Nach Sydney-Terror: Staatssender ABC warnt vor Islamophobie – nicht vor Islamismus
Nach dem antisemitischen Massaker in Sydney durch mutmaßliche IS-Anhänger rückt Australiens öffentlich‑rechtlicher Sender ABC vor allem eine Sorge in den Vordergrund: Islamophobie. In einem Kommentar heißt es, der Terror sei „nicht religiös motiviert“ – wer ihn als religiös motiviert bezeichnet, befeuere Islamophobie.
Panische Szenen am Bondi Beach in Sydney: Badegäste fliehen, nachdem zwei Attentäter am 14. Dezember 2025 das Feuer auf eine jüdische Chanukka-Feier eröffneten.APA/AFP/UGC/Mike Ortiz
Kaum war der erste Schock über den Terroranschlag von Sydney verflogen, rückten in Australiens großen Nachrichtenmedien Warnungen vor Islamophobie in den Vordergrund. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ABC und Guardian Australia griffen das Thema in Serie auf und berichteten über einen sprunghaften Anstieg gemeldeter anti-muslimischer Übergriffe. Die Debatte über Täter, Ideologie und ihre Motive geriet zunehmend in den Hintergrund.
„Religiös motiviert“ sei falsch – und gefährlich
Auf dem ABC-Portal Religion & Ethics legte dann der Islamwissenschaftler Halim Rane nach. Seine zentrale These: Terror dürfe nicht als „religiös motiviert“ bezeichnet werden, weil das Islamophobie befeuere. „Falsche Etikettierung von Terrorismus hat Folgen. Sie schürt Islamophobie und verzerrt das öffentliche Verständnis von Religion“, schreibt er. Der Begriff sei „analytisch fehlerhaft, sozial schädlich“ und sogar „für nationale Sicherheit“ kontraproduktiv.
Rane ist kein Randautor, sondern Professor für Islamic Studies an der Griffith University – und bei ABC seit Jahren ein wiederkehrender Gesprächspartner und Kommentator in mehreren Formaten.
Nicht Religion, sondern Identität – und Islam als „Rivale“
Rane will stattdessen von „identitäts-motiviertem Terrorismus“ sprechen: Die Triebkraft sei kollektive Identität, nicht Religion – „selbst dann nicht, wenn religiöse Sprache lautstark bemüht wird“. Zugleich betont er, der Islam werde anders behandelt als das Christentum: Anders Behring Breivik, der 2011 in Oslo 77 Menschen tötete, und Brenton Tarrant, der 2019 in Christchurch in Neuseeland 51 Menschen ermordete, hätten christliche Symbole instrumentalisiert – dennoch werde ihre Gewalt nicht dem Christentum zugeschrieben.
Beim Islam sei das anders: „Der Islam wird als zivilisationaler Rivale behandelt“; Muslime würden als Außengruppe oft pauschal als „Kriminelle, Antisemiten und gewalttätige Extremisten“ gesehen.
Fazit des Autors: Wer so spricht, hilft Extremisten
Am Ende dreht Rane den Spieß um: Nicht nur Islamophobie werde geschürt – auch Terroristen profitierten. „Falsche Etikettierung … verstärkt unbeabsichtigt extremistische Propaganda“ und gebe Terroristen „die Legitimität, die sie suchen“.
„Religiös ungebildet“ – stimmt oft, erklärt aber nichts
Ein zentrales Argument von Halim Rane lautet: Viele dschihadistische Täter seien religiös ungebildet – Religion könne also kaum ihr Motiv sein. Tatsächlich belegen Sicherheitsbehörden diesen Befund teilweise. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 stellte fest: Zahlreiche Extremisten seien religiöse Anfänger. Ähnlich urteilt die Brookings Institution, die interne ISIS-Rekrutierungsdokumente auswertete: Die Mehrheit der Kämpfer verfügte über kaum formales religiöses Wissen.
Doch daraus folgt nicht, dass Religion als Antrieb irrelevant wäre. Terrorismusforscher warnen vor einem Kurzschluss.
Wenig Wissen, viel Sendungsbewusstsein
Lorne L. Dawson, einer der führenden Religionssoziologen im Extremismusbereich, unterstreicht: Geringe theologische Bildung bedeutet nicht geringe Religiosität. Im Gegenteil – vereinfachte Glaubensbilder, kombiniert mit absolutem Sendungsbewusstsein, seien besonders radikalisierungsanfällig. Wer nur wenige, aus dem Kontext gerissene Verse kennt, sei leichter für Gewaltideologien empfänglich.
Was Täter selbst glauben, zählt
Noch deutlicher wird Bruce Hoffman, einer der weltweit renommiertesten Terrorismusforscher. Hoffman arbeitete jahrelang für die RAND Corporation – einen einflussreichen sicherheitspolitischen Thinktank, der US-Regierung und Militär berät. Sein Befund: Für viele dschihadistische Täter ist Gewalt sakrale Pflicht, verstanden als göttlicher Auftrag. Entscheidend sei nicht, ob diese Auslegung theologisch korrekt ist – sondern dass die Täter selbst daran glauben.
Die Köpfe sind oft hochgebildet
Zudem sind längst nicht alle Akteure ungebildet. An der Spitze extremistischer Organisationen stehen häufig ideologische Strategen mit erheblichem Vorwissen. Der frühere ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi etwa verfügte über einen Doktortitel in Islamwissenschaften. Er lieferte den religiösen Rahmen, den weniger gebildete Anhänger übernahmen – vereinfacht, aber mit dem Anspruch göttlicher Legitimität.
Breivik und Tarrant – kein Doppelstandard
Dass bei Anders Behring Breivik und Brenton Tarrant nicht von „christlichem Terror“ gesprochen wird, ist gemäß der Forschung kein Doppelstandard, sondern folgt genau der gleichen wissenschaftlichen Logik: Terror wird nach Ideologie benannt. Breivik und Tarrant handelten aus rechtsextremem, rassistisch-suprematistischem Weltbild; christliche Symbole waren kulturelle Kulisse, kein göttlicher Befehl. Deshalb lautet die korrekte Einordnung: rechtsextremer Terror.
Forschungslinie klar: Ideologie benennen
Der Konsens der Forschung ist eindeutig: Terrorismus soll ideologisch beschrieben werden. Bei dschihadistischen Tätern heißt das islamistisch/dschihadistisch, nicht „islamisch“ – und auch nicht entkernt als bloß „identitär“. Identitätskonflikte liefern oft den Nährboden, die ideologische – häufig religiöse – Rechtfertigung liefert jedoch den letzten Schritt zur Tat. Identität ist der Treibstoff, Ideologie der Motor.
Erst die Lehre: „Nur Selbstverteidigung – und nur der Staat“
Im ABC-Kommentar auf Religion & Ethics zieht Halim Rane eine klare rote Linie: Der Koran erlaube Kampf nur „unter streng begrenzten Bedingungen“ – im Kern Selbstverteidigung oder Reaktion auf Vertragsbruch. Und selbst dann gelte: Gewalt sei „ausschließliches Vorrecht legitimer staatlicher Autorität“, nicht von Einzelnen, Gruppen oder „Vigilanten“. Dazu komme als Pflicht der Schutz von Zivilisten.
Kurz: Islam als strenge Ethik – Terror soll damit nichts zu tun haben.
Dann der 7. Oktober: „Militanter Widerstand“ statt Massaker an Zivilisten
Umso brisanter ist, wie Rane andernorts im Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 zitiert wird: In der australischen Community-Publikation Australasian Muslim Times (AMUST) wird er in einem Meinungsbeitrag wörtlich so wiedergegeben: Der Hamas-Angriff sei „militanter Widerstand als Reaktion auf Jahrzehnte der Ungerechtigkeit“.
Das steht im harten Kontrast zur Realität dieses Tages: Hamas überfiel zivile Ortschaften und ein Musikfestival, tötete rund 1.200 Menschen – überwiegend Zivilisten, darunter Kinder, Jugendliche und Frauen – und verschleppte rund 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen, wo viele eine monatelange Tortur durchlitten. Unter den Ermordeten waren auch Arbeiter aus Thailand sowie israelische Muslime.
Ranes Wortwahl verharmlost den Anschlag auf Unschuldige, gleichzeitig passt sie zu seiner häufigen Dämonisierung Israels, sowie zu seinen Kontakten zu pro-palästinensischen Aktivisten, die Kritiker im islamistischen Umfeld sehen.
Kommentare