Die Münchner Sicherheitskonferenz sollte Europas Geschlossenheit demonstrieren. Stattdessen wurde sie zur Bühne europäischer Bruchlinien. Was als Signal der Einigkeit gedacht war, endete als Moment strategischer Irritation – zwischen Rom und Berlin, zwischen Berlin und Paris.

Der Riss zwischen Rom und Berlin

Noch am 23. Jänner klang alles nach Aufbruch. Giorgia Meloni und Friedrich Merz trafen sich in Rom zu einem Regierungsgipfel. Beobachter sahen darin die Keimzelle einer neuen „Achse Rom–Berlin“.

Das Ziel war ambitioniert: ein Führungstandem, das die EU durch geopolitische Turbulenzen und angespannte transatlantische Beziehungen steuert. Vereinbart wurden ein verstärkter bilateraler Aktionsplan, ein Sicherheits- und Verteidigungsrahmen, engere Industrie- und Technologiekooperation, Stärkung der europäischen NATO-Säule, Ausbau der EU-Verteidigungsbereitschaft und koordinierte Reaktionen auf neue Bedrohungen. Italien und Deutschland wollten als gemeinsame Agenda-Setter auftreten – in einer Phase wachsender Zweifel an der Verlässlichkeit der USA. Doch in München zerfiel diese Inszenierung.

Merz sprach von einem „Riss“ zwischen Europa und den USA, und wandte sich gegen die „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA). Die „Kämpfe der MAGA-Kultur“ seien nicht Europas Sache. Meloni widersprach sofort und demonstrativ. Statt Distanz zu Washington forderte sie mehr Integration – und setzte weiter auf ihren direkten Draht ins republikanische Lager.

Autonomie gegen Anbindung

Merz liest die amerikanische Unberechenbarkeit als Warnsignal. Europa müsse souveräner, verteidigungsfähiger, strategisch eigenständiger werden. Meloni interpretiert dieselbe Lage anders. Wer Einfluss will, muss Nähe halten.

Sie kombiniert proeuropäische Positionen – etwa bei Ukraine oder Grönland – mit ideologischer Anschlussfähigkeit an den MAGA-Flügel. Ihre Nähe zum republikanischen Lager verschafft ihr einen privilegierten Zugang nach Washington, den kein anderer westeuropäischer Regierungschef in dieser Form besitzt.

Berlin gegen Paris

Doch Rom–Berlin ist nicht die einzige Baustelle. Eine Szene ging viral: Emmanuel Macron versucht in München mehrfach, Merz zu begrüßen – der Kanzler reagiert nicht. Ob bewusst oder nicht: Das Bild war eindeutig. Der deutsch-französische „Motor Europas“ stottert.

Hinter den Kulissen ist der Konflikt grundsätzlicher. Frankreich drängt auf strategische Autonomie – und schießt damit aber selbst nach Deutschlands Ansicht über das Ziel hinaus, denn faktisch bleibt Berlin bei enger US-Bindung. Sichtbar wurde das bei der Rede von US-Außenminister Marco Rubio. Während deutsche Spitzenpolitiker mit Standing Ovations reagierten, blieb Paris demonstrativ kühl.

Deutschlands Kritik an Macron geht dabei über taktische Differenzen hinaus. In Berlin wächst der Eindruck, Paris rede groß über strategische Autonomie, liefere aber zu wenig konkrete Substanz – insbesondere bei der militärischen Unterstützung der Ukraine. Während Frankreich politische Visionen formuliere, trage Deutschland faktisch einen größeren operativen Anteil. Hinzu kommt Misstrauen über Macrons innenpolitische Schwäche und die Ungewissheit der Präsidentschaftswahl 2027. In diplomatischen Kreisen heißt es daher offen, das eigentliche Problem sei nicht Rivalität – sondern fehlendes Vertrauen.

Fragile Achsen

Doch auch die Fragilität des Projekts Rom–Berlin trat offen zutage. Der frühere italienische Botschafter Piero Benassi kommentiert nüchtern: Es handle sich weniger um eine strukturierte Allianz als um eine Konvergenz kurzfristiger Interessen.

Hinzu kommt ein Machtproblem. In zentralen Ukraine-Verhandlungen sind die Europäer außen vor – obwohl der Krieg auf ihrem Kontinent stattfindet. Frankreich wirkt innenpolitisch geschwächt. Deutschland erscheint ohne klaren strategischen Plan.