Es geht um 1.600 Euro Steuergeld, ein Kinderbuch namens „Bruno will hoch hinaus” – und die Frage, ob der Staat beim Fördern von Inhalten für Kleinkinder genau genug hinschaut.

Das Buch aus dem Achse Verlag richtet sich laut Ministerium an Kinder zwischen vier und acht Jahren. Auf einer der Illustrationen ist ein unbekleidetes Baby zu sehen, darunter ein Text, der erklärt: Wer einen Penis hat, ist meist ein Junge – aber nicht immer. „Manche fühlen sich als Mädchen, manche irgendwie dazwischen.” FPÖ-Abgeordnete Ricarda Berger stellte dazu im Februar 52 parlamentarische Fragen an Vizekanzler Andreas Babler. Die Antwort kam Ende April – und sie ist bemerkenswert knapp.

Hier können Sie einen Ausschnitt des Buches sehen.
Hier können Sie einen Ausschnitt des Buches sehen.

1.600 Euro und ein Expertengremium

Was Babler tatsächlich beantwortet: Das Buch wurde 2022 mit einem Druckkostenbeitrag von 1.600 Euro gefördert – ein laut Ministerium „üblicher Betrag” für diese Förderschiene. Den Antrag stellte der Achse Verlag, ein anerkannter österreichischer Verlag. Fachbeiräte mit jahrzehntelanger Erfahrung in Kinder- und Jugendliteratur hätten die Empfehlung ausgesprochen, heißt es. Text- und Illustrationsbeispiele seien im Zuge des Verfahrens vorgelegt worden.

Das Buch im Überblick: „Bruno will hoch hinaus”, Achse Verlag. Autorinnen: Sabine Ziegelwanger, Flo Staffelmayr, Anna Horak. Zielgruppe laut Ministerium: 4 bis 8 Jahre. Förderung: 1.600 Euro Druckkostenbeitrag, vergeben 2022 aus dem Kunstförderungsgesetz.

Was das Ministerium für sich behält

Doch die eigentlich brisanten Fragen bleiben unbeantwortet. Berger hatte detailliert nachgefragt: Welche konkreten Textstellen wurden im Förderverfahren diskutiert? Welche Qualifikationen hatten die Prüfer im Bereich Kinderpsychologie? Wie wurde bewertet, ob Illustrationen ohne erklärenden Begleittext von Kleinkindern missverständlich gedeutet werden können? Und: Welche Abwägung wurde zwischen künstlerischer Freiheit und Kinderschutz getroffen?

Auf all das geht Babler mit keinem Wort ein. Stattdessen verweist er pauschal auf das bestehende Fördersystem, auf Beiräte und auf das Vieraugenprinzip – ohne konkret zu werden. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Buch selbst sucht man in der Antwort vergeblich.

Vizekanzler Babler schreibt dazu nur knapp: „Der erfahrene Kinderbuchverlag und die Buchautor:innen garantieren einen seriösen Umgang mit dem Thema Sexualität.”

Verantwortung? Liegt bei den Eltern

Bemerkenswert ist auch, wie Babler die Frage der Verantwortung beantwortet – oder besser: wegschiebt. Er schreibt wörtlich, die Verantwortung über die Lektüreauswahl liege „ausschließlich bei den Aufsichtspersonen bzw. Eltern”. Das klingt vernünftig – ist aber eine elegante Umgehung der eigentlichen Frage: Was prüft der Staat, bevor er mit Steuergeld solche Inhalte mitfinanziert?

Genau das hatte Berger gefragt: Wie wird verhindert, dass Eltern mit öffentlich geförderten Kinderbuchinhalten konfrontiert werden, ohne davon zu wissen? Die Antwort: gar nicht. Geförderte Titel werden im jährlichen Kunst- und Kulturbericht veröffentlicht – wer das liest, weiß Bescheid. Alle anderen nicht.

Zwischen Kunstfreiheit und Kinderschutz

Das eigentliche Spannungsfeld, um das es geht, spricht Babler nicht an: Wo liegt die Grenze zwischen legitimer, aufklärender Kinderliteratur und Inhalten, die Vierjährige schlicht überfordern? Diese Debatte wird in Österreich – wie anderswo – zunehmend schärfer geführt. Das Buch selbst ist kein Einzelfall; ähnliche Werke zur Geschlechtsidentität für Kleinkinder gibt es mehrere, und die Förderpraxis des Kulturministeriums war schon länger Ziel politischer Kritik.

Was bleibt: 52 Fragen, von denen die meisten unbeantwortet sind. Ein Ministerium, das sein Prüfsystem lobt, ohne es zu erklären. Und ein Buch, das weiter im Handel ist – finanziert mit Steuergeldern, deren Einsatz das zuständige Ministerium bis heute nicht transparent gemacht hat.