andere:
„Tatsächlich ist die Begründung, dass die Menschen Angst vor einem Anstieg der Kriminalität im weiteren Sinne haben.“
Loranty verweist gegenüber euronews. dabei auf organisierte Banden – insbesondere georgische Gruppen – die seiner Einschätzung nach eher polnische Staatsbürger angreifen würden als Ukrainer.
EU-Schlusslicht – trotz Boom
Trotz der Rekordzahlen bleibt Polen im europäischen Vergleich ein Land mit sehr niedriger Waffendichte.
Laut Daten des Small Arms Survey (2017) gibt es in Polen rund 2,5 Schusswaffen pro 100 Einwohner – der niedrigste Wert in der EU.
Zum Vergleich:
-Finnland: 32,4 Waffen pro 100 Einwohner
-Österreich: 30
-Zypern: 29,1
In den USA dagegen liegt die Quote bei rund 120 Waffen pro 100 Einwohner. Damit sind Schusswaffen dort sieben- bis achtmal stärker verbreitet als im EU-Durchschnitt.
Während das Recht auf Waffenbesitz in den USA durch den zweiten Verfassungszusatz geschützt ist, gelten in der EU deutlich strengere und von Land zu Land unterschiedliche Regeln. Auch die Tötungsraten durch Schusswaffen liegen in den USA deutlich höher als in Europa.
Scharfe Kritik am System
Doch nicht nur die Zahl der Waffen sorgt für Diskussionen – auch das Genehmigungsverfahren steht in der Kritik.
„Das derzeitige System der Waffenvergabe verletzt das heilige Prinzip der Gewaltenteilung“, sagt Loranty.
Sein Vorwurf:
Die Polizei „überprüft, trifft dann eine Entscheidung und erlässt unter dem geltenden Recht Vorschriften für sich selbst“.
Er fordert eine Reform: Die Entscheidungsbefugnis solle von der Polizei auf die zivile Verwaltung übertragen werden. Gouverneure könnten Genehmigungen im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens erteilen – unter Einbeziehung der Polizei und mit gerichtlicher Überprüfbarkeit.
Mehr Psychotests gefordert
Ein weiterer Punkt: die psychologische Eignung.
Loranty plädiert für deutlich strengere Untersuchungen. Menschen mit Depressionssymptomen sollten vom Waffenbesitz ausgeschlossen werden. Die Untersuchungen dürften nicht oberflächlich sein – Psychiater sollten Bewerber mindestens zweimal in unterschiedlichen Situationen begutachten.
Seine Begründung ist bemerkenswert:
„Wenn jemand eine Waffe hat, wird er keinen Wodka trinken. Natürlich gibt es ein anderes Verantwortungsgefühl.“
Polnisches Recht verbietet strikt, Waffen unter Alkoholeinfluss zu tragen oder zu besitzen.
Politische Reformpläne sorgen für Widerstand
Auch politisch ist Bewegung in der Debatte.
Die Zentrumspartei Polen 2050, Teil der Regierungskoalition, brachte im Oktober 2025 einen Gesetzentwurf ein. Dieser sieht verpflichtende regelmäßige medizinische und psychologische Untersuchungen für alle Waffenbesitzer vor – auch für Jäger.
Geplant ist:
Bis 70 Jahre: Attest alle fünf Jahre
Über 70 Jahre: Attest alle zwei Jahre
Ausnahme für Sammler und historische Darsteller, deren Waffen keine direkte Bedrohung darstellen
Die Jagdverbände laufen Sturm. Eine frühere, nur Jäger betreffende Initiative war bereits im Parlament in erster Lesung gescheitert.
Aktuell läuft noch die öffentliche Konsultation – jeder Bürger kann Stellung nehmen.
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